"Für diese Art des Journalismus muss man kein Experte sein": Wirecard-Enttarner Dan McCrum im Exklusiv-Interview

 

Dan McCrum von der "Financial Times" deckte fast im Alleingang den Mega-Betrugsfall Wirecard auf. Der "Wirtschaftsjournalist" hat mit dem Investigativ-Reporter ein Exklusiv-Interview geführt. Darin verrät McCrum Erstaunliches über seine Vorgehensweise.

Wirtschaftsjournalist: Herr McCrum, Sie haben für die britische "Financial Times" einen der vermutlich größten Wirtschaftsskandale Deutschlands enthüllt. Wieso musste ein Reporter einer britischen Zeitung diese Vorgänge aufdecken?

Dan McCrum: Gute Frage! Es ist ungewöhnlich, dass ein Journalist oder eine Zeitung einen solchen Betrug aufdeckt. Ein Teil des Erfolgs beruht auf der Tatsache, dass ich bereits vorher über die Vorgänge bei Wirecard geschrieben habe. Ich habe von 2015 an eine Reihe von Artikeln verfasst und das hatte zur Konsequenz, dass Whistleblower sich an die "Financial Times" wandten, als sie bereit waren, über Interna des Unternehmens zu sprechen.

Wirtschaftsjournalist: Nicht der "Spiegel", nicht das "Handelsblatt", nicht die "Süddeutsche" und auch nicht die "FAZ" haben Wirecard überführen können. Woran hat es gelegen, dass die deutschen Medien diese Aufdeckungsarbeit nicht geleistet haben?

McCrum: Ich glaube, das Unternehmen war für sehr lange Zeit sehr gut darin, es für Menschen schwer zu machen, die Firma in Frage zu stellen. Wirecards Geschäftsmodell war absichtlich komplex gehalten. Die Bücher waren ebenfalls sehr kompliziert. Auf diese Weise konnte Wirecard sich immer auf die Erklärung zurückziehen: Schau her, alles ist sehr kompliziert, du verstehst das nicht, lass es uns dir erklären! Wirecard hat zudem Kritiker sehr erfolgreich als korrupt diffamiert.

Wirtschaftsjournalist: Wie ging Wirecard vor?

McCrum: Wirecard machte das 2008 und es machte es erneut 2016, als der Zatarra-Bericht veröffentlicht wurde. Ich erinnere mich, dass ich 2015 von Wirecards Anwälten Post bekam. Sie deuteten an, dass die "Financial Times" auf eine naive Weise von Shortsellern missbraucht worden war. Wirecard hat sehr erfolgreich die Ansicht in die Welt gesetzt, dass alle Personen, die die Firma in Frage stellen, Wirecards Geschäfte entweder einfach nicht kapieren oder böswillige Interessen besitzen. Und weil die Zahlen so kompliziert waren, dauerte es sehr lange, um dem auf den Grund zu gehen.

Wirtschaftsjournalist: Deshalb machten die meisten Medien nichts?

McCrum: Es gab vielleicht schon Fragen über die Firma, welchen man besser hätte nachgehen können. Für eine sehr lange Zeit erzeugte Wirecard nie wirklich Cash. Wirecard wuchs sehr schnell und erzeugte angeblich große Profite, aber die Schulden stiegen auch immer weiter. Da gab es diesen heftigen Kontrast dazwischen, wie Wirecard seine Technologie beschrieb und wie die Industrie die Technologie betrachtete. Dieser Kontrast war ebenfalls spürbar bei der Tatsache, wie Wirecard und kleine Konkurrenten um Kunden wetteiferten.

Wirtschaftsjournalist: Sie hatten als Analyst bei der Citigroup gearbeitet, bevor Sie Journalist wurden. Braucht man eine solche Expertise, um eine derartige Geschichte aufzudecken?

McCrum: Ich will die Erfahrung aus vier Jahren Arbeit bei der Bank nicht überbewerten. Aber ich glaube, es ist wertvoll, zu verstehen, wie die Finanzmärkte funktionieren und wie Investoren sowie Unternehmen interagieren. Die WirecardGeschichte war eine Menge "learning by doing", ich wusste vorher nicht wirklich, wie man eine Bilanz liest. Ich probierte es herauszufinden. Wenn mir das nicht gelang, sprach ich mit Leuten, die solches Zeug verstehen. Für diese Art des Journalismus muss man kein Experte sein, man muss nur wissen, wie man mit Experten in Buchhaltung spricht.

Wirtschaftsjournalist: Haben Ihnen diese Kenntnisse geholfen, oder war es mehr journalistisches Handwerk, das Sie genutzt haben?

McCrum: Die Grundlagen ändern sich nie, man muss Fragen stellen, bis man eine Antwort erhält, die Sinn ergibt. Die Sache mit Wirecard war, dass man ständig Fragen stellte und sie immer mit Antworten kamen, die keinen Sinn ergaben. Man unternimmt natürlich noch andere Dinge, aber im Kern geht es genau darum. Um aufzudecken, dass eine Firma betrügt, muss man offensichtlich verstehen können, was ein Unternehmen versucht, wenn es falsche Profite verstecken will. Wenn ein Unternehmen Gewinne versteckt, verursacht das Löcher und diese Löcher hinterlassen Spuren. Am besten macht man das, wenn man mit Leuten spricht, die nach betrügerischen Firmen suchen.

Wirtschaftsjournalist: Welche Maßnahmen haben Sie unternommen, um Ihre Quellen zu schützen?

McCrum: Weil Kritiker Wirecards Ziel von Hackerangriffen geworden sind, waren wir um Informationssicherheit bemüht. Ich habe im Grunde drei Monate in einem Bunker mit einem Laptop ohne Internetverbindung gearbeitet. Nur auf diesem Gerät arbeitete ich mit Informationen von Whistleblowern. Dieser Laptop wanderte jeden Abend in einen Tresor. Um den Tresor zu öffnen, brauchte man zwei verschiedene Unterschriften. Bei Besprechungen blieben unsere Handys immer draußen. Ich hatte auch mein eigenes Dateiensystem, welches in den frühen Tagen daraus bestand, Dinge in Haufen zu stecken und danach herauszufinden, was wir hatten. Das ganze Projekt hatte einen Decknamen.

...

Wie Dan McCrum von der "Financial Times" den Wirecard-Betrugsfall aufgedeckt hat. Wer alles gegen ihn war und welche Ängste er ausstehen musste. Alles darüber im ersten deutschsprachigen Interview mit Dan McCrum, veröffentlicht als Titelgeschichte im "Wirtschaftsjournalist". Sie können den aktuellen "Wirtschaftsjournalist" in unserem Shop kaufen.

Der Wirtschaftsjournalist erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Wolfgang Messner.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.