Berliner-Verlag-Besitzerin Silke Friedrich: Die Frau im Hintergrund

29.06.2020
 

Wenn von den neuen Eigentümern des Berliner Verlags die Rede ist, dreht sich meistens alles um Holger Friedrich. Dabei ist der Einfluss von Silke Friedrich ziemlich groß. Was treibt die Verlegerin an? Ein kress pro-Porträt.

Der erste Kontakt verlief vielversprechend: Als die beiden Neuen am Rande des jährlichen Kongresses der Zeitungsverleger auf den Rest der Branche trafen, waren sie rasch umringt von neugierigen Kollegen. Nur wenige Tage zuvor hatte das bis dato in der Medienszene unbeschriebene Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich der DuMont Mediengruppe überraschend den Berliner Verlag abgekauft. Augenzeugen beobachteten an jenem Abend überaus freundliche Gespräche - bei denen überwiegend Holger Friedrich das Wort führte.

Auch in den folgenden Monaten bestimmte der neue Besitzer das öffentliche Bild. In einem dpa-Interview hatte Friedrich überraschend angekündigt, dem Verband der Zeitungsverleger nicht beizutreten. Ein Affront, den bis heute in der Branche niemand nachvollziehen kann. Anschließend deckte die "Welt am Sonntag" die Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich auf. Und der "Spiegel" machte die Einflussnahme des Verlegers auf die Redaktion der "Berliner Zeitung" öffentlich. Er hatte angeregt, über eines seiner Unternehmen zu berichten, was dann auch auf der Titelseite geschah.

Über Silke Friedrich hingegen hat man bisher nur wenig erfahren. Wenn von Neuerungen im Verlag die Rede ist, dann hauptsächlich von der digitalen Transformation der Redaktion, für die in erster Linie Holger Friedrich mit seiner IT-Firma Core SE zuständig ist. Auch bei den Verkaufsverhandlungen mit DuMont trat Silke Friedrich nach Informationen von kress pro persönlich nicht in Erscheinung. Zu Holger Friedrich existiert ganz selbstverständlich ein Wikipedia-Eintrag. Einen zu Silke Friedrich sucht man vergeblich. Unterschätzen sollte man sie aber nicht. Wer in ihr nur die Ehefrau an der Seite eines tatkräftigen Unternehmers sieht, liegt falsch.

Die Friedrichs leben und inszenieren ein symbiotisches "Wir", in das sogar seine individuelle Stasi-Vergangenheit eingemeindet wird. "Wir müssen uns jetzt dieser Lebensgeschichte stellen", sagte Silke Friedrich im Interview mit der "FAS". Die Zuständigkeiten sind nach außen klar verteilt: Sie führt die Geschäfte der Privatschule Berlin Metropolitan School, er ist eher bei den IT-Firmen und der Eventlocation Ewerk in Berlin engagiert. „Wir teilen uns in allen Bereichen unserer unternehmerischen Tätigkeiten die Aufgaben. Die Geschäftsaufbauthemen liegen bei meinem Mann. Ich übernehme die operative Ausgestaltung“, teilt Silke Friedrich mit, nachdem der Text online erschienen ist.* Im Handelsregister sind beide als Geschäftsführer der Holding Commercial Coordination Germany (CCG) eingetragen, in der alle Firmen gebündelt sind. Obwohl nur Holger Friedrich im Impressum der "Berliner Zeitung" aufgeführt ist, sind beide im Verlag präsent. In einem wöchentlichen Jour fixe immer montags tauschen sie sich mit Redaktion und Verlag aus. Mitarbeiter von Holger Friedrichs Firma Core waren in der Anfangsphase in einen Trakt des Verlagsgebäudes in der Alten Jakobsstraße gezogen.

Silke Friedrich hat ein Büro im vierten Stock, das sie sich mit der Buchhaltung und ihrem Mann teilt. „Ich verbringe aber die meiste Zeit in der dritten Etage beim Team, das die Transformation leitet“, teilt die Verlegerin mit.*

Redakteure beschreiben sie als den ausgleichenden Part zu Holger Friedrich, den erratischen, hochintelligenten Technik-Nerd, der hundert Ideen pro Minute am liebsten sofort umsetzen will, koste es, was es wolle. Ihr Auftreten kam anfangs bei der Belegschaft sehr gut an: eine eloquente, kluge Frau, so der Eindruck.

