Exklusiv: Welchen neuen Look sich die Zeit gibt - und was sich im Wissen-Ressort ändert

 

Haika Hinze, Artdirektorin der Zeit, sowie ihre Kollegin Malin Schulz, die nicht nur Artdirektorin, sondern auch Mitglied der Chefredaktion ist, haben die Zeit behutsam neu gestalterisch aufgefrischt. Manuel J. Hartung und Andreas Sentker, Co-Ressortleiter, berichten im Interview, wie ihr Wissen-Ressort künftig aufgebaut ist.

kress.de: Die Zeit kann sich auf besonders treue Leser, aber auch immer wieder neue Neugierige verlassen. Wie schafft man den Spagat, Bewährtes in der Anmutung und der Dramaturgie der Zeitungsinhalte zu bewahren, gleichzeitig aber auch nicht altmodisch zu wirken?

Haika Hinze: Neugierde ist auch für uns ein wichtiger Motor. Wir probieren gerne neue inhaltliche Ideen und optische Umsetzungen aus. Print ist ein sinnliches Erlebnis, jede Veränderung ist sofort sichtbar und spürbar! Wenn etwas doch nicht funktioniert, überdenken wir es und entwickeln weiter. Bei unseren regelmäßigen Leserbefragungen stellen wir immer wieder fest, dass unsere Leser sehr positiv auf diese Art von Lebendigkeit reagieren. So haben wir zum Beispiel eine sehr gute Resonanz auf das im letzten Herbst neugegründete Ressort "Streit" bekommen. 

Malin Schulz: Aber wir wollen der Leser nicht überfordern, also versuchen wir eine angenehme Ausgewogenheit zwischen Innovation und Bewährtem zu halten. In optischer Hinsicht ist uns deshalb auch eine klare Struktur der Seiten sehr wichtig. Eleganz und Lesbarkeit zusammenzubringen, ist unser Ziel in der Art Direktion. Jede Seite, jedes Thema soll den Leser ansprechen, seine Neugierde wecken.

"Zur Zeit ist es uns besonders wichtig, die unglaublich vielen guten Fotoarbeiten und Illustrationen, die für uns exklusiv produziert werden, noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen."

kress.de: Was ist denn die Faustregel in Ihrem Haus: Wie oft stehen behutsame kleinere optische Veränderungen, in welchem Rhythmus weiterreichende Umgestaltungen, die dann etwa auch neue Ressorts oder Gestaltungselemente betreffen? 

Haika Hinze: Wir haben keine feste Faustregel, aber alle paar Jahre gibt es im Gestaltungsbereich eine Neufokussierung. Zur Zeit ist es uns besonders wichtig, die unglaublich vielen guten Fotoarbeiten und Illustrationen, die für uns exklusiv produziert werden, noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Außerdem setzen wir auf ein klares Layout und auf eine elegante, zentrierte Typografie.

"Ganz zu Recht ist der Begriff Relaunch aus der Mode gekommen. Es geht ja nicht um den großen Paukenschlag!"

kress.de: Für viele Medienschaffende scheinen vor dem großen Begriff Relaunch etwas zu scheuen und sprechen lieber von laufender Evolution. Wie groß ist der Mut in Ihrem Haus, den Lesern ab und an auch ziemlich offensichtliche Änderungen zuzumuten?

Malin Schulz: Ganz zu Recht ist der Begriff Relaunch aus der Mode gekommen. Es geht ja nicht um den großen Paukenschlag! Es geht um Entwicklungsschritte, die wir für sinnvoll und zeitgemäß halten. Mutig finden wir es, wenn wir immer wieder den Austausch mit unseren Lesern suchen und auch gemeinsam überlegen, was die Zeitung verbessert. Der Leser ist kein unbekanntes Wesen, sondern unser wichtigster Partner.

kress.de: Sie starten in die neue Saison nach dem endgültigen Ende der Sommerwochen in nun fast allen Teilen des Landes mit einem frischen neuen Erscheinungsbild. Wie lange wird das in dieser Form Bestand haben, wann stehen die nächsten Veränderungsschübe an?

Haika Hinze: Ja, das stimmt, ab Ausgabe 37 erscheinen wir mit einigen schönen, kleinen Innovationen. Und sicherlich wird die neue Blattstruktur, das überarbeitete Wissen-Ressort und viele Gestaltungselemente jetzt erst einmal so bleiben. Ob es bald weitere Veränderungen geben wird, ist schwer vorherzusagen. Da wir ja wöchentlich erscheinen, sind ja schon wenige Monate für uns ein langer Erscheinungszeitraum und ob wir bald wieder Bedarf sehen, wird sich zeigen...

kress.de: Was hat denn den Ausschlag gegeben, die Struktur des Wissens-Buch zu verändern? Was ist das Ziel dabei?

