Presserat rügt Bild wegen Drosten-Artikel und DerWesten wegen Clickbaiting

11.09.2020
 

Der Deutsche Presserat hat 12 Rügen ausgesprochen. In dem Bild-Artikel "Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch" erkannte der Beschwerdeausschuss mehrere schwere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex. Rügen bekamen u.a. auch DerWesten, der Nordkurier und die Sächsische Zeitung.

Nach Auffassung des Beschwerdesausschusses ist die Formulierung von Bild, die Drosten-Studie sei "grob falsch", von den zitierten Expertenmeinungen im Text nicht gedeckt. "Weiter erwähnt der Artikel nicht, dass es sich um eine Vor-Veröffentlichung handelte, deren Ergebnisse noch nicht von Fachleuten überprüft waren. Zudem zitierte die Redaktion die Studie unsauber und behauptete, Kinder 'können' so ansteckend sein wie Erwachsene, was im englischsprachigen Original viel vager mit 'könnten' formuliert war." Der Beschwerdeausschuss befand außerdem, dass die Frist von einer Stunde, die die Redaktion dem Virologen Christian Drosten zur Stellungnahme eingeräumt hatte, zu kurz war. Zudem unterstellte der Artikel, Drosten habe womöglich Tatsachen unterdrückt.

Der Bild-Artikel über die Drosten-Studie sorgte im Juni für viel Medien-Wirbel - auch Christian Drosten und Bild-Chefredakteur Julian Reichelt meldeten sich mehrmals zu Wort.

Desweiteren wurde DerWesten.de (Funke) für "eklatantes Clickbaiting in drei Artikeln" gerügt. "Die Redaktion versprach in einer Überschrift Informationen über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher, wovon im zugehörigen Artikel nicht mehr die Rede war. Eine weitere Schlagzeile erweckte den falschen Eindruck, dass beim Sänger Michael Wendler eine Trennung von dessen Partnerin bevorstand. In einem dritten Beitrag behauptete die Redaktion, dass die Bundesregierung 'geheime Lager' zur Versorgung mit Lebensmitteln in der Corona-Krise angelegt habe. Auch dies entsprach nicht der Wahrheit, da die Notfalllager bereits seit langem existieren." Der Presserat erkannte in der Gestaltung der Überschriften eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex. Dieses Clickbaiting schade zudem dem Ansehen der Presse nach Ziffer 1, da mit der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser gespielt und diese bewusst in die Irre geführt worden seien,

Der Nordkurier erhielt eine Rüge für die Berichterstattung über einen Strafprozess. Darin sei der sexuelle Missbrauch eines Kindes in einer Passage detailliert geschildert worden. Diese Schilderung war aus Sicht des Presserats nicht notwendig, um die Grausamkeit der Tat zu verstehen. "Die Darstellung ist dazu geeignet, das Missbrauchsopfer dauerhaft zu stigmatisieren. Gemäß Ziffer 11 verzichtet die Presse auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid." Diese Grenze sei überschritten worden.

Als unangemessene Darstellung von Brutalität und Leid nach Ziffer 11 des Pressekodex beurteilte der Presserat das Video einer Tötungsszene. Unter dem Titel "Mann in New York aus Auto erschossen" zeigte Bild.de, wie ein Mann beim Überqueren einer Straße erschossen wird und zu Boden fällt. Die Redaktion hatte laut Presserat das Fahndungsvideo vom Twitter-Account der New Yorker Polizei übernommen. Nach Ansicht des Presserats bediente das Video - in dem die Tötung wiederholt gezeigt wurde - reine Sensationsinteressen. Der ursprüngliche Fahndungszweck des Videos hatte in der deutschen Öffentlichkeit keine Bedeutung. Für die Presse gilt bei der Veröffentlichung von Ermittler-Material der Pressekodex, betonte der Beschwerdeausschuss. 

