Job-Kolumne: Kann man mit seinem Chef befreundet sein?

 

Im Hoodie ins Büro, alle duzen sich, und nach Redaktionsschluss geht's noch gemeinsam auf ein Bier: Moderne Unternehmenskulturen verwischen häufig den Unterschied zwischen Chefs und Mitarbeitern. Wie realistisch das ist, zeigt sich oft erst bei Konflikten, sagt Mediencoach Attila Albert.

Für die Redakteurin eines aktuellen Magazins war es anfangs eine schöne Überraschung, als ihr die neue Ressortleiterin vorgestellt wurde: Es war eine langjährige Bekannte, mit der sie im selben Volo-Jahrgang gewesen war. Einige Male waren sie damals "um die Häuser gezogen". Später blieben sie in lockerem Kontakt. Die Zusammenarbeit lief freundschaftlich an, geduzt wurde sowieso. Bald aber fühlte sich die Redakteurin zunehmend gegängelt und bevormundet. Als ihre neue Ressortleiterin einen Artikel komplett umgeschrieben haben wollte, gab es keine lange Diskussion: "Ich bin hier deine Chefin, ist das klar?"

Der Produktmanager eines Verlages hatte seine Stelle bekommen, weil ihn ein ehemaliger Kollege angeworben hatte. Sie waren auch privat befreundet, gingen etwa zusammen zum Sport. Nun hatte ihn der Produktmanager als Chef vor sich und empfand ihn bald als recht unangenehm. Sein früherer Kollege vergriff sich nach seinem Eindruck regelmäßig im Ton und betonte ständig seine Autorität. So wies er im Mitarbeitergespräch mehrfach darauf hin, dass er über die Leistungsbeurteilung und -prämie entscheide. Bald bereute er den Wechsel und vermied auch die private Treffen mit seinem nunmehrigen Chef.

Oft eine unschöne Überraschung

Im Zug der Digitalisierung haben viele Medienhäuser die vermeintlich unkonventionelle, zwanglose Firmenkultur amerikanischer Technologie-Firmen übernommen. Oft in der Hoffnung, dadurch auch effizienter, innovativer und attraktiver für jüngere Mitarbeiter zu werden. Für Medienprofis, die nur noch diesen Stil kennen, sorgt dieser Kulturwandel irgendwann oft für eine unschöne Überraschung. Sie müssen ernüchtert feststellen, dass es sich trotz aller Lockerheit weiterhin um klassische Arbeitsverhältnisse mit einer klaren Hierarchie handelt, also auch mit Unterordnung und einseitigem Weisungsrecht.

Das Verhältnis mag zwar in einzelnen Aspekten aufgelockert sein (z.B. Aufgaben durch "agiles Arbeiten" gemeinsam im Team verteilen). Aber spätestens in Konfliktsituation wird weiterhin schnell klar, wer Chef und wer Mitarbeiter ist. Salopp gesagt: Wer Sie beurteilen, abmahnen und entlassen kann, ist in dieser Rolle zuerst einmal Ihr Vorgesetzter – nicht Ihr ebenbürtiger Freund. Das gilt auch, wenn er im Hoodie zur Arbeit kommt, sich alle duzen, über private Dinge austauschen und in der Freizeit etwas gemeinsam unternehmen. Nicht anders übrigens als in den imitierten US-Unternehmen, wo es oft sogar recht rau zugeht.

Klarheit über die Verhältnisse hilft

Schon die Freundschaft mit Kollegen kann nicht einfach sein. Umso schwieriger wird es, wenn es sich sich um einen "befreundeten Vorgesetzten" handelt, der vielleicht sogar jünger ist, als man selbst. Typisches Szenario: Der befreundete freie Mitarbeiter, Volontär oder Jungredakteur zieht vorbei, ist plötzlich Ressortleiter oder gar Chefredakteur. Solch ein Kontakt hat viele Vorteile für beide. Was aber tun, wenn es nicht gut läuft?

●      Unterscheiden Sie zwischen dem äußeren Anschein und den tatsächlichen Gegebenheiten. Fast überall kommen inzwischen selbst die Chefredakteure in lockerer Freizeitkleidung statt Anzug, sind die Büromöbel "bunt zusammengewürfelt" wie bei einem Startup. Doch es ist weiterhin eine Firma, Sie sind angestellt.

●      Beobachten Sie, wie Ihr Chef seine Rolle wirklich sieht. Klarheit erhalten Sie nicht bei motivierenden Ansprachen ("Wir sitzen doch alle in einem Boot") oder beim Feierabend-Bier, sondern bei Konflikten. Besteht er dann auf der Hierarchie, droht er gar? Dann sehen Sie klar: Er ist Ihr Vorgesetzter und will so behandelt werden.

●      Seien Sie nicht menschlich enttäuscht. Es ist normal, dass sich Beziehungen fortlaufend verändern. Ihr früherer Kollege kann morgen Ihr Chef sein, übermorgen wiederum Ihr Team-Mitglied. Bemühen Sie sich deshalb um einen professionellen Umgang. Ihre Freundschaft muss in dieser Phase eventuell ruhen.

●      Im Zweifel geht die formelle Konstellation vor. Wer laut Arbeitsvertrag oder Organigramm (wenn vorhanden) Ihr Vorgesetzter ist – der ist es an erster Stelle. Eine Freundschaft oder dass Sie früher zusammen in einer WG gewohnt haben, kann die Beziehung angenehmer gestalten, spielt aber eine nachgeordnete Rolle.

●      Bemühen Sie sich bei Konflikten um eine möglichst neutrale Beurteilung. Prüfen Sie: Sind Ihre Erwartungen berechtigt, vermischen Sie private und berufliche Aspekte zu sehr? Versuchen Sie, emotionale Aspekte beiseite zu schieben und einen objektiven Blick zu erhalten. Professionelle Unterstützung kann hier helfen.

●      Überlegen Sie sich, wie Sie sich zukünftig positionieren und kommunizieren wollen. Es wäre kindisch, nach einem Streit auf einem „Sie” zu bestehen oder den privaten Kontakt ganz zu beenden. Ebenso sollten Sie vermeiden, eine bestehende Freundschaft überzustrapazieren. Finden Sie einen Mittelweg für sich.

●      Entscheiden Sie, ob Sie in dieser Konstellation weiterarbeiten wollen. Wenn Sie die Situation überfordert, ist es mittelfristig oft besser, intern oder extern zu wechseln. Der Freundschaft zuliebe, vor allem aber für Ihr eigenes Wohlbefinden. Sorgen Sie daher für Alternativen (Bewerbungen, Netzwerken, Selbstpräsentation).

Kein Medienhaus wird es offen sagen. Aber viele Karrieren laufen über befreundete frühere Kollegen oder Chefs. Eine direkte E-Mail mit dem Lebenslauf hat höhere Chancen als die Standardbewerbung über das HR. Umgekehrt engagieren Vorgesetzte lieber jemanden, den sie schon kennen und mögen. Die Zusammenarbeit "mit Freunden" ist oft sehr schön, lustig und anregend. Gleichzeitig muss allen Beteiligten klar sein, dass sie hier unterschiedliche Rollen – Chef, Mitarbeiter – haben und die Freundschaft im Zweifel zweitrangig ist. Das gilt übrigens auch für die Vorgesetzten, die derartige Interessenkonflikten oft ebenso belasten, wenn sie etwa von langjährigen Freunden um Gefallen oder Jobs gebeten werden. Je klarer und freiwilliger die berufliche Beziehung hier ist, desto angenehmer für alle.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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