Manuel Hartung: Wir erfüllen uns damit einen Herzenswunsch: ein umfangreiches gemeinsames Buch in der Mitte der Zeitung zu haben. Ich bin sehr froh, dass wir dies gemeinsam mit Herstellung und Druckerei hinbekommen haben – uns gibt das die Chance, noch magaziniger im Blattmachen zu sein, noch fundierter in den Hintergründen, noch vielfältiger in den Inhalten. So viel Interesse an Wissenschaft wie in diesen Zeiten gab es wohl noch nie – und wir freuen uns daher sehr, dass auch das Ressort Wissen ein echtes Labor ist, mit einigen neu entwickelten Seiten, die es ab dieser Woche gibt.

"Ich wünsche mir Wissenschaft verständlich, Bildung zuversichtlich und das ganze Ressort vielfältig."

kress.de: Die jüngsten Entwicklungen haben mit sich gebracht, dass sich dem vermeintlichen oder unterstellten umfassenden Informationsbedürfnis der Leser rund um Corona-Fragen fast alle Ressorts anpassen müssen. Wie schwer fällt es, in diesen Zeiten die Vielfalt der Themen zu wahren?

Manuel Hartung: Ich sehe ein sehr echtes und sehr umfassendes Informationsbedürfnis unserer Leserinnen und Leser – ein Bedürfnis nach Aufklärung und Erklärung, nach sachlicher Einordnung und konstruktiven Lösungsoptionen; eine Berichterstattung, die klar macht, was wir nicht wissen, was wir noch nicht wissen – und was bereits als gesichert gilt. Ich wünsche mir Wissenschaft verständlich, Bildung zuversichtlich und das ganze Ressort vielfältig. Selbst in den Wochen der rigiden Einschränkungen haben wir verschiedene Themen aufgegriffen – viele Themen etwa aus der Natur. Das war in manchen Wochen allerdings nicht einfach, zugegeben. 

"Corona ist eher Brennglas als Pokal. Die Pandemie zeigt, wie wichtig Wissenschaft ist – und zwar nicht nur Virologie und Epidemiologie. Die Sozialforschung ist gefragt, Pädagogen müssen ebenso gehört werden wie Psychologen oder Ökonomen."

kress.de: Ist das Wissens-Ressort der Zeit - zynisch gesprochen - eine Art Krisengewinnler besonders herausfordernder Zeiten?

Andreas Sentker: Wird das Politikressort zum Krisengewinnler, wenn der Staat in eine Krise gerät? Corona ist eher Brennglas als Pokal. Die Pandemie zeigt, wie wichtig Wissenschaft ist – und zwar nicht nur Virologie und Epidemiologie. Die Sozialforschung ist gefragt, Pädagogen müssen ebenso gehört werden wie Psychologen oder Ökonomen. Wir müssen Städtebau neu denken, Klimawandel und Artensterben ernst nehmen, neue Mobilitätskonzepte entwickeln, Globalisierung neu denken. Die Digitalisierung fordert uns ebenso heraus wie der Datenschutz. Wir müssen die Zukunft als Experiment begreifen. Dafür ist das Wissens-Ressort seit jeher gerüstet und jetzt noch besser vorbereitet.

kress.de: Das Bedürfnis nach tiefer, wissenschaftlich abgefederter Einordnung gerade bei allen Themen rund um die Pandemie dürfte auch Ihrer Mitarbeiter vor große Herausforderungen gestellt haben. Wie viele Wissenschaftsredakteure haben sich in den vergangenen Wochen zu Virologen weitergebildet?

Andreas Sentker: Wir haben zwei ausgebildete Mediziner und zwei Biologen im Ressort und damit eine ausgeprägte Expertise, übrigens auch unter unseren Autorinnen und Autoren. Aber keiner von uns ist zum Virologen geworden. Wir sind uns unserer Aufgabe als Journalisten sehr bewusst: kritische Distanz, präzise Beobachtung, sachlicher Diskurs. Gerade in einer solchen Krise ist es wichtig, die eigene Rolle und ihre Grenzen sauber zu definieren. Das gilt für Virologen und Politiker ebenso wie für Virologen und Redakteure.

Hintergrund: Die überarbeitete "Zeit" mit dem Relaunch des Wissen-Ressorts sowie einigen Änderungen am Layout erscheint am Donnerstag, 3. September. Wichtigste Neuerung: Die bisherigen beiden Bücher Wissen I und Wissen II werden zusammengelegt, und es gibt eine neue Dramaturgie.

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