Exklusiv: Schadet Corona den Karrieren weiblicher PR-Profis?

08.07.2020
 

Sabia Schwarzer, Kommunikationschefin der Allianz und GWPR-Vorständin, exklusiv im aktuellen PR Report über Opferrollen und überzogene Ansprüche.

Das ist gut möglich, sollte aber nicht so sein - und muss es auch nicht. Was stört mich an der aktuellen Debatte?

Erstens scheint es mir, als würden Frauen hier mal wieder eine Opferrolle einnehmen: "Schau mal, jetzt in der Krise werde ich noch mehr in meine Hausfrauenrolle gedrängt!" So, als hätten Frauen keine andere Wahl. Ich kann nicht glauben, dass gut ausgebildete, in der Arbeitswelt stehende Frauen nicht in der Lage sein sollen, dieses Thema erstens bei ihrem Partner und zweitens bei ihrem Arbeitgeber zu adressieren. 

Mein Mann und ich arbeiten beide Vollzeit und wir haben drei Kinder. Unser Leben verläuft weiß Gott nicht immer nach Plan, auch der Alltag nicht. Da geht es uns nicht anders als anderen Paaren. Aber wir sprechen regelmäßig miteinander dazu. Wer übernimmt was im Haushalt, wer tut was gerne (mein Mann liebt das Bügeln, weil er dabei entspannt, und er managt alle finanziellen Angelegenheiten). Und was kann an Dritte abgegeben werden wie das Putzen. Mal übernehme ich mehr, mal er - es herrscht immer Transparenz darüber, warum das dann jeweils so ist. Dieses Gespräch klingt einfach, ist es aber oft nicht - aber es ist unabdingbar. 

Dann gibt es das zweite Thema: Die Vorstellung, dass, wer in einer Krise wie der aktuellen um Covid 19 rund um die Uhr und ohne Unterbrechung arbeiten kann, einen starken Eindruck hinterlässt. Wirklich? 

Für mich ist das das Äquivalent dazu, wer im Büro als Letzter/Letzte am Abend das Licht ausschaltet. Gilt etwa auch in der Krise, dass ein High Performer ist, wer fleißig und stets verfügbar ist und ohne Unterlass durcharbeitet? Was ist ein "High Performer"? Ist es aus Arbeitgebersicht jemand, dem es gelingt, häusliche Probleme weg zu delegieren oder gar zu verdrängen? Wollen wir das? 

Unternehmen sagen, dass sie soziale Verantwortung übernehmen. Diese fängt für mich bei den eigenen Mitarbeitern und deren Familien an. Sozial ist, wenn ich als Arbeitgeber die Gesamtsituation, also auch die Familie, im Blick habe. Wenn meine Mitarbeiter ihre häusliche Gemengelage mit mir offen und im Vertrauen besprechen können - und, wenn ich als Chef helfen kann, zu priorisieren und so zu unterstützen, dass sich Arbeit und Familie gut vereinen lassen. Ob Karrieren von weiblichen PR-Profis in der aktuellen Lage Schaden nehmen, hängt also auch vom jeweiligen Arbeitgeber ab. 

Ein weiteres, wahrscheinlich sensibles Thema: der Anspruch der Frauen an sich selbst als Mutter. Muss der Kuchen immer selbstgebacken sein? Die saisonale Deko aufgebaut und die Kinder im neuesten Designer-Outfit gekleidet? Und können Frauen auch den Gedanken loslassen, dass sie selbst am besten wissen, was für ihre Kinder gut ist? 

Wir haben mal den Geburtstag unserer Tochter, der im Juli ist, erst im November gefeiert - vorher war einfach keine Zeit. Und als ich auf Reisen war, dachte mein Mann es sei eine tolle Idee, unsere dreijährige Tochter gemeinsam mit unseren acht- und sechsjährigen Jungs "Herr der Ringe" schauen zu lassen. Das hat mich maßlos aufgeregt. Aber sie haben es überlebt - und ich habe wieder gemerkt, wie gut die Gelassenheit meines Mannes unseren Kindern tut. Ich habe losgelassen und aufgehört, von unterwegs zu mikromanagen. Ich habe meinen Mann gerne gelassen - und das hat auch ihm das Teilen der Aufgaben leichter gemacht.

Ich selber habe Krisen in meinem Leben durchstehen müssen. Meine Karriere hat darunter nicht gelitten. Das lag aber ganz bestimmt nicht daran, dass ich trotz Krise 24/7 bereit stand und so gearbeitet habe, als wäre nichts. Im Gegenteil. Es lag daran, dass ich Raum hatte, meine Situation transparent zu machen und dass meine Chefs mich gerade in der Krise enorm unterstützt haben - und zwar an erster Stelle als Mensch und an zweiter Stelle als Arbeitskraft. Werden also Frauen wegen der aktuellen Corona-Krise einen Karriereknick erleben? Vielleicht. Aber die Verantwortung dafür liegt zu gleichen Teilen bei den Arbeitgebern und den Frauen.

Tipp: Der aktuelle PR Report beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie das Virus die PR verändert. Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug. Lesen Sie im Magazin:

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Der PR Report erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Daniel Neuen.

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