Ze.tt-Chefredakteurin Reimann: "Muss denn Journalismus immer rentabel sein?"

11.08.2020
 

Schwere Zeiten für "Millenials". Erst kündigte der Spiegel an, seine junge Marke Bento einzustellen, dann gab der Zeit-Verlag bekannt, dass das Online-Magazin Ze.tt künftig Ressort von Zeit Online wird. Marieke Reimann, Chefredakteurin von Ze.tt, fordert nun in der Süddeutschen Zeitung von den "alten" Medienhäusern "eine eindeutigere Unterstützung für junge Angebote".

Ze.tt war bisher ein eigenständiges Magazin mit Sitz in Berlin und zu Spitzenzeiten 25 Mitarbeitern. Derzeit sind es noch 18, davon elf in der Redaktion. Vier bis fünf sollen als Redakteure auch im neuen Ressort arbeiten. Für den Rest suche man Lösungen im Haus, niemand werde gekündigt, und auch bei auslaufenden Verträgen sehe es gut aus. Der Zeit Verlag nennt einen Rückgang der Werbeerlöse in der Corona-Pandemie als einen Grund für den Schritt, außerdem das Ziel, künftig Synergien nutzen zu wollen.

"Wir werden nicht wegen einer mangelnden Community verkleinert", stellt Chefredakteurin Marieke Reimann (32) im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung fest. Sie begleitet noch die Eingliederung, wird das neue Ressort aber nicht mehr leiten.

"Die jungen Magazine sind alle mit einem sehr hohen Anspruch gestartet", so Reimann, "das Kernziel war, Millennials zu erreichen, virale Hits zu produzieren und sich gleichzeitig auch noch total zu refinanzieren. Darin liegen schon viele Probleme." Zum einen, weil weder die Millennials noch die nachwachsende Generation Z eine homogene Masse seien. Man müsse schon eine spezifischere Zielgruppe ansprechen, meint Reimann in der SZ - schließlich erreichen auch konventionelle Medien nicht alle Menschen, die sie grundsätzlich erreichen könnten.

Marieke Reimann wundert sich darüber, dass an junge Angebote Anforderungen gestellt würden, die es in anderen Bereichen nicht gebe: "Muss denn Journalismus immer rentabel sein? Würde man ein Feuilletonressort aus einer Zeitung ausgliedern und versuchen, das rentabel zu machen, wäre das auch eine große Herausforderung. Warum hat man bei sehr jungen Medien, auch vom Gründungsdatum sehr jungen Medien, diesen Anspruch, dass sie in Windeseile refinanzierbar sein müssen?"

Es brauche immer noch "viel Vorlauf, um in alten Medienhäusern ein Generalverständnis zu schaffen für Themen und auch für Werbeformen, die nicht unbedingt auf der Tagesordnung stehen", sagt Reimann im Süddeutsche-Zeitung-Artikel von Aurelie von Blazekovic.

Von den "alten" Medienhäusern fordert die Führungskraft des Zeit Verlags "eine eindeutigere Unterstützung für junge Angebote", auch als Experimentierfelder und nicht zuletzt als Einstiegs- und Ausbildungsmöglichkeit für junge Journalistinnen und Journalisten. Knappe fünf Jahre gibt es Ze.tt. Für Reimann "keine lange Zeit, in der doch sehr behäbigen Medien- und Vermarktungsbranche, in der wir uns bewegen". Erst dieses Jahr haben sie mit "ze.tt gr.een" ein eigenes Paid-Content-Modell gestartet, das nun eingestellt wird. "Für die eigenständige Marke Ze.tt hätte ich mir gewünscht, dass wir mehr Zeit gehabt hätten."

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