Nähen und Stricken als Trend: Wie BurdaCreate-Boss Henning Röper von Corona-Sondereffekten profitiert

 

Auch zum 70. Geburtstag liegt das Selberschneidern-Magazin Burda Style, bekannt geworden als Traditionstitel Burda Moden, voll im Trend. Henning Röper, CEO von BurdaCreate, freut sich über die neue Handarbeitslust, die auch durch Nähanleitungen für Mund-Nasen-Masken beflügelt wurde. Zum kress.de-Interview.

kress.de: Herr Röper, wie kaum ein zweiter Titel in Ihrem Haus steht das Selbernähen-Magazin, das heute burda style heißt, für die Firmengeschichte von Burda. Wie stolz macht Sie das in einem sonst gern so ostentativ vorwärtsgerichteten Haus, wie leicht fällt es da das gelegentliche Belächeltwerden durch Kollegen und Mitbewerber wegzustecken?

Henning Röper: Die burda style erscheint in 18 Sprachausgaben – ein absolutes Alleinstellungsmerkmal im Crafting-Segment – und trägt noch dazu den Namen Burda im Titel. Wir sind sehr stolz darauf, kontinuierlich an der Weiterentwicklung des internationalsten Zeitschriftentitels von Burda arbeiten zu dürfen mit einem Team, das voll hinter der Marke steht und viel Freude an der Arbeit hat. Sollte uns also wirklich jemand belächeln, lächeln wir ganz fröhlich und selbstbewusst zurück.

"Wir sprechen hier von Slow-Fashion statt Fast-Fashion, denn selbst hergestellte Sachen werden garantiert wesentlich länger getragen als Fabrikware."

kress.de: Wie erklären Sie sich, dass im Zeitalter, in dem auch die vielbeschworenen Silver Surfer Apps zur praktischen Lebenshilfe in fast allen Belangen finden, so etwas Altmodisches wie Magazin mit Handarbeitstipps überhaupt noch seinen Platz findet?

Henning Röper: Mit unseren Angeboten liegen wir voll im Trend, denn wenig ist so nachhaltig, wie Kleidung selbst herzustellen aus Materialien, die man selbst ausgesucht hat. Wir sprechen hier von Slow-Fashion statt Fast-Fashion, denn selbst hergestellte Sachen werden garantiert wesentlich länger getragen als Fabrikware. Um den verschiedensten Zielgruppen das zu bieten, was sie als Inspiration und Anleitung für ihr Hobby brauchen, publizieren wir in 2020 neun verschiedene burda Titel mit insgesamt 35 Ausgaben. Diese umfassen Nähen für Anfänger und Erfahrene, für Erwachsene, in Plus-Größen, für Kinder und für Babys. Seit letztem Jahr bringen wir mit der burda stricken auch wieder ein Strickheft mit sechs Ausgaben im Jahr heraus und haben damit ein weiteres Segment erschlossen.

"Immer mehr Menschen entdecken Nähen und Stricken als Hobby für sich und werden auch nach der Coronakrise nicht wieder damit aufhören."

kress.de: Wie stark haben die Rückzugs-, Häuslichkeits- und nicht zuletzt Sparsamkeitstendenzen der vergangenen Monate im Zeichen von Corona Ihnen eine Art Sonderkonjunktur verschafft?

Henning Röper: Wir konnten definitiv davon profitieren, dass sich während der Coronakrise und insbesondere des Lockdowns viele verstärkt auf das eigene Heim konzentriert und die zusätzliche Zeit für ihre Hobbies genutzt haben. Ähnlich geht es meinen Kollegen aus der Handarbeitsindustrie - ob nun Händler, die Nähkurse für Anfänger durchführen oder Anbieter von Nähmaschinen oder Wolle. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Trend anhält, da immer mehr Menschen Nähen und Stricken als Hobby für sich entdecken und auch nach der Coronakrise nicht wieder damit aufhören werden.

kress.de: Inwieweit haben Nähanleitungen für selbstgemachte Masken Ihre Auflagen und Clickzahlen beflügelt?

Henning Röper: Als Masken als hilfreich identifiziert wurden, allerdings noch kaum verfügbar waren, haben wir schnell reagiert und entsprechende Nähanleitungen produziert, die kostenlos über unsere Website burdastyle.de angeboten wurden. Diese Anleitungen wurden über 3 Millionen Mal aufgerufen und bescherten uns so viel Traffic auf der Seite, wie wir ihn nie zuvor hatten. Einige der User haben dabei sicherlich auch unser breites Angebot an Schnittmustern für Bekleidung zum Download mit mittlerweile fast 12.000 verfügbaren Produkten neu kennengelernt.

"Wir haben steigende Abonnentenzahlen."

kress.de: Was gibt Ihnen Zuversicht, dass durch die Trendveränderungen auf krisendurchgeschüttelten Märkten die oft und schon lange beschworene Nachhaltigkeit nun tatsächlich wirtschaftlich zum Greifen kommt?

