Karriere-Kolumne: Erinnern Sie sich noch an Ihren Lebenstraum?

 

Die Sommerferien sind für Medienprofis eine gute Gelegenheit, um über ihre Zukunft nachzudenken: Wo soll die berufliche und persönliche Reise hingehen? Sich noch einmal an frühere Lebensträume zu erinnern, kann eine gute neue Orientierung geben, sagt Mediencoach Attila Albert.

Ein junger Lokalredakteur stand vor der Gelegenheit, in die Zentralredaktion zu wechseln. Viele Kollegen beneideten ihn. Doch er entschied sich gegen den Umzug und damit gegen die Beförderung. Es war nicht das Umfeld, in dem er leben und arbeiten wollte. Stattdessen machte er sich mit einer kleinen PR-Agentur, spezialisiert auf lokale Unternehmen, in seiner Heimatstadt selbstständig. Ein Ressortleiter, Mitte 50, hatte genug von den Planungs- und Verwaltungsaufgaben in der Redaktion, die der Job mit sich brachte. Er handelte aus, wieder als Reporter zu arbeiten, und nahm dafür sogar 15 Prozent Einkommensverlust hin.

Karriere wird irrtümlich oft als linearer Aufstieg verstanden: Anspruchsvollere Aufgaben, höhere Positionen und steigendes Gehalt. In Wahrheit entwickelt sie sich mal nach oben, dann wieder nach unten. Manchmal geschieht jahrelang gar nichts, dann auf einmal alles innerhalb weniger Tage. Die Sommerferien sind eine gute Gelegenheit, über die gewünschte Richtung nachzudenken: Wo soll Ihre berufliche und persönliche Reise hingehen? Gerade das Corona-Jahr 2020 ist voller Anregungen, grundsätzlich neu zu planen. Wer sein eigenes Ziel kennt, trifft dabei eher Entscheidungen, die in die passende Richtung führen

Gedanklich noch einmal zurück auf Start

"Ich habe gar keine Ahnung, was ich will", ist ein Satz, den ich oft im Coaching höre. Vielen Medienprofis fallen entweder gar keine andere Optionen ein ("Ich muss wohl noch so lange weitermachen, wie es geht") oder so viele, dass ein Leben dafür nicht ausreichen würde. In dieser Situation kann es sehr helfen, gedanklich noch einmal zurück auf Start zu gehen: Wie hat das eigentlich damals angefangen, wo wollten Sie ursprünglich hin? Durch die Umstände kam es meist anders als gedacht, wenn auch nicht unbedingt schlechter. Sich noch einmal an frühere Lebensträume zu erinnern, kann eine gute neue Orientierung geben.

Ganz einfache Dinge helfen oft schon, die Erinnerung wieder lebendig werden zu lassen. Den ersten eigenen Artikel noch einmal heraussuchen und lesen. Was haben Sie damals gefühlt, als er veröffentlicht wurde? Die Abschlussfotos des Volo-Jahrganges wieder einmal ansehen. Was ist aus diesem und jenem geworden - und was aus Ihnen? Wenn es sich machen lässt, besuchen Sie eine frühere Redaktion oder einen ehemaligen Chef. Was klingt da in Ihnen an, was ist noch wie damals und was heute anders? Solche Gedanken und Gefühle erwecken in Ihnen die Erinnerung an die Person, die Sie selbst einmal waren.

Ich habe mir viele Jahre lang den Zahlungsbeleg für mein erstes journalistisches Honorar aufgehoben: 250 Mark (1990). Ich war 17 Jahre alt und kaufte mir davon unter anderem ein neues Jacket. Mit der jungen Redakteurin, die mich damals betreute, bin ich heute noch in Kontakt. Ich erinnere mich an den schnellen, ehrgeizigen jungen Reporter, der ich damals war, und an meine größte Motivation: Etwas Neues zu lernen und Spaß zu haben - am Herumfahren, am Schreiben, mit den erfahreneren Kollegen sprechen. Wenn immer eine spätere berufliche Station diese Elemente nicht mehr beinhaltete, passte sie nicht.

Lebensträume nicht schon aufgeben

Es ist ganz normal, dass nicht alles so gekommen ist, wie Sie es sich vorgestellt haben. Bei den Herausforderungen des Alltags - Arbeit, Beziehung, Familie - und dem immer nötigen Pragmatismus geschieht es leicht, dass man seinen Lebenstraum beiseite schiebt. Aber das heißt nicht, dass Sie ihn aufgeben und vergessen müssen. Vieles können Sie immer noch wahr machen, vielleicht nur wenig anders, als Sie es sich damals ausgemalt hatten. Dabei geht es nicht um kindliche Fantasien. Sondern um das, was Ihnen einmal wichtig war. Was wollten Sie wirklich arbeiten, mit wem zusammen sein, wo und wie leben?

Ein Klient erzählte mir von seinem Traum, als Surfer in Kalifornien zu leben. Er hat das nie gemacht, ist aber endlich seinen Freiheitsdrang gefolgt: Die Konzernkarriere aufgegeben, sich selbstständig gemacht, glücklicher damit. Eine Klientin wollte immer Mutter sein, hatte aber keine eigene Familie. Sie startete nach ihrem Coaching einen privaten Kindergarten. Manche wollten als Korrespondenten in ferne Länder, andere endlich zurück in die Heimat. In jedem Lebensalter darf man noch träumen, an jedem Punkt sagen: "Ich mach das jetzt anders!" Was gestern war, kann heute enden und morgen ganz neu weitergehen.

Man sollte sich das aber nicht so vorstellen, als würde man "noch einmal neu anfangen". Dieses Bild ist für die meisten, wenn sie nicht mehr ganz jung sind, eher entmutigend. Es fühlt sich schnell wie ein Wegwerfen der bisherigen Lebensleistung an. Als wäre all das nun gar nichts mehr wert. Ein motivierender Gedanke ist es, "das nächste Kapitel" in seinem Leben aufzuschlagen. Was vorher war, behält seinen Wert und Anteil an der Geschichte, und nun geht es spannend weiter. Das gilt für den Volontär ebenso wie den Chefredakteur über 50, der nicht ganz freiwillig verabschiedet wurde und noch so viel Zeit vor sich hat.

Es ist eine beliebte Frage, was man seinem 16-Jährigen Selbst heute raten würde. Viel sinnvoller ist sie umgekehrt: Was würde Ihnen Ihr 16-Jähriges Selbst raten? Eventuell: "Hab mehr Spaß, probier mal was Neues aus. Ärgere dich weniger über andere Leute und den Kleinkram, der morgen schon wieder vergessen ist. Trau dich, endlich das zu tun, was du schon immer wolltest, auch wenn das andere vielleicht komisch finden." Die Vergangenheit ist vorbei, Ihre Zukunft aber liegt offen vor Ihnen. Wenn Sie zurück aus den Ferien sind, könnte sie eine reizvolle Destination sein, für die Sie als Nächstes planen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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