Christian-Lindner-Kolumne: Moderne Chefs machen ihre Vizes stark

 

"Richtig gute Chefs holen Vizes, von denen sie wissen: Der wird mal (noch) besser als ich. Wirklich starke Führungskräfte sorgen dafür, dass ihr Vize eine Alternative zu einem selbst wird." Aus Christian Lindners aktueller kress pro-Kolumne.

Werte Chefredakteure und Verlagsmanager,

viele von Ihnen waren es mal: Vize. Stellvertreter. Nummer  2. Und die meisten von uns kennen Chefs mit einem widersprüchlichen Verhältnis zu ihrem Vize (oder ihren Vizes): Dieser Boss-Typus möchte möglichst viel Hilfe von seinem Vize, sorgt aber selbst dafür, dass der das nicht leisten kann. Teils unbewusst, teils bewusst leisten sich diese Chefs Fehler, mit denen sie es ihrem Vize und sich selbst schwer machen.

Fehler 1: Solche Führungskräfte haben gerne Stellvertreter, die ähnlich wie sie ticken. Ja, es ist angenehm, eng mit jemandem zusammenzuarbeiten, dessen Persönlichkeit und Psyche, Auftreten und Agieren einem liegen.

Und doch ist diese Strategie bei Auswahl, Formen und Führen von Vizes problematisch: Jede Führungsebene gewinnt Stärke, wenn sie komplementär ist und agiert. Wirklich starke Chefs holen Vizes, die anders sind als sie. Der Kreative gönnt sich und seinem Haus das Strukturtalent. Der Blattmacher den Projektmanager. Der Temperamentvolle den Analytiker. Der Mann die Frau.

Fehler 2: Solche Chefs geben ihrem Vize keine klar umrissenen und konsequent respektierten Aufgaben. Sein Wirken bleibt dann für Team und Haus ebenso diffus wie seine Kompetenz. Auch das ist nachvollziehbar: Wenn die Nummer 2 nur dann als Nummer 1 wahrgenommen wird, wenn man Urlaub hat, bleibt die eigene Autorität ungeschmälert. Man hat es dann leichter. Scheinbar.

Denn in Wahrheit bleiben solche Chefs deutlich unter den Möglichkeiten eines echten Führungsteams. Top-Chefs überlassen ihrem Vize in aller Gelassenheit relevante Aufgabenfelder, auf denen der im Regelmodus als Nummer 1 wahrgenommen wird. Es lohnt sich, wahrnehmbar Macht abzugeben. Ja, die eigene Bugwelle wird kleiner. Ja, man wird dann in der Domäne des Vizes nicht mehr als allgegenwärtiger Chef wahrgenommen. Aber genau damit stärkt man seinen Vize, ermöglicht eine kontinuierliche Führung des anvertrauten Bereiches. Das entlastet einen wirklich – und man gewinnt Freiraum für nicht delegierbare Aufgaben.

Fehler 3: Vize-unbegabte Chefs schicken ihre Stellvertreter mit Vorliebe in den Morast des ewigen Klein-Kleins. Sie lassen ihre Vizes immer nur Tagessuppe löffeln, akute Probleme lösen, Feuer löschen. Diese Flipperkugel-Vizes können keine langen Linien beackern, ihre Qualitäten nicht ausleben.

Starke Chefs hingegen geben ihrem Vize bewusst auch Großprojekte. Sie übertragen ihnen relevante Vorhaben, mit denen ihre Nummer 2 glänzen kann. Sie lassen Erfolge zu, die ihnen auch selber gutgetan hätten.

Fehler 4: Manche Chefs meinen, immer wieder mal auf offener Bühne deutlich machen zu müssen, wer das Sagen hat. Kippen den vom Vize gewählten Aufmacher so, dass es der gesamte Newsroom mitbekommt. Lassen ihren Stellvertreter in der Konferenz bewusst zweitrangig aussehen. Bremsen ihn bei Meetings mit anderen Führungskräften erkennbar aus. Alles um des Signals willen und nicht der Sache halber.

Derlei Unbeherrschtheiten oder Inszenierungen nähren zwar den Chef-Nimbus, der einem vieles erleichtert. Und doch spricht alles dafür, solche Eingreif-Anlässe mit seinem Vize unter vier Augen statt vor dem Team zu klären. Noch besser: Den Entschluss seines Stellvertreters laufen zu lassen, obwohl man anders entschieden hätte – im weisen Wissen, dass man als Chef von einem starken Vize mehr hat als von einem geschwächten.

Fehler 5: Kurzsichtige Chefs halten ihren Vize für immer auf Abstand. Sie sagen ihm nicht fast alles. Sie bitten ihn nicht ganz offen: „Hilf mir mal beim Denken.“ Sie vermeiden, dass auch er im Haus als stark wahrgenommen wird. Sie lassen ihn nur bis zu einer gewissen Qualität reifen, dann deckeln sie ihn. Sie missbrauchen ihn als ewige Nummer 2.

Richtig gute Chefs hingegen holen Vizes, von denen sie wissen: Der wird mal (noch) besser als ich. Wirklich starke Führungskräfte sorgen dafür, dass ihr Vize eine Alternative zu einem selbst wird.

Chefs, die das können, haben am meisten von ihrem Vize. Und bleiben genau deshalb die Nummer 1.

Ihr Christian Lindner (zum Köpfe-Profil)

Christian Lindner schreibt in kress pro die monatliche Kolumne "Personalfragen". Der aktuelle Beitrag ist in der kress pro-Ausgabe 6/2020 erschienen (Titelinterview mit Zeit-Online-Chef Jochen Wegner: "Corona hat kein Strohfeuer entfacht"; Top-Story: Wie der Spiegel sein Digitalangebot radikal umgebaut hat). Sie können kress pro in unserem Shop kaufen.

 

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