Warum Kai Diekmann Selbstkritik von Journalisten unehrlich findet

06.08.2020
 

Kai Diekmann erklärt in einem Interview, warum in seinem Berufsleben Nähe zu Politikern wichtig ist. Der ehemalige Bild-Chefredakteur und Mitgründer der Agentur Storymachine spricht auch über die Härte von Journalismus, über Selbstkritik und wie es sich anfühlt, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen.

"Wenn ich der beliebteste Journalist Deutschlands hätte werden wollen, dann hätte ich nicht Bild-Chefredakteur werden dürfen, dann hätte ich mich vielleicht bei der Zeit bewerben müssen", sagt Kai Diekmann im Interview in der aktuellen "Zeit"-Ausgabe. Zum Markenkern von Bild gehöre nun mal, zu provozieren und zu polarisieren. "Da muss man Menschen manchmal wehtun. Schlagzeilen heißen auch deswegen so, weil sie sich für die Betroffenen wie Schläge anfühlen können", so Diekmann.

Seiner Meinung nach tut guter Journalismus den Betroffenen mitunter weh. "Richtig ist aber auch: Unter meiner Führung ist die Bild-Zeitung, wenn es darum ging auszuteilen, nicht zimperlich gewesen, dazu stehe ich. Wir waren dabei auch nicht immer gerecht", erklärt der langjährige Bild-Chefredakteur im Interview mit Anne Hähnig. Diekmann denkt dabei an die Bild-Kritik an Gerhard Schröders Agenda 2010, die in Schlagzeilen gipfelte wie: "Jetzt gehen Sie auch noch an die Sparschweine unserer Kinder ran!" "Das war einfach nicht in Ordnung. Weil Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 die Grundlage dafür gelegt hat, dass es unserem Land wirtschaftlich bis heute so gut geht. Damals haben wir eine Kampagne gefahren, die nicht nur politisch falsch war, sondern auch unfair. Aus der Perspektive von heute bedaure ich das", sagt Diekmann in der "Zeit". Mit Schröder habe er sich später versöhnt. Der Ex-Bundeskanzler habe Diekmann einmal einen Blindband geschenkt, der einen Umschlag und 380 leere Seiten enthielt. Widmung: "Für Kai Diekmann wohl genau das richtige Maß an Lesestoff."

Auch im Fall des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff seien journalistische Fehler gemacht worden. Natürlich habe es einen Herdentrieb gegeben, ein Jagdtrieb, der absurde Blüten getrieben habe. Aber was Diekmann stört: "Wenn Journalisten Unsinn angerichtet oder kollektiv und kolossal mit ihren Prognosen danebengelegen haben - wie beispielsweise beim Brexit oder bei der Wahl Trumps zum US-Präsidenten -, dann schlüpfen sie gerne eilig ins Büßergewand und versprechen hoch und heilig: Das nächste Mal machen wir es anders." Das sei unehrlich. Weil beim nächsten Mal ja doch wieder der gleiche Herdentrieb entstehe.

Dass er mitunter deinen engen Kontakt zu führenden Politikern pflegte, erklärt Diekmann mit einem Vergleich zwischen FAZ und Bild: "Die FAZ geht davon aus, dass der Mensch von der Vernunft regiert wird, so sortiert sie auch die Welt. Bild geht davon aus, dass der Mensch von Emotionen regiert wird, vom Bauchgefühl. Wir haben deshalb einen anderen, emotionalen Zugang zu Geschichten gesucht. Wir haben diese Geschichten vor allem über Personen erzählt, denn für nichts interessieren sich Menschen so sehr wie für andere Menschen. Schon deshalb musste ich Politikern nahekommen. Sonst hätte ich in meiner Zeit bei Bild keine insights gekriegt."

2017 hat Kai Diekmann die Agentur Storymachine mitgegründet, die für ihre teils prominenten Kunden die Kommunikation auf Social Media übernimmt. Dieser "Perspektivwechsel" hat für Diekmann durchaus etwas Wohltuendes: "Politiker zum Beispiel öffnen sich mir nun noch einmal anders. Sie erzählen mehr von ihrem Frust und ihren Problemen. Ehrlicherweise habe ich das als Journalist auch schon sehen können. Nur mache ich heute eben keine Schlagzeilen mehr daraus."

Für Diekmann ist der Seitenwechsel eine "großartige Herausforderung". Für ihn gibt es einen echten Paradigmenwechsel in der Mediennutzung. Früher seien ausschließlich die Journalisten die Agenda-Setter gewesen. Das sei in dieser Eindeutigkeit vorbei. Heute könne jeder zu seinen Bedingungen über die sozialen Medien kommunizieren. "Dabei unterstützt unsere Agentur. Wir sehen uns als Ghostwriter der digitalen Welt." Im Hintergrund zu stehen, falle ihm nicht schwer, beteuert Diekmann im Zeit-Interview mit Anne Hähnig. Sein Bedarf an Bühnenpräsenz sei für die nächsten Jahrzehnte gedeckt.

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