Corona-Demo in Berlin: Gabor Steingart kritisiert Journalisten

01.09.2020
 

Gabor Steingart hat in seinem Morning Briefing-Newsletter den versuchten Sturm auf das Reichstagsgebäude während der Corona-Demonstration in Berlin scharf verurteilt. Zugleich kritisiert der Media-Pioneer-Gründer die Berichte "vieler Journalisten". Sie hätten Neugier durch Haltung ersetzt.

Gabor Steingart macht sein Morning Briefing am Montag mit den Corona-Protesten vom Wochenende auf, die zunächst friedlich abgelaufen und dann doch noch entgleist seien. "Der versuchte Sturm auf das Reichstagsgebäude und die Tatsache, dass vor dem Heiligtum des deutschen Parlamentarismus die schwarz-weiß-rote Fahne des deutschen Kaiserreichs geschwenkt wurde, muss jeden Demokraten verstören", schreibt Steingart.  Auch die Demonstranten dürften diese Ereignisse nicht verharmlosen: "Es ist ihr Rand, der da auf einmal nicht mehr bunt, sondern bräunlich schimmerte."

Steingarts Media-Pioneer-Kollegen Michael Bröcker (Chefredakteur) und Gordon Repinski (Stellvertretender Chefredakteur) haben sich am vergangenen Samstag unter die Demonstranten in Berlin gemischt, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Ihren Bericht findet man im Bezahlbereich von thepioneer.de.

"Die Hässlichkeit der Fernsehbilder sollte allerdings nicht die Erkenntnis verstellen, dass hier mehrheitlich Menschen sich artikulieren, die unmittelbar und teils hart betroffen sind", betont Steingart in seinem populären Morgen-Newsletter weiter. "Weil ihr Kulturbetrieb geschlossen bleibt. Weil ihr Einzelhandelsgeschäft nicht mehr die Umsätze erwirtschaftet, die es zur Refinanzierung von Wareneinkauf und Miete braucht. Weil sie die Milliardenhilfen für große Wirtschaftsunternehmen als ungerecht empfinden. Weil sie nicht von den Virologen des Robert Koch-Instituts und ihrer medizinischen Weltsicht regiert werden wollen, sondern von Politikern mit der Fähigkeit zum Interessenausgleich."

Auch in Richtung der Medien wird Gabor Steingart deutlich: Viele Journalisten wollten die Komplexität und Widersprüchlichkeit dieser neuen Protestbewegung nicht verstehen. Sie hätten Neugier durch Haltung ersetzt. "Der Maßstab ihrer Berichterstattung ist nicht das, was sie sehen und hören, sondern ist der Abstand der Demonstranten zu den eigenen Positionen."

Man erlebe diese Verschiebung der Koordinaten jetzt schon seit einiger Zeit, findet Steingart: "Wer sich im geistigen Ideenraum eines Journalisten befindet, darf mit öffentlicher Belobigung rechnen. Wer sich außerhalb dieser selbst gezimmerten Kathedrale aufhält, dem versucht man mit den Methoden des Exorzismus beizukommen." Der Teufel sei immer der andere.

Steingart selbst wurde am Montag von einem Journalisten kritisiert: Richard Gutjahr schrieb auf Twitter: "Lieber @gaborsteingart 'Wir lassen uns das Selberdenken nicht verbieten'. Wer verbietet denn das? Ich halte Deine Rhetorik für brandgefährlich. Opposition um der Opposition willen verkauft vielleicht Bücher, nutzt aber den Falschen. Ich hoffe Du weißt, was Du da tust." Steingart hatte zuvor an seine knapp 30.000 Follower getwittert: "Liebe Freundin, lieber Freund, ich bedanke mich für den Raketenstart des Buches & die vielen wohlmeinenden Zuschriften, auch für die Kritik. Die Botschaft ist erfrischend: Wir lassen uns das Selberdenken nicht verbieten. Dank & Gruß, Euer Gabor."

Was meinen Sie? Hat Gabor Steingart mit seiner Journalisten-Kritik Recht? Schreiben Sie mir Ihre Meinung oder verfassen Sie einen Gastbeitrag.

Und noch ein Tipp: Gabor Steingart wird auch im diesjährigen European Publishing Congress sprechen, der am 5. und 6. Oktober 2020 im Schloss Schönbrunn in Wien stattfindet.

Welche Inhalte haben sich im Corona-Jahr bewährt? Wie leistungsfähig sind unsere Teams im Homeoffice? Brauchen wir noch den klassischen Newsroom? Wie nachhaltig ist der Boom bei Digitalabos? Der European Publishing Congress findet am 5. und 6. Oktober 2020 im Schloss Schönbrunn in Wien statt. Medienmanager, Chefredakteure, Digitalprofis und Designer aus Europas Medienhäusern präsentieren dabei zukunftsweisende Cases. Am Galaabend des Kongresses werden die European Publishing Awards für Europas beste Zeitungen, Magazine, Digitalprojekte und Corporate Media Publikationen verliehen.

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