Fall Solingen: Reichelt verteidigt Bild-Berichte mit Hinweis auf die Ermittler

08.09.2020
 

Die Bild-Zeitung steht wegen ihrer Berichterstattung zu den getöteten Kindern in Solingen massiv in der Kritik. Beim Presserat sind zahlreiche Beschwerden eingegangen. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt nimmt im Deutschlandfunk Stellung.

Julian Reichelt spricht im Interview mit Mirjam Kid im Deutschlandfunk über den Berichterstattungs-Anlass ("Nachrichtenlage") und das öffentliche Interesse ("Berichterstattung in allen Medien") an dem Fall in Solingen. "Und wir orientieren uns natürlich auch daran, was zum Beispiel Ermittlungsbehörden tun und wie sie mit so einem Fall verfahren", sagt Reichelt. In diesem Fall sei es so gewesen, dass auch die Polizei auf ihrer Pressekonferenz "aus dem, oder aus einem Chat, den es gegeben hat, mit diesem überlebenden Jungen, dem unser tiefes, tiefes Mitgefühl gilt, Chats von diesem Jungen thematisiert hat und aus diesen Chats zitiert hat", so Reichelt im Wortlaut im Deutschlandfunk. Dies sei in der Berichterstattung oder in der Meinungsäußerung über Bild in den letzten Tagen verloren gegangen. "Also, nicht nur wir sind zu der Einschätzung gelangt, dass diese Nachrichten, die dort im Verlauf dieser Katastrophe, kann man ja sagen, geschrieben wurden, von überragendem Interesse sind, sondern auch die Ermittlungsbehörden", äußert sich der Bild-Chefredakteur, der auch Geschäftsführer der Axel-Springer-Zeitung ist. Hinzu komme, dass das, was die Bild dort zitiert habe, ohnehin schon einmal zitiert worden war. Reichelt spielt hier auf die Berichterstattung von RTL an.

Mirjam Kid sagt im Deutschlandfunk zu Reichelt, dass dieser ja nicht gezwungen gewesen sei, die Pressemitteilung oder die Pressekonferenz der Polizei wörtlich zu erwähnen. Es gebe ja Regularien, denen sich die Presse unterworfen habe, den Pressekodex, Jugendschutz. Darauf antwortet Reichelt, dass er glaubt, dass sich die Ermittlungsbehörden, die Verantwortung von Ermittlungsbehörden und die Verantwortung, die aus den Pressekodex hervorgeht, in gewisser Weise ähneln und auch ähneln sollten. Beide Seiten (Behörde, Bild) hätten vor einer Entscheidung gestanden, was öffentliches Interesse sei und was der Erhellung des Solinger Tötungsfalls diene. "Und beide Seiten sind natürlich dem Schutz dieses Kindes verpflichtet, gar keine Frage, und beide Seiten sind dort zu einer sehr ähnlichen Beurteilung gekommen und ich glaube, das sollte einfach berücksichtigt werden, dass es sich um eine Geschichte handelte, die schon auf dem Markt war und dass unsere Beurteilung da in keiner Weise abgewichen ist, von der Beurteilung der Behörden", sagt Reichelt. 

Hintergrund: Über die Berichterstattung von Bild - und RTL - im Fall der getöteten Kinder in Solingen, schreibt Bildblog: "Viele Medien berichten über den Fall. Manche seriös und nachrichtlich, andere geschmacklos und boulevardesk. Besonders eklig ist das Vorgehen der 'Bild'-Medien. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, private WhatsApp-Nachrichten des ElfJährigen publik zu machen, die dieser verfasst haben soll, nachdem er vom Tod seiner fünf Brüder und Schwestern erfahren hat."

Laut Tagesspiegel waren beim Presserat bis Samstagmittag 50 Beschwerden eingegangen - wegen Verletzung des Pressekodex. Wie der österreichische Standard berichtet, sind es mittlerweile 160 (Stand: Dienstagmittag).

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Markus Klümper

Markus Klümper

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Betreiber

08.09.2020
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Ich weiß ja nicht, um welche relevanten Inhalte es da ging, aber dass Reichelt sich jetzt mit der Einschätzung der Ermittler zu rechtfertigen versucht, finde ich unerträglich. Es ist auch eine Frage der Form und Darstellung. Sicherlich ist nichts dagegen einzuwenden, diesbezügliche Aussagen der Polizei zu zitieren, wenn dies Sinn macht. Die beiden Jungs reisserisch in die Öffentlichkeit zu ziehen, ist aber eine andere Sache. Den Begriff "Markt" zu verwenden, ist in diesem Zusammenhang pervers!


Markus Klümper

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08.09.2020
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Ich weiß ja nicht, um welche relevanten Inhalte es da ging, aber dass Reichelt sich jetzt mit der Einschätzung der Ermittler zu rechtfertigen versucht, finde ich unerträglich. Es ist auch eine Frage der Form und Darstellung. Sicherlich ist nichts dagegen einzuwenden, diesbezügliche Aussagen der Polizei zu zitieren, wenn dies Sinn macht. Die beiden Jungs reisserisch in die Öffentlichkeit zu ziehen, ist aber eine andere Sache. Den Begriff "Markt" zu verwenden, ist in diesem Zusammenhang pervers!


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