Faktenchecks: Was bezahlt Facebook an Correctiv?

 

In Deutschland arbeiten das Recherchenetzwerk Correctiv und die Agentur dpa für Facebook, um die Verbreitung von Falschnachrichten auf der Plattform einzudämmen. Viel Geld nimmt Facebook dafür nicht gerade in die Hand, zeigen Recherchen von kress pro.

Wenn man Facebook glaubt, dann hat das Unternehmen in den vergangenen Wochen ziemlich viel richtig gemacht und eine wahre Informationsoffensive gestartet, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bekämpfen. Mehr als zwei Milliarden Nutzer etwa hat das Unternehmen nach eigenen Angaben auf Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder anderer Gesundheitsbehörden aufmerksam gemacht. 350 Millionen Menschen folgten dann diesen Links, um sich aus erster Hand zu informieren.

Zudem habe man "bereits Hunderttausende von Fehlinformationen im Zusammenhang mit Covid-19 entfernt, die gesundheitliche Schäden hätten verursachen können". Dazu zählt Facebook Behauptungen wie: "Der Konsum von Bleichmitteln heilt das Virus", und Theorien wie die, dass Kontaktbeschränkungen die Ausbreitung der Krankheit nicht verhindern können.

Auch in Nicht-Corona-Zeiten nimmt Facebook inzwischen für sich in Anspruch, "die Verbreitung von Falschinformationen auf unseren Plattformen zu bekämpfen". Dafür arbeite man "weltweit bereits mit mehr als 60 unabhängigen, externen Faktenprüfern zusammen, die über 50 Sprachen abdecken". In Deutschland hat das Unternehmen dazu Correctiv (seit 2017) und die Deutsche Pressea-Agentur (seit 2019) beauftragt. Im Mai hat man zudem angekündigt, dass dpa nun auch Inhalte aus Österreich und der Schweiz überprüft.

Um einschätzen zu können, wie stark Facebook sich gegen Fake News in Deutschland engagiert, fragte "kress pro": "Mit welcher jährlichen Summe honoriert Facebook die Faktenchecks?" Die Antwort des Tech-Unternehmens: "Die externen Faktenprüfer werden für ihre Arbeit bezahlt. Wir möchten jedoch keine Details dazu nennen." Auch Correctiv und dpa mochten keine Angaben dazu machen, was Facebook jährlich für die Faktenchecks überweist. Die Nachrichtenagentur verwies darauf, dass man grundsätzlich keine Zahlen zu einzelnen Kundenbeziehungen veröffentliche. Im Haus selbst sieht man die Kooperation als Business-Case, der Geld in die Kasse bringt. Immerhin für einen klar sechsstelligen Umsatz jährlich soll Facebook sorgen. Allerdings sind die Faktenchecks mit großem Aufwand verbunden, so dass die Kooperation nur in minimalem Umfang zur Finanzierung der dpa beiträgt, die im vergangenen Jahr im Kerngeschäft rund 93 Millionen Euro erwirtschaftete. Manche Verlage, die das Gros der Anteilseigner stellen, hätten es wohl lieber gesehen, wenn man auf die Zusammenarbeit mit Facebook verzichtet hätte. Denn in den Augen nicht weniger hat Facebook der Branche in den vergangenen Jahren viel versprochen, aber wenig gehalten. Wirtschaftlich ist die Kooperation aber zu unbedeutend, um daraus eine größere politische Frage zu machen.

Erstaunlicher ist da schon, dass auch das Recherchenetzwerk Correctiv nicht verraten möchte, wie viel Geld es von Facebook erhält. Eigentlich hat sich die gemeinnützige Organisation Transparenz auf die Fahnen geschrieben und listet alle größeren Geldgeber minutiös auf. Sogar das Gehalt von Gründer und Geschäftsführer David Schraven (2018: 89.000 Euro) findet sich auf der Website.

Tipp: Die Recherchen zu Facebook und Correctiv sind im aktuellen kress pro-Magazin erschienen.

Zu den Zahlungen von Facebook teilt Schraven lediglich mit: "Die Kooperation wird über unsere gewerbliche Tochterfirma, die Correctiv Verlag und Vertrieb UG, abgewickelt. Diese Tochterfirma steht im ganz normalen Geschäftsleben, wie jedes Unternehmen. Aus diesem Grund legt die UG anders als die Correctiv Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH ihre Einnahmen nicht detailliert offen."

Schraven beziffert allerdings die gesamten Umsatzerlöse des kommerziellen Zweigs von Correctiv im Jahr 2018 auf 552.000 Euro. Darin sind neben dem Factchecking ein Festival, Buchverkäufe, ein Buchladen und ein Café gebündelt.

