Gabor Steingart spricht mit Kasia Mol-Wolf über eigene Fehler und den Umgang mit Kritik

15.07.2020
 

"Pathos pur" (Stefan Niggemeier), "Märchen statt Journalismus" (Thomas Knüwer): Gabor Steingart, Gründer von Media Pioneer, hat für seine Arbeit in den vergangenen Wochen harte Kritik einstecken müssen. Wie er damit umgeht, was für ihn Scheitern bedeutet und was für ihn die wichtigsten Learnings aus zwei Jahren Media Pioneer sind.

"Ich begrüße jede Form von Kritik, weil sie ein Lebenszeichen ist und auch wieder zur Vitalisierung bei einem selber führt. Wenn das, was wir täten, keiner zur Kenntnis nehmen würde, wäre es schlimmer", sagt Gabor Steingart im Podcast-Interview mit Verlegerin Kasia Mol-Wolf (Emotion, Hohe Luft).

Steingart gibt zu, dass er auch nicht all die "krasse Kritik" liest, die über ihn einbricht. Er schütze sich davor und verbringe nicht den ganzen Tag damit, in den Untiefen von Facebook, Twitter oder LinkedIn jeden Kommentar über seine Arbeit zu lesen.

Zuletzt hatte der frühere Handelsblatt-Chef für seinen Newsletter und seine Arbeitsweise scharfe Kritik von den Medienprofis Thomas Knüwer und Stefan Niggemeier einstecken müssen. Auch die langjährige Axel-Springer-Führungskraft Jan-Eric Peters setzte Steingart einen Schuss vor den Bug, wie kress pro berichtete.

Zum Vorwurf der sehr subjektiven Berichterstattung, die schlecht recherchiert sei, sagt Steingart im Podcast-Gespräch mit Kasia Mol-Wolf: "Subjektiv? Auf jeden Fall. Schlecht recherchiert? Kommt auf den Einzelfall an." Klar, habe man schon Fehler gemacht, klar, habe er auch Fehler gemacht, "lebenslang und immer wieder". Aber man versuche, besser zu werden.

Am Anfang sei man bei Media Pioneer nur ein kleines Team von vier, fünf Leuten gewesen. Inzwischen gibt es eine feste Partnerschaft mit dem Geschäftsdaten-Unternehmen Statista, berichtet Steingart bei "Kasia trifft ...".  "Das heißt, unsere Zahlen werden nicht irgendwo zusammengesucht, sondern wir haben ein eigenes Team bei Statista in Hamburg, das für uns recherchiert". Man habe zudem ein "Fact-Checking" eingeführt. "Das macht jemand, der auch in der Spiegel-Dokumentation gearbeitet hat", verrät Steingart. Aber klar, auf dem Weg dorthin, habe es Fehler gegeben und werde es bei Medien auch immer wieder geben. Wichtig sei, dass man Mechanismen findet, darüber zu sprechen und besser zu werden und Fehlervermeidung zu vertreiben.

Die wichtigsten Learnings für Gabor Steingart nach fast zwei Jahren Media Pioneer: "Wichtig sind gute Leute, weil man sehr schnell feststellt, dass der Begriff self-made man oder -women nicht funktioniert als Konstrukt, sondern dass es tatsächlich nur als Team geht. Dafür sind die Fähigkeiten, aber auch die Vitalitätsreserven eines einzelnen Menschen - das trifft auf alle zu, die gegründet haben - nicht ausreichend." Insofern ist für Steingart das Teambildung das Entscheidende.

Man brauche auch eine gewisse Offenheit, weil man einen 5- oder 10-Jahresplan nicht im Kopf haben könne. "Dafür ist die Zeit, in der wir leben, zu beweglich. Insofern: Ja, man braucht eine Idee und Grundüberzeugung, aber in derselben Sekunde würde ich sagen, man braucht auch hohe Flexibilität, um auf Hindernisse reagieren zu können", so Steingart im Medien-Unternehmergespräch gegenüber Mol-Wolf. 

Bei der Beschreibung des Versprechens "100% Journalismus - keine Märchen" sagt Steingart: "Wir sind unabhängig von Werbung, weil wir die nicht annehmen." Er glaubt, Journalismus wird besser ohne Anzeigen. "Wenn wir eines Tages doch Anzeigen annehmen müssten, weil es anders nicht geht, dann ist diese Idee gescheitert. Dann weiß ich nicht, ob ich dann noch der richtige bin, das dann weiterzuführen." Aber es sei ein Versuch wert. Die Angst vor dem Scheitern halte ihn nicht davon ab, dies auszuprobieren.

Steingart ruft allen Gründern zu: "Die Angst vor dem Scheitern ist völlig unbegründet. Was ist Scheitern? Scheitern ist, dass man den Weg, den man sich vorgestellt hat, vielleicht nicht gehen kann. Das ist eine Sache, die wird einem im Leben immer wieder passieren. Das ist kein Scheitern. Das ist das Leben. Alles andere wäre ein extrem merkwürdiger Vorgang, wenn alles so eintritt, was ich mir so vorstelle - einer von 8 Mrd Menschen. Das mein Buch, nur weil ich schreibe, ein Bestseller wird. Alle anderen haben auch so ähnliche Träume."

In dem Gespräch mit Emotion-Verlegerin Kasia Mol-Wolf überlegt Steingart auch, wie Männer zu Verbündeten in der Gleichstellung werden, verrät seine Hoffnungen an die jüngere Generation und appelliert, dass wir nicht einfach die alte Männerwelt nachbauen dürfen. Er diskutiert über die Pflicht als Medienschaffende, Gleichberechtigung und strategische Veränderungen voranzutreiben und spricht sich gegen Heteronormativität sowie für einen Perspektivwechsel aus.

Lesetipp! kress pro, das Magazin für Führungskräfte in Medien, hat Gabor Steingart im vergangenen Jahr interviewt: Darin sagt der Media-Pioneer-Gründer, wie er den Journalismus neu erfindet und damit Geld verdienen will. Außerdem spricht er über seinen Rauswurf bei Dieter von Holtzbrinck und die großen Widersprüche in seiner Laufbahn. Sie können die Ausgabe in unserem Shop bestellen.

kress pro erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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