Eine Rüge sprach der Ausschuss gegen Bild aus für die Berichterstattung "Kinder-Psychologin und Ehemann von Sohn erschossen". Die Redaktion hatte darin laut Presserat ein getötetes Ehepaar identifizierbar abgebildet und deren ebenfalls getöteten Sohn gezeigt und als Täter bezeichnet. "Kurz danach stellte sich heraus, dass der Sohn nicht der Täter war, sondern selbst ein Opfer. Die Berichterstattung verletzt die Kriterien der Vorverurteilung nach Richtlinie 13.1 des Pressekodex. Zudem liegt durch die identifizierbare Abbildung der Familie ein schwerer Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 vor."

Bild.de erhielt eine Rüge für die Berichterstattung "Mein Papa, hat mir gesagt, dass er ein Vergewaltiger ist". In der Berichterstattung habe die Redaktion das unverpixelte Fotos eines Vergewaltigungsopfers kurz nach seinem Auffinden durch die Polizei gezeigt. Der Ausschuss sieht in der erkennbaren Abbildung einen schweren Verstoß gegen den Opferschutz nach Richtlinie 8.2 des Pressekodex. 

Noch eine Rüge bekam das Axel-Springer-Angebot Bild.de wegen eines Verstoßes gegen den Opferschutz im Artikel "Junge Mutter in Leipzig getötet - Myriams Traum war eine eigene Pension am Meer". Die Redaktion zeigte laut Presserat im Teaser das unverpixelte Foto eines Mordopfers, das dessen Facebook-Seite entnommen worden sei Eine ausdrückliche Einwilligung der Angehörigen zur Veröffentlichung hatte dem Presserat zufolge die Redaktion nicht vorgelegt. Dies verstößt gegen die Richtlinie 8.2, wonach Opfer besonders geschützt werden. Nur weil jemand Opfer eines Verbrechens wird, darf er nicht automatisch identifizierend in der Presse gezeigt werden, so der Beschwerdeausschuss.

Gerügt wegen eines Verstoßes gegen die Ziffer 14 des Pressekodex wurde auch die Sächsische Zeitung. Unter dem Titel "Mit Mundspray gegen das Virus" hatte die Redaktion über einen möglichen Schutz vor Corona-Viren durch Benutzung eines Sprays mit ätherischen Ölen berichtet. Die Beschreibung der möglichen - positiven - Wirkung des Produktes sei dabei undifferenziert und unkritisch erfolgt, sodass der Presserat eine unangemessen sensationelle Darstellung eines medizinischen Themas erkannte, mit der unbegründete Hoffnungen erweckt werden könnten. Zudem sei durch die Berichterstattung ein Werbeeffekt für das Spray enstanden, wodurch Ziffer 7 des Pressekodex verletzt worden sei.

Rügen handelten sich ebenfalls die Klambt-Zeitschrift Petra, das Automagazin Off Road (Off Road Verlag), das G+J-Magazin Gala und das Portal Mädchen.de (Klambt) ein.

Hintergrund: Insgesamt behandelte der Deutsche Presserat 115 Beschwerden, wovon 61 als begründet und 38 als unbegründet erachtet wurden. Zu den Maßnahmen zählten 12 öffentliche Rügen, 16 Missbilligungen und 28 Hinweise. 5 Beschwerden waren begründet, es wurde aber auf eine Maßnahme verzichtet. Bei 16 Fällen handelte es sich um Wiederaufnahmeanträge, Einsprüche bzw. Vertagungen. Nicht vom Presserat geahndet wurde zum Beispiel die umstrittene taz-Polizeikolumne, gegen die 382 Beschwerden eingegangen waren (kress.de berichtete).

Der Deutsche Presserat ist die Freiwillige Selbstkontrolle der Print- und Onlinemedien in Deutschland. Er tritt für die Einhaltung ethischer Standards und Verantwortung im Journalismus ein sowie für die Wahrung des Ansehens der Presse. Als Selbstkontrolle verteidigt der Presserat die Pressefreiheit gegen Eingriffe von außen.

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