Jochen Wegner im Interview: Was bei der Zeit vom Home Office bleibt

 

Zeit Online-Chef Jochen Wegner sagt im kress pro-Interview, warum er zum Arbeiten schon mal in den Park geht, welche Fragen er seiner Redaktion montags stellt und wie er es geschafft hat, mit seinem Team mehr als 100.000 Digitalabonnenten zu gewinnen.

kress pro: Die Corona-Pandemie hat das journalistische Arbeiten und die Redaktionsorganisation verändert. Was nehmen Sie daraus mit?

Jochen Wegner: Selbst als Onliner hätte ich nicht erwartet, wie gut wir rein digital arbeiten können – der Schritt ins Homeoffice hat ganz ohne Dramen funktioniert, inzwischen hat sich ein Alltag eingespielt, den ich an manchen Stellen sogar besser finde als zuvor. Unsere Morgenkonferenz, die mit 15 bis 30 Kolleginnen und Kollegen per Zoom stattfindet, ist viel profunder, fokussierter, diskussionsfreudiger. Weil unser Newsroom komplett offen ist, können wir dort auf absehbare Zeit nicht alle zusammenkommen wie früher und werden eher versuchen, das dislozierte Arbeiten weiterzu verbessern.

kress pro: Was fehlt?

Wegner: Persönliche Brainstormings, die eine ganz andere Dynamik haben – wir haben es trotz aller Tools bisher nicht geschafft, diese Atmosphäre hinüberzuretten, und suchen nun nach Wegen, wie wir uns punktuell persönlich in größeren Gruppen treffen können. Bei Sonne gehen wir schon mal in den nahegelegenen Gleisdreieck-Park, für schlechtes Wetter haben wir die Kirche direkt nebenan gemietet, die gerade die meiste Zeit leer steht.

kress pro: Werden Sie die Videokonferenzen beibehalten?

Wegner: Was wir für immer beibehalten werden, ist die Goldene Regel, dass keine Versammlungen mehr stattfindet, ohne dass man sich per Video einwählen und gleichberechtigt mitdiskutieren kann.

kress pro: Sie haben kürzlich gesagt, dass man nicht mehr physisch anwesend sein muss, um in einer Redaktion arbeiten zu können. Wie meinen Sie das?

Wegner: Ein Beispiel: Gerade sind zwei Kolleginnen aus der Printredaktion in Hamburg zu Zeit Online gewechselt. Früher hätten sie wahrscheinlich in den Newsroom nach Berlin ziehen müssen. Heute stellt sich die Frage gar nicht mehr. Es ist gleich, wo die Leute sitzen, wenn wir wissen, dass wir gut mit ihnen zusammenarbeiten können. Aber auch ich muss mich umgewöhnen. Ein Vorstellungsgespräch per Video fand ich früher immer fürchterlich und habe das vermieden. Jetzt machen wir hier ein komplettes Onboarding, von der Bewerbung bis zum ersten Arbeitstag - mit Kolleginnen und Kollegen, die wir noch nie persönlich gesehen haben. Und es funktioniert super.

kress pro: Was bedeutet das für die zukünftige Arbeitsweise Ihrer Redaktion?

Wegner: Die könnte sich dauerhaft stark verändern. Wir suchen gerade eine Immobilie in Berlin, wo wir unsere Hauptstadt-Standorte zusammenziehen. Auch da diskutieren wir gerade noch mal neu. Vielleicht muss die Zentrale ganz andere Funktionen haben, als wir bislang dachten? Sie sollte ein Anziehungsort sein, der den Geist der "Zeit" atmet und die Möglichkeit für kreative Interaktionen bietet. Ob alle einen eigenen Schreibtisch benötigen, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Womöglich brauchen wir viele kleine Räume für Konzentration und wenige große Räume für Interaktion, alle flexibel buchbar. Das ist nur meine erste Einschätzung. Es gibt hier innerhalb der Führung unseres Hauses verschiedene Perspektiven, die ich gut nachvollziehen kann.

kress pro: Der Newsroom erweist sich ja gerade als nicht so praktisch.

Wegner: Ich bin ein Freund von Newsrooms, weil ich Arbeiten auf Zuruf toll finde. Auf dem Weg zur Kaffeemaschine kann ich mit drei Leuten reden, die ich schon lange dies oder jenes fragen wollte – und erfahre auch ungefragt viel Neues. Dieser Journalismus, der auf dem Flur oder in der Küche entsteht, fehlt uns schon. Wir haben tatsächlich überlegt, einen Livestream unserer Kaffeemaschine als Zoom-Raum anzubieten, um diese Zufallskontakte zu ermöglichen. Das ist natürlich eine Krücke. Tools wie Miro, die kollaboratives Denken ermöglichen, sind es aber auch. Wir versuchen besser zu verstehen, wie es allen zu Hause geht. Wenn man früher unsere Redaktion betrat, konnte man das oft spüren. Heute geht das nicht mehr.

kress pro: Wie gehen Sie damit um?

Wegner: Wir haben deshalb zum Beispiel die sogenannten Montagsfragen eingeführt. Einer unserer Datenwissenschaftler hat ein Tool gebaut, mit dem wir den Kolleginnen und Kollegen jeden Montag einige Fragen stellen, beweisbar anonym, Mehrfachabstimmung ausgeschlossen. Wie würdest Du heute Deine psychische Verfassung einschätzen, wie Deine physische? Wie gut kannst Du gerade zu Hause arbeiten? Wie gut funktioniert unsere Führung? Was fehlt Dir? Was müssen wir verbessern? Hast Du anonyme Fragen an die Chefredaktion? Die psychische und physische Verfasstheit war von Anfang an erfreulich gut und wird nun von Woche zu Woche sogar noch besser, auch die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen scheint derzeit ok. Die meistgestellte Frage ist, ob wir das Homeoffice nicht auch ohne Corona zumindest teilweise beibehalten wollen. Wir haben offensichtlich kein grundsätzliches Problem, unter Corona-Bedingungen zusammenzuarbeiten. Es ist kein Weltuntergang, wenn nicht alle ständig auf einem Haufen sitzen.

Im kress pro-Interview sagt Zeit Online-Chef Jochen Wegner, wie er es geschafft hat mit seiner Redaktion mehr als 100.000 voll bezahlte Digitalabos zu verkaufen, warum die Interaktion mit den Lesern der Schlüssel ist und was seine Redaktion unternimmt, um die Abonnenten zu halten. Das Interview ist in der aktuellen kress pro-Ausgabe 6/2020 erschienen. Sie können das Heft in unserem Shop kaufen.

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