Kommentar: Wer als Führungskraft im Lokalen erfolgreich sein will, der muss sich auch aufs Lokale einlassen

18.09.2020
 
 

Als Lokaljournalistin mit 25 Jahren Berufserfahrung hat sich Silja Kummer über den Inhalt der kress-Kolumne von Attila Albert ("Für welche Medienprofis sich ein Arbeitsplatzwechsel abseits der Zentren auszahlt") gewundert. Ist das nicht alles ein bisschen stark klischeehaft, was da beschrieben wird? Und liegen die Probleme nicht woanders? Eine Replik der Chefreporterin der Heidenheimer Zeitung.

Eine Herausforderung für Medienprofis, die ins Lokale wechseln, sei das traditionelle, konservative Umfeld, schreibt Attila Albert in seiner Job-Kolumne Für welche Medienprofis sich ein Arbeitsplatzwechsel abseits der Zentren auszahlt auf kress.de. Ernsthaft? Die Städte sind liberal, auf dem Land ist man konservativ - das mag so gewesen sein, bevor es Mobilität und Internet gab. Vielleicht überrascht es den Medienprofi aus der Großstadt, aber jede Oma auf dem Dorf und jeder Bauer auf dem Traktor hat heute ein Smartphone. Egal, ob man in der Groß- oder Kleinstadt lebt, die Push-Nachrichten, die Trends in Sozialen Medien und die neuen Serien auf Netflix empfängt man hier wie da zur gleichen Zeit. 

Vielleicht ist es in einer kleineren Stadt nicht so einfach, in seiner eigenen Blase zu leben, wie im trendigen Hauptstadtviertel. Es gibt weniger Menschen, also auch weniger Hipster und die müssen sich auch mal mit denen auseinandersetzen, die konservativere Ansichten haben. Aber genau das wird doch in Journalistenkreisen permanent gefordert, dass wir unsere "Bubble" verlassen und wieder näher an die Lebenswirklichkeit der Menschen rücken.  

Das wird aber schwierig, solange es im Journalismus weiterhin zwei Kasten gibt: Die der Großstadt-Redakteure in den Mantelredaktionen, bei den großen Zeitungen und Zeitschriften, die über die wichtigen Themen schreiben und daraus ihre eigene Wichtigkeit generieren - und die der Lokaljournalisten, die zwar zahlenmäßig überlegen sind, aber weder wichtig noch vernetzt oder über ihr Verbreitungsgebiet hinaus berühmt sind. Und dies, obwohl genau sie an der Basis den härtesten Job für die Demokratie leisten. Nur mal als Beispiel: Wer in einem Lokalkommentar dem Bürgermeister ans Bein pinkelt, hat am nächsten Tag den brüllenden Betroffenen am Telefon. Frau Merkel ruft vermutlich nicht an, wenn sie in einem wichtigen Hauptstadtkommentar kritisiert wird.

Ich sehe das Problem darin, dass die in der Kolumne beschriebenen "neuen Mitarbeiter, die komplementär zum bisherigen Team sind", in der Lokalredaktion mit Erfahrungen aus großen Medienhäusern aufschlagen: große Hierarchien, viel Management, Spezialisten, die sich nur mit ausgewählten Themen beschäftigen, und Kollegen, die alle einen akademischen Background haben und in ihrem privaten Umfeld unter sich bleiben. Vor Ort treffen sie dann auf Universalisten, die sich vieles selbst erarbeitet haben, dafür aber genau wissen, wie die Region tickt und welche Themen hier wichtig sind. 

Wer im Lokalen erfolgreich sein will, gerade in einer Führungsposition, der muss sich auch aufs Lokale einlassen. Der muss ein Verständnis dafür haben, dass der Kampf um die Glaubwürdigkeit des Journalismus vielleicht genau hier gewonnen werden kann. Er darf und muss journalistische Qualität einfordern, aber er muss auch anerkennen, was im Lokalen geleistet wird. Wer aber nur mit Vorurteilen und Klischees im Kopf kommt und die kleine Zeitung als Schritt auf der Karriereleiter sieht, der wird nicht klarkommen - weder mit den Lesern noch mit den Kollegen.

Und im Übrigen: Nur "digital natives" können online? Wer lange dabei ist und ein klassisches Printprofil hat, muss deshalb kein Digitaldinosaurier sein. Eben weil man sich im Lokalen nicht kaprizieren kann auf einen engen Themenkreis und jeder alles machen muss, können hier auch viele ältere Kollegen online. Und am Ende kommt es doch darauf an, eine gute Geschichte zu erzählen - egal, welches Medium sie vermittelt, oder?

Zur Person: Silja Kummer (48) Jahre hat ab 1994 bei der Heidenheimer Neuen Presse volontiert, seitdem arbeitetet sie als Lokalredakteurin, erst bei der HNP, seit 2009 bei der Heidenheimer Zeitung. Sie hatte in ihrer Lokalkarriere vielfältige Aufgaben, von der Blattproduktion bis zur eigenverantwortlichen Konzeption eines Magazins. 2015 hat Kummer den zweiten Preis beim Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus bekommen. Seit Februar 2020 wirkt sie als Chefreporterin der Heidenheimer Zeitung, ein lokales Recherche-Team unter ihrer Leitung ist im Aufbau.

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