Kolumne: So machen sich Medienprofis unabhängiger von den Meinungen anderer

 

Sie haben neue berufliche Pläne, aber Ihre Freunde raten ab. Sie wollen den Job wechseln, aber Ihr Partner ist dagegen. Vielen Medienprofis fällt es schwer, sich von den Meinungen anderer frei zu machen. Mediencoach Attila Albert über Schritte zu mehr persönlicher Unabhängigkeit.

Eine junge, bereits früh erfolgreiche Reporterin hatte ein Angebot erhalten, von dem alle ihre Volontärskollegen träumten: Eines der renommierteste Magazine Deutschlands bot ihr eine gut bezahlte Festanstellung an. Ihre Eltern und Freunde beglückwünschten sie. Doch sie zögerte: Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, sich in einen riesigen Redaktionsapparat einfügen zu müssen. Zudem wollte sie nicht in der Großstadt leben, in der das Magazin seinen Sitz hatte, sondern nahe der Natur. "Diese Chance kannst du doch nicht wegwerfen", hörte sie von allen Seiten und war zunehmend verunsichert. War sie dabei, einen kapitalen Fehler zu machen?

Der langjährige Redakteur einer Regionalzeitung überlegte, sich woanders zu bewerben. Er war seit mehr als 15 Jahren an derselben Stelle, berichtete über die immer gleichen Themen und Protagonisten. Weder an eine Beförderung noch an eine Gehaltserhöhung war zu denken. Mit Mitte 40 fühlte er sich noch zu jung, um auf die Rente zu warten. Aber gleichzeitig zu alt, um weitere Lebensjahre mit Zögern verlieren. Seine Frau fand schon den Gedanken daran unverantwortlich. Sie wies ihn darauf hin, dass sein sicherer Vertrag die Familie finanziell trug, sie zwei Kinder und ein nicht abbezahltes Haus hätten. Waren seine Wünsche leichtsinnig?

Mit der Erfahrung relativiert sich vieles

Für die meisten Medienprofis geht es in einem Coaching anfangs vor allem darum, sich erst einmal darüber klar zu werden, was sie nun eigentlich wollen. Das ist vor allem der Fall, wenn das Naheliegende bereits erreicht ist. Wer nach einer freien Mitarbeit endlich seinen Vertrag hat, vergleicht die Vor- und Nachteile beider Lebensmodelle aus eigener Erfahrung. Wer seine ersten Beförderungen hinter sich hat, beurteilt "Karriere" differenzierter: Gern, aber nicht zu jedem Preis. Ein großer Schritt dabei ist, sich von den Erwartungen und Empfehlungen anderer zu befreien. Doch das stellt sich häufig als schwieriger heraus, als man erwartet hätte.

Bei grundsätzlichen Diskussionen ist es leicht, abstrakt von "der Gesellschaft" zu sprechen oder selbst auf "die Medien" zu schimpfen, etwa wegen gewisse Stereotypen in Magazinen. Doch in Wahrheit hat man es mit konkreten, durchaus wohlmeinenden Menschen zu tun: Mit den eigenen Eltern, dem Partner, Freunden, Mentoren, Kollegen. Insbesondere Angehörige mögen zwar nicht in der Medienbranche arbeiten, äußern aber trotzdem gern ihre Meinung - erkennbar aus echter Liebe und Fürsorge. Gleichwohl passen deren Ratschläge nicht zu einem oder liegen ganz daneben. Aber es fällt meist wesentlich schwerer, sie ungerührt beiseite zu schieben.

Ein häufiges Dilemma im persönlichen Bereich

Dieses Dilemma ist so häufig, dass ich ein ganzes Buch darüber geschrieben habe. Aus meiner Sicht ist diese Ablösung ein Teil eines späten Erwachsenwerdens: Sich Meinungen anhören zu können, sie zu überdenken, aber dann ohne Drama oder ewigen inneren Zwiespalt auch anders zu entscheiden - "Du bist nicht ich, und das ist okay." Gleichzeitig auch bereit und in der Lage zu sein, die Konsequenzen zu tragen. Beispiel: Sie haben ein gutes Job-Angebot. Ihr Ressortleiter, mit dem Sie auch befreundet sind, spricht dagegen - vor allem, weil er Sie nicht als Mitarbeiter verlieren will. Sie gehen trotzdem, und es kann sein, dass die Freundschaft darunter leidet.

Wie entzieht man sich dem ganz normalen Gruppen- und Konformismus-Druck innerhalb seines persönlichen Umfeldes, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können? Es ist vor allem eine Sache der inneren Einstellung. Diese Schritte können Ihnen dabei helfen:

  1. Erkennen Sie an, dass Interessenkonflikte selbst im engsten Kreis (z. B. mit Partner, Eltern) ganz normal sind. Sie sind unabhängige Individuen mit eigenen Vorstellungen.

  2. Sehen Sie, dass diese Meinungsäußerungen wenig mit Ihnen zu tun haben. Sie verraten Ihnen vor allem etwas über die Wünsche, Sorgen und Ängste Ihres Gegenübers.

  3. Geben Sie den aktuellen Äußerungen der anderen nur ein begrenztes Gewicht. Sie werden ihre Ansichten immer wieder verändern, je nachdem, wie die Lage später ist.

  4. Hören Sie sich Meinungen nicht einfach nur an oder widersprechen ihnen. Stellen Sie offene Fragen. Das nimmt den Gesprächen die Schärfe, und Sie erfahren Hintergründe.

  5. Freunden Sie sich mit dem Gedanken an, dass sich gewisse Konflikte nicht lösen lassen und das auch nicht notwendig ist. Vieles muss nicht ausdiskutiert werden.

  6. Erkennen Sie, dass Sie schlussendlich immer selbst die Konsequenzen tragen werden. Es ist daher nur sinnvoll, dass Sie sich die finale Entscheidung vorbehalten.

  7. Wenn Sie sich Hilfe oder Unterstützung wünschen, verhandeln Sie konkret: Was werden Sie tun, was wünschen Sie sich? Seien Sie aber bereit, zunächst allein voranzugehen.

Vertrauen Sie grundsätzlich Ihrer Intuition ("Bauchgefühl"), auch wenn einige Fakten zunächst gegen eine geplante Entscheidung zu sprechen scheinen. Meist kennen Sie den Weg, der zu Ihnen passen würde, bereits. Ihre Intuition weist Sie darauf hin. Die sachlichen Gründe, die dagegen sprechen, sind wertvolle Hinweise auf echte oder vermutete Hindernisse. Diese sollten Sie prüfen, hinterfragen und danach ordnen, welche Aufgaben sich darauf für Sie ergeben. Was muss erledigt, was abgewartet oder gelöst werden? Langfristig werden sie Sie nicht aufhalten, wenn Ihre Bestimmung Sie erkennbar in eine bestimmte Richtung führt.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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