Quellen aus dem Umfeld beziffern die Einnahmen von Correctiv durch die Facebook-Kooperation auf einige Hunderttausend Euro jährlich. Da der Aufwand für die Faktenchecks groß ist, dürfte der Überschuss aus der Kooperation mit Facebook aber nur zu einem kleinen Teil zur Finanzierung von Correctiv beitragen. So erzielte das Recherchenetzwerk im Jahr 2018 Einnahmen von rund 2,6 Millionen Euro. Als direkter Geldgeber ist Facebook bisher nur im Jahr 2017 aufgetreten, als es 105.000 Euro spendete.

Die Kooperation von Correctiv und Facebook wird in der investigativen Szene dennoch kritisch beäugt. Schraven verteidigt die Zusammenarbeit auf Anfrage: "Es ist eine Art Dilemma: Facebook ist einer der Gründe, warum Desinformation zu einem größeren Problem für unsere Gesellschaft geworden ist. (...) Wir sind überzeugt, wenn wir Desinformation wirkungsvoll entgegentreten müssen, dann muss dies dort geschehen, wo sie geteilt wird. Auf Facebook. Dafür ist die Kooperation notwendig." Zudem betont Schraven, die Redaktion arbeite "komplett unabhängig, sie wird in keinerlei Art und Weise eingeschränkt". Auch das Argument, dass die Investigativreporter Facebook wegen der Verbandlung nicht mehr auf die Finger schauen können, lässt Schraven nicht gelten. "Wir sind jederzeit in der Lage, Facebook zu kritisieren, wenn das nötig ist, und wir tun das auch." 

Ende Mai musste Correctiv für einen seiner Faktenchecks eine Niederlage vor Gericht hinnehmen. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hatte geurteilt, dass das Recherchekollektiv einen Beitrag von "Tichys Einblick" im Auftrag von Facebook aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht mit dem Stempel "teils falsch" hätte versehen dürfen. In der Begründung des Gerichts heißt es: "Entscheidend war dabei, dass die konkrete Ausgestaltung des Prüfeintrags für den durchschnittlichen Facebook-Nutzer nach Auffassung des Senats missverständlich war." Correctiv sieht in dem Urteil einen Einzelfall und die grundsätzliche Praxis der Faktenchecks nicht gefährdet. Facebook mochte das Urteil auf Anfrage nicht kommentieren.

Es fällt auf, dass Facebook zu den Faktenchecks in Deutschland ohnehin sehr zurückhaltend kommuniziert. So wollte das Unternehmen auf Anfrage weder beziffern, was es sich den Kampf gegen Falschinformationen in Deutschland kosten lässt, noch mochte man Zahlen nennen, wie viele Beiträge im vergangenen Jahr in Deutschland überhaupt geprüft wurden. Der Grund: Correctiv und dpa "entscheiden selbst, welche und in welchem Umfang Inhalte geprüft werden".

Im globalen Maßstab nennt Facebook dagegen schon Zahlen: "Im April haben wir Warnungen zu rund 50 Millionen Beiträgen im Zusammenhang mit Covid-19 auf Facebook angezeigt, die auf etwa 7.500 Bewertungen unserer unabhängigen Faktenprüfer basieren. Aufgrund der Warnhinweise haben sich Nutzer in etwa 95 Prozent der Fälle den ursprünglich ausgewählten Inhalt letztlich nicht anzeigen lassen", teilt Facebook mit. NGOs kommen in ihren Studien zu ganz anderen Ergebnissen und werfen Facebook vor, zu wenig gegen Falschbehauptungen zu tun. Das Ganze scheint ein Fall für die Faktenchecker von Correctiv und dpa zu sein. Man sollte die Frage wohl mal einreichen.

...

Das Recherche-Stück "Intransparente Faktenchecks" ist in kress pro-Ausgabe 5/2020 erschienen, dem Magazin für Führungskräfte in Medien. Sie können das neue kress pro in unserem Shop kaufen.

 

Weitere Top-Themen in kress pro: Vogel-Communications-Group-Chef Matthias Bauer sagt im Strategiegespräch, wie sein Haus auf die dramatischen Erlöseinbrüche reagiert; das Ranking: Die 25 wichtigsten Berater für Medienhäuser; wie Myriam Karsch und Florian Boitin den Playboy jetzt in Eigenregie herausbringen; was Ex-Antenne-Bayern Chef Karlheinz Hörhammer Privatsendern jetzt rät.

 

Ein kress pro-Abo können Sie in unserem Shop ebenfalls abschließen. Es bietet Ihnen unlimitierten Zugriff auf mehr als 200 Best-Cases aus Vertrieb, Vermarktung, Personal, Redaktion und Strategie und mehr als 50 Strategie-Gespräche mit den Top-Leadern der Branche. 40 Dossiers sind zudem im Abo inklusive.

Sie sind bereits Abonnent? Dann loggen Sie sich bitte unter Mein kress ein und lesen das aktuelle E-Paper.

kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.