Christian Lindner: Brauchen wir wirklich noch Newsrooms?

 

"Wir orientieren uns endlich mehr an Inhalten und Ereignissen als an Regeln und Ritualen", schreibt Christian Lindner in seiner aktuellen Kolumne in kress pro. Bestes Beispiel sind für Lindner "die als Qualitätsgaranten herbeireformierten Newsdesks".

Werte Chefredakteure und Verlagsmanager,

Wann werden wir wieder wie früher arbeiten?" - das werden Mitarbeiter in den Corona-Monaten viele von Ihnen gefragt haben. Sie spürten dann die Sehnsucht, dass es auch in Ihrem Medienhaus irgendwann mal wieder so sein möge wie vor Corona. Mitarbeiter erhoffen von ihren Chefs, dass sie selbst Fragen dieser Kategorie motivierend beantworten. Verantwortungsvolle Führungskräfte konnten ihnen diesen Gefallen aber nicht tun. Viele von Ihnen werden diese Frage bewusst so beantwortet haben, dass jede Hoffnung auf eine Renaissance der Prae-C-Ära zerstob und jedem im Team klar wurde: "Vergesst das. Wir werden nie mehr so wie früher arbeiten."

Sie wollten Ihre Leute damit nicht frustrieren. Weil Sie Ihr Medienhaus mit Draufsicht erleben, können Sie mehr noch als andere ermessen, wie viel sich durch die Corona-Krise in unserem Arbeiten in so kurzer Zeit so einschneidend geändert hat. Aus dem jäh erzwungenen Zerschlagen aller Workflows ist "New Work" geworden, aus dem "Nichts ist mehr normal" das "New Normal".

New Work und New Normal sind aber nicht nur etwa durch Homeoffice und Videokonferenzen, schnellere Kommunikation und beschleunigte Produkttransformation geprägt. Die eigentliche Veränderungskraft von New Work und New Normal ist grundsätzlich: Schon deshalb, weil wir völlig anders gearbeitet haben, werden wir nie mehr so arbeiten wie früher.

Wir haben gelernt, was alles verzichtbar ist - im Innenleben unserer Häuser, in unseren Produkten. Wir sehen jetzt, was uns vorher ineffizient gemacht hat - bei unserer Kommunikation, in unserer Organisation. Wir orientieren uns endlich mehr an Inhalten und Ergebnissen als an Regeln und Ritualen. Wir hinterfragen nun den Sinn von Strukturen, die wir vorher für alternativlos hielten.

Ein nachdenklich stimmendes Beispiel dafür sind die Newsdesks, die wir alle als Qualitätsgaranten herbeireformierten und hegten. Corona hat diese scheinbar unverzichtbaren Zentren der Zusammenarbeit entvölkert - und verblüfft mussten wir feststellen, dass unsere Medien ohne das Konzentrieren unserer besten Leute in einem verbildschirmten und oft auch verquasselten Newsroom so gut wie noch nie waren. Lag das am Ausnahme-Thema und dem Ausnahme-Interesse unserer Leser und User? Oder lag es daran, dass wir unsere Leute nicht mehr mit ritualisierten Prozessen verharzten, sondern die sich auf das konzentrieren konnten, was unsere Kunden von uns wollen - auf Themen und Inhalte?

Das sind wichtige, wuchtige Fragen. Jede gute Führungskraft organisiert deshalb jetzt nicht vorrangig die Rückkehr zur alten Normalität, sondern destilliert den Spirit von New Work und die Essenz von New Normal. Wer klug ist, geht jetzt mit seinen Corona-Helden aller Ebenen in Klausur (extern, moderiert und bitte nicht nebenbei blattmachend) und arbeitet, so lange alles noch frisch ist, heraus: Was lernen wir aus der C-Zeit? Was war und ist das Beste aus den Welten vor und während Corona - in puncto Organisation, Workflow, Effizienz, Planung, Personal, Produkte? Und wie vermählen wir das für die Zeit nach Corona?

Schon jetzt ist klar: Bei der Umsetzung müssen sich Unternehmen und Chefs davon verabschieden, einige wenige Regelarbeitsmodelle definieren zu können, die für die meisten Mitarbeiter meistens greifen. Letztlich wird künftig mit jedem Kollegen auszuloten und maßzuschneidern sein, was für seine Tätigkeit und sein Leben ebenso wie für das Haus die optimale Variante ist. Arbeitszeiten, Anwesenheit, Anbindung, Arbeitsplatz, atmende Modelle: Alles wird flexibler, fluider, fantasievoller als vor Corona sein. Und die Erwartung der Mitarbeiter, dass ihre Chefetagen Vielfalt ermöglichen und aushalten, wird steigen. Ja: Führen wird mit New Work noch anspruchsvoller.

"Wann werden wir wieder wie früher arbeiten?" Chefinnen und Chefs wissen, dass sie diese Frage auch für sich selbst ebenso weitsichtig wie folgenreich beantworten mussten - oder müssen: "Wir werden nie mehr so wie früher arbeiten."

Ihr Christian Lindner

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Christian Lindner schreibt in kress pro die monatliche Kolumne "Personalfragen". Der aktuelle Beitrag ist in der kress pro-Ausgabe 5/2020 erschienen (Titelstory: "Was darf ein Digitalabo jetzt kosten?"). Sie können kress pro in unserem Shop kaufen.

 

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