Henning Röper: Unser Erfolg am Markt und die Zahlen dazu stimmen mich sehr zuversichtlich! Wir haben steigende Abonnentenzahlen, da wir mit burda style, burda easy und burda stricken mittlerweile drei Titel im Abonnement anbieten können. Unser Digitalgeschäft mit Downloadschnittmustern ist im ersten Halbjahr um 60% gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Und auch unser Umsatz durch Magazine liegt im ersten Halbjahr 10% über dem Vorjahr, weil wir mehr Titel und Ausgaben anbieten. Zudem spielen wir unser Thema international mit Lizenznehmern und in vielen Märkten auch mit Gesellschaften, die direkt zu unserem neu geschaffenen Verbund burda create! gehören. Das sind neben dem Verlag Aenne Burda in Deutschland Burda Nordic und Toppatterns für Skandinavien, die DIPA für Frankreich, Niederlande, Spanien, Portugal, UK und Griechenland und die BurdaStyle Inc. für unser digitales US-Geschäft.

kress.de: Wie schwer war es eigentlich, einen Traditionstitel mit über Jahrzehnten gefestigten Strukturen ad hoc auf die Anforderungen der Krise umzustellen?

Henning Röper: Wir mussten an unserem Produkt nichts umstellen, weil Corona für uns auf dem Lesermarkt glücklicherweise keine Krise hervorgerufen hat. Der einzige Bereich, in dem wir sehr schnell flexibel reagieren mussten, war unsere Produktion, denn diese ist viel komplexer als bei anderen Magazinen: Bei uns kommt zuerst das Design und die Konstruktion von Schnitten, dann erst deren redaktionelle Präsentation. Abstandsregeln in Werkstatträumen und im Büro sowie die Arbeit an der Schnittkonstruktion von Zuhause oder die Organisation von Fotoproduktionen waren eine echte Herausforderung. Dank eines engagierten Teams, das sich für unsere Produkte begeistert, konnten wir es trotzdem schaffen, alle Produktionsdeadlines zu halten und jeden Schnitt zu veröffentlichen, den wir im Plan hatten. Jährlich sind das übrigens über 800 neue Schnitte.

kress.de: Digitale Geschäftsmodelle und E-Commerce-Anbindungen sind für viele große Burda-Marken Selbstverständlichkeiten. Wie gut lassen die sich eigentlich auch bei Burda Style umsetzen und welchen Beitrag leisten Sie zur Gesamtbilanz der Marke?

Henning Röper: Mit burdastyle.de – der Online-Seite von burda style – haben wir ein sehr substanzielles E-Commerce Geschäft, das ordentlich wächst und in dem wir auch einen ganz wesentlichen Teil unserer Zukunft sehen. Das gilt sowohl für Deutschland als auch den internationalen Bereich, deshalb investieren wir hier entsprechend. Im ersten Halbjahr 2020 waren über 15% unseres Umsatzes in Deutschland Digital, was uns sehr freut. Wir nutzen unsere digitale Plattform nicht nur zum Verkauf, sondern auch, um unseren Kundinnen mehr Services anbieten zu können. So erstellen wir mittlerweile für jede Ausgabe der burda easy ein Video-Tutorial, in dem das Nähen von einem der 15 Modelle aus dem Heft Schritt für Schritt erklärt wird.

kress.de: Letzte Frage: 70 Jahre Historie liegen hinter Ihnen: Ab wann beginnen Sie mit den Planungen für den 100. Geburtstag und wie wird die Zukunft der Magazinmarke in den nächsten Jahren aussehen?

Henning Röper: An den 100. Geburtstag denken wir noch nicht, sondern zunächst an 75 Jahre burda style im Jahr 2025! Da wäre dann wohl eine richtige Party angesagt, die zu unserem 70. aufgrund der Corona-Restriktionen leider nicht stattfinden konnte. Auch eine Ausstellung zur Geschichte wäre spannend. Ab Oktober werden wir im Horst-Jannsen-Museum in Oldenburg bereits mit unseren Entwurfszeichnungen und Rädelbögen in der Ausstellung "Das kann nur Zeichnung" präsent sein. Burda ist und bleibt die stärkste Marke im Bereich Nähen, und unser Ziel ist es, sie auch wieder stark im Bereich Stricken zu machen. Laut unserer letzten Marktforschung hat die Marke burda in der Zielgruppe handarbeitender Frauen in Deutschland eine ungestützte Awareness von 34% und eine gestützte von 84%. Diese enormen Werte haben wir Aenne Burda zu verdanken und wir werden dafür sorgen, dass die Bekanntheit und die Liebe zu Mode zum Selbermachen nicht nachlassen. Deshalb haben wir nach dem 70. Jubiläumsjahr burda style in 2020 für 2021 das "easy Jahr" ausgerufen, in dem wir uns noch intensiver um den Nähnachwuchs kümmern wollen.

Hintergrund: Die Jubiläumsausgabe von Burda Style liegt ab 2. September zum Preis vom 7,90 Euro im Handel. Der Umfang wurde zum Geburtstag auf 100 Seiten erweitert.

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