Während Holger Friedrich die großen Linien zieht und in Interviews schon mal die Kulturgeschichte bemüht, um "Erwartungshorizonte" zu beschreiben, geht Silke Friedrich Mitarbeitern zufolge eher pragmatisch an Projekte heran. Ihren Ehrgeiz schmälert das nicht. Kommen die Dinge nicht so voran, wie sie es erwartet hat, wirke sie schnell enttäuscht. Als Verlegerin ist ihr Einfluss vor allem auf die "Berliner Zeitung" groß.

Auf sie geht eine prominente Veränderung in der Redaktion zurück: die Personalie Margit J. Mayer. Da Silke Friedrich Wert legt auf Stil- und Design-Themen, holte sie die ehemalige Chefredakteurin der deutschen Ausgaben von "Harper's Bazaar" und "AD" als Leiterin für den neuen Bereich Style und Zeitschriften an Bord. Dem Eindruck, dass bis jetzt nicht viel passiert ist, widerspricht Silke Friedrich. "Im Layout haben wir bei der App sowie im Web und Offline, etwas bei unserer neuen Zeitschrift 'Eisern' und beim Magazin der 'Berliner Zeitung', bisher die größten Fortschritte gemacht", sagt sie. "Das ist auf Frau Mayer und auf das von ihr aufgebaute Team zurückzuführen. Sie leitet die Transformation unserer Produkte unter gestalterischen und ästhetischen Gesichtspunkten. Darüber hinaus baut sie gemeinsam mit ihrem Team den Themenbereich Lifestyle auf, der bis zur Übernahme des Verlages praktisch nicht existent war."* Mayer steht für internationales, weltoffenes Flair, das dem Selbstverständnis der Friedrichs und ihrem Bild der Metropole Berlin zugrunde liegt.

Mit internationalem Fokus führt Silke Friedrich seit 2007 auch die Geschäfte der Privatschule Berlin Metropolitan School (BMS) in Mitte: Die Unterrichtssprache ist Englisch. Zielgruppe sind internationale Familien. Momentan machen sie einen Anteil von 45 Prozent der Familien aus. Wer möchte, kann in der Schule eine Blaupause für das Berliner Verlagsprojekt sehen. Es hat nicht lange gedauert, bis die Webseite der Zeitung auch in einer englischen und russischen Version im Netz zur Verfügung stand.

Wirtschaftlich ist die Schule auf Expansionskurs: Zwischen 2015 und 2018 steigerte die BMS den Umsatz laut "Bundesanzeiger" deutlich von 12,8 Mio. auf 17,2 Mio. Euro. 2018 erwirtschaftet die Schule demnach einen Jahresüberschuss von gut 700.000 Euro. Im Vorjahr war es sogar noch doppelt so viel. Gut 43 Prozent des Gesamtumsatzes stammen allerdings aus staatlichen Zuschüssen, wie an privaten Schulen üblich.

Trotzdem ermöglicht das gute Ergebnis den weiteren Ausbau der Schule in der wirtschaftlich attraktiven Lage in Mitte. Neue Gebäude, Bibliotheken, Media-Center und Elterncafés kamen jüngst dazu. Nach Angaben der BMS steigt die Schülerzahl konstant. Derzeit unterrichten rund 160 Lehrkräfte mehr als 1.000 Schüler an der gebundenen Ganztagsschule, vom Kindergarten bis zu denAbschlussjahrgängen.

Nicht alle Eltern jedoch sind glücklich über den Wachstumskurs der Schule. In Gesprächen mit kress pro kritisieren einige, dass die hohen Schulgelder für den Ausbau verwendet werden und damit indirekt in das Vermögen der Friedrichs fließen. Zwar überzeugten die Qualität des Unterrichts und die pädagogischen Fähigkeiten der Schulleitung. Allerdings merke man der Schulführung an, dass Silke Friedrich nicht vom Fach käme.

Tipp: Das Porträt über Silke Friedrich ist in kress pro erschienen, dem Magazin für Führungskräfte in Medien.

Zudem bietet die BMS (neben dem deutschen mittleren Abschluss) nur zwei internationale Abschlüsse, kein Abitur – mit einem großen Nachteil für junge Menschen, die in Deutschland studieren wollen: Er wird nicht an allen deutschen Unis als gleichwertig anerkannt. Für Berlin ansässige Familien sinke daher die Attraktivität der Schule, so der Eindruck einiger Eltern. Von Berlinern für Berliner gilt hier als Motto offensichtlich nur bedingt. Silke Friedrich weist darauf hin, dass ab dem Schuljahr 2021 das deutsche Abitur hinzukommt.*

