Döpfner: Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, können wir einpacken

15.09.2020
 

Der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, Mathias Döpfner, ist von der Delegiertenversammlung des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger in seinem Amt als Präsident des BDZV einstimmig bestätigt worden. In seiner Rede auf dem BDZV-Kongress wird Döpfner in Bezug auf den Journalismus und die Medien sehr deutlich.

In seiner erstmals live im Internet übertragenen Rede zur Eröffnung des BDZV-Kongresses 2020 sagte der wiedergewählte Präsident des BDZV, Mathias Döpfner, zu Beginn:

"Wir leben in unübersichtlichen und unberechenbaren Zeiten. Die Weltordnung scheint sich aufzulösen. Europa und Amerika entfremden sich. China greift nach der globalen Vormacht. Russland agiert immer ruchloser. Islamisten stürmen die offene Gesellschaft. Populisten sind von London bis Budapest auf dem Vormarsch. Künstliche Intelligenz könnte die Menschen zu Dienern der Algorithmen machen. Ein Virus versetzt die Welt in den Ausnahmezustand und zeitweise in Stillstand. Und die Feuer von Kalifornien verdunkeln den Himmel über Berlin. Gründlich recherchierte, wahrheitsgemäße Informationen werden immer wichtiger - das ist eine historische Chance für den Journalismus."

Gleichzeitig befinde sich die Verlagsbranche mitten in der Transformation. Der Wandel vom analogen hin zum digitalen Geschäftsmodell stelle viele Verlage vor existenzielle Fragen. Die Lösung für die Probleme, die sich mit der Transformation stellen, liegt für Döpfner in der Zukunft von unabhängigem Journalismus.

Aus Sicht des BDZV-Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden von Axel Springer machen wenige, aber essentielle Bedingungen die Unabhängigkeit von Journalismus aus:

"Erstens, die Bereitschaft, sich mit den Mächtigen anzulegen. Zweitens, finanzielle Unabhängigkeit: Die private Finanzierung, ein intaktes Geschäftsmodell, ist für den unabhängigen Journalismus ein wesentliches Merkmal. Und Drittens: Wirkliche Unabhängigkeit setzt Vielfalt voraus. Der Wettbewerb verschiedener Medien ist das einzige wirksame Rezept gegen Fake News, Propaganda und Manipulation."

Die Branche selbst müsse sich täglich um Vielfalt und Pluralismus bemühen, in Nachricht und Recherche so objektiv wie möglich, in Kommentar und Kolumne frei und subjektiv. Vertrauen ist und bleibe das wichtigste Kapital der Zeitungen:

"Wenn wir Vertrauen genießen, gewinnen wir Leser. Wenn wir Vertrauen verlieren, verlieren wir unsere Leser."

Journalismus muss für Döpfner die auf kritisch und unabhängig recherchierten Fakten fußende Suche nach der Wahrheit bleiben. Und er wurde noch deutlicher: "Wir Medien müssen Chronisten sein, Zeitzeugen der Realität. Und nicht Missionare eines bestimmten Weltbildes. Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken. Dann braucht es uns nicht mehr. Aktivismus ist das Gegenteil von Journalismus - auch wenn es um eine gute Absicht geht". Das beste Rezept gegen Lügenpresse-Vorwürfe und entsprechende Plakate auf Demonstrationen bleibe Rudolf Augsteins Satz: Schreiben, was ist, so Döpfner.

Für die Unabhängigkeit und die Vielfalt der Zeitungen brauche es darüber hinaus faire Wettbewerbsbedingungen - vor allem im Verhältnis zu den großen Plattformen. "Es darf nicht passieren, dass zwei bis drei globale Plattformen die Infrastruktur tausender Verlage ersetzen und darüber entscheiden, was Milliarden von Kunden zu lesen bekommen, was richtig ist und was falsch, was gut ist und was schlecht", warnte der BDZV-Präsident. Deshalb plädiere er weiterhin für eine bessere, modernere, agilere Regulierung, die den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht werde. Eine wortlautgetreue Umsetzung der EU-Urheberrechtsreform gehört nach Auffassung des BDZV ebenso dazu wie eine wirkungsstarke Plattformregulierung.

Die vom Deutschen Bundestag beschlossene Förderung der digitalen Transformation sehe er mit Sorge, sagte Döpfner. "Um es ganz klar zu sagen: Der BDZV hat um die jetzt von der Politik vorgeschlagene Förderung der digitalen Transformation nicht gebeten. Im Gegenteil: Die von uns ursprünglich angeregte und geforderte Maßnahme war als reine 'Infrastruktur-Förderung' formuliert."

Wie sich die geplante Förderung nun im Detail ausgestalten wird, werde der Verband in den nächsten Wochen genau verfolgen. "Logistik- und Technologieförderung ist denkbar. Direkte Verlagsförderung pauschal und ohne klare Kriterien und Grenzen ist es nicht", stellte Döpfner klar. Er lehne es nach wie vor ab, wenn der Staat redaktionelle Leistungen direkt oder indirekt subventioniere.

Wegen der anhaltenden Corona-Pandemie wurde BDZV.Der Kongress erstmals ausschließlich virtuell im Internet abgehalten. Den 2,5 stündigen Kongress moderierten Tijen Onaran, Geschäftsführerin Global Digital Women, und Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur Augsburger Allgemeine. Ausgestrahlt und überwiegend produziert wurde die virtuelle Veranstaltung in einem TV-Studio in Berlin-Tempelhof. Für den Kongress hatten sich über 1.000 Teilnehmer im Vorfeld angemeldet.

Hintergrund: Nach seiner Wahl zum BDZV-Präsidenten hatte Döpfner am Montag erklärt, dass es die größte Herausforderung seiner zweiten Amtszeit bleibt, die digitale Transformation der gesamten Branche so zu gestalten, dass die Vielfalt und Relevanz der deutschen Zeitungslandschaft erhalten bleibt.

"Ich danke für Ihr Vertrauen. In den vergangenen vier Jahren haben wir gemeinsam viel bewegt. Das macht mich zuversichtlich, dass wir als Branche auch in Zukunft erfolgreich sein können. Publizistisch und wirtschaftlich. Klar stehen wir vor riesigen Herausforderungen. Aber ich bin voller Tatendrang, packen wir es an", rief Döpfner den Delegierten in Berlin und an den Bildschirmen zu. Der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer hat das Amt seit Juli 2016 inne.

Als BDZV-Vizepräsidenten im Amt bestätigt wurden Thomas Düffert, Vorsitzender der Geschäftsführung Madsack Mediengruppe, Hannover; Christian DuMont Schütte, Aufsichtsratsvorsitzender der DuMont Mediengruppe, Köln; Valdo Lehari jr., Verleger und Geschäftsführer des "Reutlinger General-Anzeigers" und Vorsitzender des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger VSZV, sowie Hans Georg Schnücker, Herausgeber, VRM GmbH & Co. KG, Mainz.

Wegen der Corona-Pandemie fand die Delegiertenversammlung des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger erstmals als Hybrid-Veranstaltung in Berlin und digital statt.

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