Schweizer Journalist-Chefredakteur David Sieber: Es kann in Redaktionen gar nicht genug Vielfalt geben

19.08.2020
 

Diversität ist in deutschen Redaktionen immer mehr im Kommen. David Sieber, Chefredakteur des "Schweizer Journalist", war mit seiner Februar-Ausgabe ein Trendsetter dieses wichtigen Themas. Im Editorial beschreibt er sich selbst als Exot.

"Unsere Gesellschaft ist extrem divers. Es gibt fast mehr Menschen mit Migrationshintergrund als ohne. In den Redaktionen spiegelt sich das in keiner Weise." So sprach Nicoletta Cimmino, die "Journalistin des Jahres 2019", in der vergangenen Ausgabe des Schweizer Journalist. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht (Schweizer Journalist 1/2020, Seite 14). Wenig überraschend: Die Radiofrau mit italienischem Hintergrund und aus einfachen Verhältnissen stammend hat recht. Auf Schweizer Redaktionen ist der Anteil Migranten klein, jener von Nichtakademikern auch. Das scheint logisch, ist Journalismus doch (auch) eine intellektuelle Tätigkeit, die einen sattelfesten Umgang mit Sprache und viel Allgemeinwissen voraussetzt.

Allerdings fanden immer auch Menschen in den Journalismus, denen man das eher nicht zugetraut hätte. Zum Beispiel der Schreibende. Ich bin ein klassischer Quereinsteiger, ohne Studium und ohne Matur, dafür mit einer Lehre und einem eidgenössischen Diplom als Landwirt in der Tasche. Nie hätte ich eine Chance auf ein Volontariat oder Praktikum erhalten, ohne das Glück, im richtigen Moment die richtigen Leute kennenzulernen. Ich konnte die sich mir bietende Gelegenheit nützen. Etwas Talent, eine Prise Ehrgeiz und ein kleines bisschen (Über-)Mut haben immerhin zu zwei Chefredaktoren-Jobs (mit dem hier eigentlich drei) geführt.

Ich bin natürlich nicht der Einzige, der es auf verschlungenen Pfaden in die Medien geschafft hat, aber dennoch ein Exot. Und das ist schade, weil eine Redaktion je lesernäher und damit erfolgreicher ist, je besser sie ihr Publikum abbildet. Eine Redaktion kann in dem Sinne gar nicht divers genug sein. Abgesehen davon gibt es einfach die besseren Geschichten, wenn Menschen mit vielen unterschiedlichen Herkünften und Erfahrungshorizonten zusammenarbeiten. Das gilt auch für Diaspora TV, dem Internetfernsehen von und für Migrantinnen und Migranten. Es ist spannend, wie sie die Schweiz sehen und welche Themen sie bewegen (Schweizer Journalist, Seite 24).

In ganz anderen Dimensionen bewegt sich SRF. Den neuen Newsroom, aus dem künftig alle Nachrichtensendungen gespiesen werden, ist ziemlich beeindruckend. Exklusiv und vor dem offiziellen Start durften wir uns umsehen. Autor Benjamin von Wyl hatte das Gefühl, in einem Raumschiff gelandet zu sein (Schweizer Journalist, Seite 34). Noch futuristischer, jedenfalls für Journalisten fortgeschrittenen Alters, sind Medien à la Izzy und Kapow, die vorwiegend über Social Media funktionieren und eine ganz eigene Ansprache haben (Schweizer Journalist, Seite 66). Man fragt sich, ob ein herkömmlicher Ombudsmann, meist ein pensionierter Medienmensch, von deren Publikum als Schiedsrichter und Klagemauer akzeptiert werden würde. Das wird er auch bei den traditionellen Medien nicht immer, wie Roger Blum (SRG Deutschschweiz) und Ignaz Staub (Tamedia) erklären (Schweizer Journalist, Seite 54).

Und um dem Titel dieses Editorials gerecht zu werden, noch der Hinweis auf die neusten Zeitungs- und Onlinetrends im Rahmen des European Newspaper Awards, die wahrlich bunt wie das Leben sind (Seite 74). Noch bunter war's bloss noch an der "Journalisten des Jahres"-Feier vom 27. Januar in Zürich. Volles Haus,
tolle Stimmung und die geehrten Preisträgerinnen und Preisträger schon ziemlich divers (Seite 8).

...

Das Editorial von Chefredakteur David Sieber ist in der Februar-Ausgabe des Schweizer Journalist erschienen. Das Magazin widmet sich in seiner Titelgeschichte dem Thema Diversität in den Medien. Sie können den Schweizer Journalist in unserem Shop kaufen.

Der Schweizer Journalist erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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