Tunnelblick in Corona-Zeiten? ARD und ZDF wehren sich gegen Medien-Studie

21.08.2020
 

ARD und ZDF haben nach Ansicht der Medienforscher Dennis Gräf und Martin Henning in den ersten Monaten der Corona-Pandemie mit ihren Sendungen einen massenmedialen "Tunnelblick" erzeugt. Die öffentlich-rechtlichen Sender wehren sich gegen die These - und die Wissenschaftler fühlen sich missverstanden.

"Sondersendungen wurden zum Normalfall und gesellschaftlich relevante Themen jenseits von Covid-19 ausgeblendet: Es war eine Verengung der Welt", erklärt der Medienforscher Dennis Gräf vom Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Passau dem Evangelischen Pressedienst den "Tunnelblick" der öffentlich-rechtlichen Sender.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Hennig hat Gräf mehr als 90 Sendungen von "ARD Extra" und "ZDF Spezial" untersucht und sie im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai analysiert.

Die Wissenschaftler kamen zum Schluss, dass Journalismus differenzierter sein und Maßnahmen in der Corona-Pandemie auch grundsätzlich hinterfragen müsse. Dies sei in den Beiträgen der Öffentlich-Rechtlichen aber nicht geschehen, resümierten sie. Vielmehr überwiege das Bild: "Individuelles Wohl wird eingeschränkt für das überwiegende Wohl", betont Gräf gegenüber epd.

ARD-Chefredakteur Rainald Becker weist die Kritik zurück. "Dass das Informationsbedürfnis zur Corona-Pandemie außerordentlich hoch war und ist, belegt nicht zuletzt das große Interesse der Zuschauerinnen und Zuschauer an unseren Sendungen zum Thema", erklärte er auf epd-Anfrage. Für die ARD habe zu jeder Zeit die journalistische Qualität der Berichterstattung im Vordergrund gestanden. "Auch im Nachhinein halte ich Umfang und Inhalt unseres Informationsangebots für angemessen und ausgewogen." Der Vorwurf eines "Tunnelblicks" gehe an der programmlichen Realität im Ersten und an der Lebensrealität der Menschen vorbei.

Ein ZDF-Sprecher erklärte: "Die 'Tunnelblick'-These der Forscher ignoriert, dass Corona als dominantes Berichterstattungsthema der vergangenen Monate alle Lebensbereiche prägte und entsprechend umfangreich in den Berichterstatter-Blick geriet." Dass in den "ZDF spezial"-Ausgaben die aktuelle Entwicklung der Krise mit all ihren vielfältigen Aspekten im Vordergrund gestanden habe, "ist angesichts einer außergewöhnlichen Pandemie-Lage nicht überraschend, sondern sogar Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Informationsangebots".

Es habe gerade in den ersten Wochen großen Informations- und Erklärungsbedarf gegeben, "dem das ZDF Rechnung getragen hat". Dabei sei die Gewichtung von Corona- und anderen Themen ein täglicher Abwägungsprozess in den Redaktionen.

Der Co-Autor der Studie Martin Hennig von der Universität Passau weist gegenüber epd zudem daraufhin, dass Normalbürger "immer aus der Perspektive von Leistung inszeniert" wurden. "Immer wieder wurde von Helden des Alltags gesprochen, die ihre Berufsrolle ins Extreme übersteigern, Tag und Nacht für die Gesellschaft da sind und sich im übertragenen Sinne aufopfern für ein höheres Wohl." Als Beispiele nannte er Pflegekräfte oder DHL-Zusteller sowie die "Glorifizierung" des Virologen Christian Drosten. Homeoffice bei gleichzeitiger Kinderbetreuung sei indes vor allem als problematisch dargestellt worden, weil "der üblichen Produktivität nicht nachgekommen werden" könne.

Hennig erläutert ferner, die Sondersendungen konstruierten eigenständige Modelle der Welt, vermittelten gewisse Werte und arbeiteten mit Zuspitzungen. Wenn aber Inszenierungsstrategien verwendet würden, "die wir von Hollywood-Blockbustern" über gefährliche Viren kennen, würden die eigentlich als Dokumentationen gedachten Sendungen fast zum fiktionalen Format.

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung stellen die Medienforscher klar: "Es geht uns nicht darum, den Medien irgendetwas zu empfehlen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss unabhängig bleiben. Aber wir können das, was er macht, analysieren und interpretieren. Und dann wäre es wünschenswert, dass die Verantwortlichen unseren Beitrag erst mal lesen." Momentan beschränke sich der Diskurs darauf, dass jemand vermeintlich Kritik übe, und die werde als Ganzes umgehend zurückgewiesen. "Es wäre aber schön, wenn unsere Erkenntnisse in weitere Diskurse eingehen."

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