Auf einige ehemalige Lehrkräfte und Eltern machen die Friedrichs den Eindruck, im Laufe der Zeit die Maßstäbe aus den Augen verloren zu haben. Von Größenwahn ist sogar die Rede. Kritik werde von ihr zwar freundlich zur Kenntnis genommen, bliebe aber folgenlos. "Sie zieht ihr Ding durch", heißt es. Unter Klarnamen will die Kritik allerdings niemand äußern. Zu groß ist die Sorge, Nachteile zu erleiden. Einige wiegeln Anfragen sofort ab und begründen dies mit juristischen Schritten, die ihnen bei öffentlichen Äußerungen angedroht worden seien. "Zu keinem Zeitpunkt haben ich oder mein Mann mit juristischen Schritten bei öffentlichen Äußerungen gedroht", sagt dagegen Silke Friedrich.*

Spätestens in diesem Punkt werden Parallelen von Schulführung und Verlagstätigkeit deutlich. Denn ganz ähnliche Reaktionen bekommt man auf Anfragen im Berliner Verlag. Kaum jemand will sprechen. Denn niemand dürfe mit Journalisten anderer Medien reden, so laute die Direktive. Wer es doch tut, riskiert seinen Job. Doch auch hier widerspricht Silke Friedrich: "Weder ich noch mein Mannhaben Mitarbeitern verboten mit Medien zu reden bzw. mit Jobverlust in diesem Zusammenhang gedroht."* Dennoch ist das Misstrauen sowohl von Silke als auch Holger Friedrich in "die Medien" (insbesondere des Springer-Verlags) groß. Sie fühlen sich von ihnen schlecht behandelt. Da verwundert es wenig, dass Silke Friedrich eine Interview-Anfrage von kress pro nach längerem Schweigen abgelehnt hatte. Ihre Sicht auf die Entwicklung des Verlags, ihre Antwort auf kritische Stimmen und ihr Selbstverständnis als eine der immer noch wenigen Verlegerinnen in Deutschland bleiben daher weitgehend offen.

Eingebung auf dem Fahrrad

Das war nicht immer so. In ihrer Anfangszeit als Verlegerin erzählte Friedrich freizügig aus ihrem Leben. Offensichtlich stimmten damals "Twist" und "Spin" der Medien, wie Silke Friedrich die Haltung in journalistischen Texten bezeichnet. In einem wohlwollenden Porträt im Wirtschaftsteil der "FAS" erfährt man, dass sie gleich nach der Wende "von einer Stellenanzeige für eine Ausbildung zur Bürokauffrau elektrisiert" war. Weil das aber nicht alles sein hätte können, studierte sie nach der Ausbildung in Berlin an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Einige Jahre später sei ihr jedoch "auf dem Fahrrad über der Jannowitz-Brücke mit Kind im Kindersitz klar geworden": Das könne doch nicht alles im Leben gewesen sein. Also zog die Familie zwischenzeitlich nach London.

Dem Vernehmen nach wäre Silke Friedrich dorthin gerne wieder zurückgekehrt, hätte sich nicht die Gelegenheit ergeben, den Berliner Verlag zu übernehmen. "Für uns war klar: Entweder bewegen wir uns oder wir bewegen etwas. Wir haben uns dann für die zweite Option entschieden", so formulierte es die 48-Jährige in einem rbb-Interview.

In der Branche hat sich der Eindruck gefestigt, dass beide das Projekt unterschätzt haben, sowohl die öffentliche Wahrnehmung als Verleger als auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Im Gegensatz zu IT-Firmen, aber auch einer Eventlocation oder einer Schule operieren klassische Verlage in einem rückläufigen Markt. Gerade darin sieht die Geschäftsfrau mit internationalem Zielgruppenfokus wohl aber eine Challenge. Silke wie Holger Friedrich denken in Projekten. Und das größte Projekt, so beschreibt es ein Mitarbeiter, sind die Friedrichs selbst.

*Wir haben das Porträt am 29. Juli um Anmerkungen von Silke Friedrich (kursiv) ergänzt.

Das Porträt über Silke Friedrich ist in kress pro-Ausgabe 4/2020 erschienen. Sie können das Heft in unserem Shop kaufen. 

Ein kress pro-Abo können Sie in unserem Shop ebenfalls abschließen. Es bietet Ihnen unlimitierten Zugriff auf mehr als 200 Best-Cases aus Vertrieb, Vermarktung, Personal, Redaktion und Strategie und mehr als 50 Strategie-Gespräche mit den Top-Leadern der Branche. 40 Dossiers sind zudem im Abo inklusive.

Sie sind bereits Abonnent? Dann loggen Sie sich bitte unter Mein kress ein und lesen das aktuelle E-Paper.

kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.