Diversität in den Medien: Auf einmal geht’s!

14.08.2020
 
 

Ist die Zunahme diverserer Berichterstattungen und Talkshowbesetzungen scheinheiliger Trend oder echte Wende – fragt sich Marieke Reimann in einem Beitrag im aktuellen medium magazin. Zu welchem Ergebnis die Chefredakteurin von ze.tt kommt.

Seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA und der anschließenden Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung auch hierzulande sind BIPoC-Expertinnen und -Experten (BIPoC - Black, Indigenous, People of Color) begehrt. Plötzlich "in", möchte man meinen. Die Frage, die im Raum steht, ist deshalb die, ob viele Medien gerade nur einen Trend forcieren oder sich wirklich langfristig über diversere Strukturen in ihren Häusern Gedanken machen. Tun sollten sie es.

In den letzten Wochen schien es, als würde deutschen Medienschaffenden auf einmal bewusst, was unter anderem Initiativen wie die Neuen Deutschen Medienmacher schon Jahre bemängeln: Der deutsche Journalismus ist viel zu weiß. Das ist nur ein Problem, was er hat, aber eines, das ziemlich offensichtlich ist: Es ist erschütternd, dass zwar jeder Vierte in Deutschland einen sogenannten Migrationshintergrund hat, aber nur etwa jeder 50. Mitarbeitende in deutschen Redaktionen nichtweiß ist. In den Chefredaktionen sieht es noch karger aus.

Das Publikum zeigt sich mitunter verwundert ob der plötzlichen Möglichkeiten, Diversität in der deutschen Berichterstattung so reichhaltig unterzubringen: Kurz nach Beginn der letzten Anne-Will-Sendung vor deren Sommerpause twitterte die Autorin Christine Finke etwa: "Es ist erschütternd, wie ungewohnt das Bild von farbigen oder nichtweißen Menschen in einer deutschen Talkshow ist." In der Tat, das ist es.

Der Beitrag von Marieke Reimann ist im aktuellen medium magazin erschienen. Sie können das Heft in unserem Shop kaufen.

Sicher, es ist gut, dass nun endlich Schwarze Menschen und People of Color vermehrt zu Wort kommen, aber der Beigeschmack von Black Lives Matter als Trend gekoppelt an eine offensichtliche ShitstormVermeidungsstrategie bleibt so lange, bis klar ist, dass Diversität tatsächlich dauerhaft Einzug in deutsche Redaktionen hält. BIPoC-Redakteurinnen sollten nicht nur dann rekrutiert und gefördert werden, wenn Black Lives Matter gerade "das Topthema" ist, bei dem man seine Marke als ebenfalls sehr "aufgeschlossen und divers" in der Branche positionieren kann.

Offensichtlich ist vielen Medienschaffenden hierzulande nicht klar, dass Rassismus unserem System inhärent ist, auch unserem Mediensystem. Warum sonst gibt es so wenig Schwarze und Menschen of Color in unseren Redaktionen? Direkt daran schließt sich die Frage an: Warum beschäftigen sich so viele Journalistinnen und Journalisten offenbar erst jetzt, wenn überhaupt, mit Rassismus, dessen Auswüchsen und seiner Bekämpfung? Sollte es nicht Anspruch unseres Berufsstands sein, möglichst viele in unserer Gesellschaft zu erreichen?

Alleine die Tatsache, dass nun Schwarze und Menschen of Color als Expertinnen und Experten oft ausschließlich aufgrund ihrer eigenen Biografie geladen und dann bei Talkshows eingangs ernsthaft gefragt werden, ob sie denn schon mal Rassismuserfahrungen in Deutschland gemacht hätten, offenbart mindestens Naivität oder eben maximale Ignoranz. BIPoC sind bei Weitem nicht in der Bringschuld, Weißen auch noch die Arbeit abzunehmen, sich ernsthaft mit Rassismus auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass auch in der Verwendung nichtrassistischen Vokabulars großer Nachholbedarf in deutschen Redaktionen herrscht: Heute noch ernsthaft "Farbige" zu sagen oder zu schreiben, erinnert stark an die Intoleranz, mit der auch anderen sprachlichen Änderungen, etwa der Nichtnennung des N*-Wortes in Zitaten, gegenübergestanden wird. Aber: Vor allem Sprache reproduziert Rassismus.

Rassifizierte Menschen sollten auch dann als Gäste interessant sein, wenn sie als Expertinnen und Experten für ihre Fachbereiche stehen, auch sie arbeiten in unterschiedlichen Branchen und haben vielfältige Lebensentwürfe. Ein Punkt, der ebenfalls oft unterzugehen scheint: Schwarze und People of Color sind nicht alle gleich. Nicht jeder steht exemplarisch für die Haltungen und Wünsche des anderen, nur weil sie eint, nichtweiße Deutsche zu sein.

Momentan liegt die Vermutung nahe, dass es sich eher um eine kurzfristige Lösung des schnellen Aufden-Trend-mit-Aufspringens handelt. Dabei wären nachhaltige strukturelle Änderungen etwa in den Rekrutierungsmechanismen oder der Talentförderung der Medienhäuser durchaus möglich: Die BBC etwa setzt sich jährlich Ziele, den prozentualen Anteil rassifizierter Menschen in den Redaktionen und auf der Führungsebene zu erhöhen. Ze.tt schreibt Jobs so aus, dass sich schon in der Stellenbeschreibung etwa durch Wording und Bildsprache vor allem auch BIPoC-Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten angesprochen fühlen. Der WDR führt anonyme und freiwillige Befragungen zu einem möglichen Migrationshintergrund durch, um auf Diversität und Inklusion zu achten. Nur drei von einigen Ansätzen, die ein Anstoß für ernstgemeinte neue Vielfalt in unserer Berichterstattung sein könnten.

Der Beitrag von ze.tt-Chefredakteurin Marieke Reimann ist im aktuellen medium magazin erschienen. Weitere Themen in dieser Ausgabe sind u.a.: Die Top 30 bis 30 des Jahres 2020; Anne Will über die neue Gesprächskultur des Zuhörens; was vom Themen- statt Terminjournalismus und vom Homeoffice bleibt; der Schweizer Verlegerpräsident Pietro Supino über den "beschleunigten Strukturwandel"; Instrumente gegen Desinformation im Netz. Plus: 16 Seiten Journalismus-Werkstatt "Einfache Sprache. Wie Texte verständlicher werden". Sie können das neue medium magazin- Ausgabe in unserem Shop kaufen.

Das medium magazin erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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Zur Person: Marieke Reimann (32) ist seit 2017 Chefredakteurin von ze.tt, dem "Zeit"-Format für 16- bis Mitte 30-Jährige. Ende Juni wurde bekannt, dass ze.tt im September als Ressort bei Zeit Online eingegliedert wird. Die gebürtige Rostockerin hat einen Bachelor in Angewandte Medienwissenschaft (TU Ilmenau) und 2014 ihren Master in Journalismus (DJS / LMU in München) gemacht. Vor ze.tt war sie u. a. Radiomoderatorin und freie Sportjournalistin für "SZ", Focus Online, "FAS", "11 Freunde" und "Nido". Sie gehört zum Jahrgang 2015 der Top30 bis 30 des medium magazin.

Hintergrund: In dieser Woche hatte stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier einen ungewöhnlichen Bewerbungsaufruf gestartet, bei dem es um das Thema Diversität geht.

 

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