Job-Kolumne: Gehalt angeblich zu hoch – soll ich mich runterhandeln lassen?

 

Ein gut dotierter Altvertrag, der heute so nicht mehr abgeschlossen würde. Eine Herabstufung oder Versetzung, ohne dass das Gehalt gesenkt wurde. Mancher Medienprofi verdient nach Ansicht seines Chefs zu gut und soll einer Kürzung zustimmen. Mediencoach Attila Albert sagt, was nun zu tun ist.

Die Redaktionsleiterin eines Magazins musste erleben, dass ihr Heft mit mehreren Titeln zusammengelegt wurde. Ihre bisherige Position entfiel. Der Verlag bot ihr an, als Textchefin zu bleiben – wenn sie 20 Prozent weniger Gehalt akzeptierte. Sollte sie zustimmen? Ein Chefreporter hatte noch einen Vertrag aus der Zeit, bevor sein Verlag die meisten Stellen in GmbHs ohne Tarifbindung verschoben hatte. Wenn immer er sich intern bewarb, wurde ihm bedeutet, dass alle offenen Positionen wesentlich niedriger als seine budgetiert waren, er deshalb nicht in Frage käme. Sollte er, um endlich wieder eine Perspektive zu haben, den Arbeitgeber wechseln?

Häufig wird von den Medienprofis gesprochen, die das angebotene und gezahlte Gehalt als zu niedrig empfinden. Doch es gibt auch das Gegenteil: Jemand verdient – nach eigener oder fremder Einschätzung – zu viel. Die Gründe dafür sind vielfältig: Ein gut dotierter Altvertrag, der heute so nicht mehr abgeschlossen würde, eine interne Herabstufung oder Versetzung, ohne dass das Gehalt gesenkt wurde, Verhandlungsgeschick oder -glück beim Vertragsabschluss. Es kann jahrelang so weiterlaufen. Aber durch den neuen Kostendruck wegen der Coronakrise drängen Arbeitgeber aktuell oft, endlich in eine Gehaltssenkung einzuwilligen.

Die erste Reaktion ist meist emotional

Verständlich ist, dass viele Medienprofis das zunächst sehr emotional aufnehmen. Sie empfinden es als Abwertung ihrer bisherigen Leistung. Sie haben die Erwartung, dass Einkommen mit zunehmendem Lebensalter – damit mehr Erfahrung und Routine – steigen. Eine finanzielle Zurückstufung (meist parallel auch in der Tarifgruppe und im Jobtitel) fühlt sich da wie ein demütigender und ungerechter Abstieg an. Vor allem, wenn jemand zuvor schon viele Jahre auf eine Gehaltserhöhung verzichten mussten, weil sämtliche einst vereinbarten Zulagen "abgeschmolzen", also verrechnet wurden. Und nun sogar noch Abzüge.

Der erste sinnvolle Schritt in solch einer Situation ist eine anwaltliche Beratung, was den eigenen Arbeitsvertrag und weitere Regelwerke (z.B. Haustarifvertrag) angeht. Sie sollten Ihre Rechtslage sehr gut kennen, denn oftmals erwecken Vorgesetzte – aus Unkenntnis oder als Verhandlungstaktik – den Eindruck, Sie müssten einer Gehaltssenkung zustimmen. Manchmal ist es dabei sogar schwieriger, wenn die Beziehung zum Chef gut ist. Mancher kehrt aus einem "total netten" Gespräch zurück, in dem es unter anderem auch um einen "kleinen Gefallen, nur eine Formalie" ging, und merkt erst zu spät, das er einer Umstufung zugestimmt hat.

Chefs oft mit wenigen rechtlichen Möglichkeiten

Grundsätzlich haben die meisten Chefs wenige rechtliche Möglichkeiten, wenn sie nicht zu einer Änderungskündigung greifen wollen: Der Kündigung des bestehenden Vertrages mit dem gleichzeitigen Angebot, das Arbeitsverhältnis unter neuen Bedingungen fortzusetzen. Das ist möglich, hat für Arbeitgeber aber auch seine Risiken – eventuell scheitert der Plan vor Gericht. So habe ich regelmäßig Klienten, die stattdessen erleben, dass ihr Chef sie durch sanften oder massiven Druck zur Zustimmung bewegen will. Ständige Kritik an der Arbeit, unfaire Anfeindungen vor dem Team und Drohungen sind häufig, sollten Sie also erwarten.

Wer gute Nerven hat, kann diese Phase zu seinem Vorteil recht lang hinziehen. Jeden Monat muss zunächst weiter das bisherige Gehalt bezahlt werden. Falls man sich später doch voneinander trennt, wird eine eventuelle Abfindung höher, da sie auf Basis der Betriebszugehörigkeit berechnet wird. Empfehlenswert ist es, in dieser Phase alle relevanten Ereignisse zu protokollieren und Mails und Unterlagen in dieser Sache auch privat zu archivieren. Ein Outlook-Konto kann schnell gesperrt werden. Es hilft Ihnen später, wenn Sie belegen können, welche unfairen oder illegalen Tricks bei Ihnen versucht wurden.

Nervlich oft eine große Belastung

Eine monatelange Streiterei um eine Herabstufung kann nervlich enorm belastend sein. Eventuell beschneidet der Chef plötzlich Ihre Kompetenzen, nimmt Sie z.B. aus wichtigen Konferenzen, lehnt alle Ihre Themenvorschläge ab oder unterstellt Ihnen, Sie wären "schon immer ein Problemfall gewesen", obwohl kein einziger negativer Eintrag in der Personalakte vorliegt. Etwa eine Abmahnung oder schwerwiegende Kritik in früheren Mitarbeitergesprächen. Es entlastet Sie nervlich, wenn Sie in der Zwischenzeit schon mit neuen möglichen Arbeitgebern verhandeln und diese zähen Kämpfe ihrerseits als Methode sehen, um Zeit und Geld zu gewinnen. Also eher sportlich herangehen.

Ich hatte Klienten, die sogar jahrelang alle Versuche überstanden haben, ihr Gehalt zu kürzen. Einige haben diverse Versetzungen auch in andere Städte hingenommen, um ihren Vertrag zu behalten, der diese Möglichkeit vorsah. Andere hatten sich bereits eine neue Stelle gesucht oder eine Selbstständigkeit angefangen und nur die Verhandlungen so lange hingeschleppt, wie es ihnen nützte. Beides setzt einen langfristigen Plan und ein robustes Gemüt voraus. (Wer sich auf die eher unfeinen Tricks von Arbeitgebern vorbereiten will, findet viele davon im Buch "Kündigung von 'Unkündbaren'" von Helmut Naujoks.)

Grundsätzlich können Sie froh sein, wenn Ihr Gehalt "zu hoch" ist, denn dann haben Sie in der Vergangenheit etwas richtig gemacht und lange davon profitiert. Gleichzeitig sollten Ihnen klar sein, dass das nicht ewig so weitergehen wird und Sie sich besser auf ein Ende dieses Glücksfalls vorbereiten. Je aktiver Sie sich vorbeugend damit beschäftigen, wie es nach Ihrer aktuellen Stelle weitergehen könnte, desto selbstbestimmter und entspannter können Sie auftreten. Eventuell wird, falls Sie sich mit einer Abfindung trennen, gerade das der Einstieg in eine neue berufliche Phase, die Sie vorher nie gewagt hätten.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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