Gefangen im Horror-Job: Wie kommen Medienprofis da wieder raus?

 

Es gibt Jobs, die kann sich eigentlich keiner wünschen: In faktisch zerstörten Redaktionen oder Teams, die 20 Jahre Sparrunden hinter sich haben, wo die Marke nur noch eine leere Hülle ist. Oft stellen Medienprofis das aber erst fest, wenn sie schon da sind. Mediencoach Attila Albert räumt rettende Auswege frei.

Ein leitender Redakteur bekam über einen Personalvermittler ein Angebot, das zunächst sehr interessant klang: Er sollte der Chefredakteur eines bekannten Titels werden. Es wäre für ihn ein echter Aufstieg. Bei den folgenden Gesprächen stellte sich aber heraus: Die Auflage war dramatisch eingebrochen. Die Redaktion arbeitete nur noch in Minimalbesetzung und sollte weiter sparen. Gleichzeitig erwartete der Verlag, dass der neue Chefredaktion die Auflage verdoppelte. Denn ein ähnlicher Titel im Verlagsportfolio hatte, in Relation, viel bessere Zahlen. Sollte sich der Redakteur darauf einlassen, dafür seinen bisherigen Job kündigen?

Eine Marketing-Managerin wurde Teil eines dreiköpfigen Teams, das völlig überlastet mit Aufgaben aus allen Bereichen war. Wenig später entließ der Verlag überraschend ihre Chefin, eine Kollegin kündigte. Die Marketing-Managerin wurde pro forma zur neuen Teamleiterin befördert, sollte aber zukünftig nur noch freie Mitarbeiter nutzen. Bis Jahresende ist noch dazu in Kurzarbeit. Gleichzeitig soll "ihre Abteilung" wie gehabt liefern und keine zusätzlichen Kosten verursachen. Die Marketing-Managerin leidet schon jetzt körperlich an der enormen Belastung, ist immer wieder krank. Aber keine externe Bewerbung hatte bisher Erfolg.

Es gibt Jobs, die kann sich eigentlich niemand wünschen. Faktisch zerstörte Redaktionen oder Teams, die 20 Jahre Sparrunden (seit dem New-Economy-Crash) hinter sich haben. Alle denkbaren Wege, wie man etwas noch "weiter optimieren" und "effizienter machen" könnte, sind ausgereizt. Die Marke nur noch eine Fassade, dahinter das Skelett einer Organisation: Leere Büros, keine besetzbaren Stellen, kein Budget für Freie, mehrheitliche Inhalte von Agenturen oder Zentralredaktionen. Damit kaum die Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzugrenzen. Gleichzeitig trotzdem Zielvorgaben, als wäre alles normal. Was tun, wenn man sich in solch einem "Horror-Job" wiederfindet, die wahre Lage vielleicht erst viel zu spät bemerkt?

Viele gehen schon in der Probezeit wieder

Wer Glück hat, findet noch während des Bewerbungsverfahrens heraus, auf was er sich da einlassen würde. Das erlaubt zumindest, sich bewusst dafür zu entscheiden. Selbst ein eindeutiges Himmelfahrtskommando kann Vorteile haben: Ein formaler Aufstieg ("Titel"), der nützlich für spätere Bewerbungen ist, wenn vorher keine Führungserfahrung im Lebenslauf stand. Einige Monate eines guten oder zumindest berechenbaren Einkommens. Die Chance, sein Netzwerk zu erweitern, Neues zu lernen und auszuprobieren. Ich habe regelmäßig Coaching-Klienten, die diesen Weg gehen und sich nach drei bis sechs Monaten entscheiden, wieder zu gehen – also noch in der Probezeit. Eine mögliche, absolut erlaubte und manchmal sinnvolle Taktik.

Andere stellen erst nach Amtsantritt fest, dass sie ihr neuer Arbeitgeber weitgehend über die wahre Situation getäuscht hat. Nichts von dem, was versprochen oder vereinbart wurde, lässt sich realistisch umsetzen, selbst bei größter Anstrengung. Es kann ein bis zwei Jahre dauern, ehe man die Realität in ihrem gesamten Umfang erkennt – und, schwieriger: anerkennt. Oft sind diese Medienprofis so begraben unter den Problemen ihres Jobs, dass der klare Blick auch für Optionen verloren geht. Sie sind abwechselnd empört, fassungslos, resigniert und niedergeschlagen. Nicht selten bleibt es bei einigen halbherzigen Bewerbungen, fast immer auf ähnliche Jobs bei anderen Unternehmen, die gar keine Verbesserungen wären.

Oft zu lange gewartet und gezögert

Wer sich in solch einer Verfassung für ein Coaching interessiert, hat fast immer schon viel zu lange gewartet und gezögert. Praktisch ist er meist völlig erschöpft oder sogar bereits seit längerem krankgeschrieben, arbeitet aber trotzdem noch von zu Hause aus. Weiterhin in der Annahme, dass er mit mehr Arbeit das Problem lösen könne. Nicht selten ist er gedanklich und emotional völlig verstrickt in das Dilemma: Ein Job, den keiner schaffen kann, auch wenn diese Vorstellung undenkbar erscheint. Denn müsste der Arbeitgeber das nicht zuerst sehen und entsprechend handeln? Es braucht lange für die Einsicht: Manche Arbeitgeber wissen es und wollen es so. Andere beharren darauf, dass es immer am Mitarbeiter liegt.

Vielfach ist ein Therapeut hier der bessere Ansprechpartner: Wer derart lange seine eigenen Bedürfnisse und alle Warnsignale ignoriert und eine belastende Situation hinnimmt, profitiert von einer tiefere Reflektion der persönlichen Gründe. Damit sich das nicht beim nächsten Job wiederholt. Hier ist Coaching – Alternativen suchen, prüfen und umsetzen – zu schnell und pragmatisch. Wichtige Schritte in jedem Fall: Akzeptieren Sie für sich, dass Ihr Job ein eingebautes Ende hat und Sie die Probleme nicht lösen werden. Es kann für Sie nur noch um Schadensbegrenzung und einen guten Ausstieg innerhalb der nächsten Monate gehen. Eventuell mit einer Abfindung, einer guten Beurteilung und noch einigen hilfreichen Kontakten und Vorzeige-Projekten, die für Sie – und nicht zwingend die Firma – hilfreich sind.

Ein Scheitern in solch einem Job kann ein traumatisches, aber doch wichtiges Ereignis in der beruflichen und persönlichen Biografie sein. Oft ist es der Anstoß, gewisse Warnsignale zukünftig nicht mehr zu ignorieren oder schönzureden ("Das kriege ich schon hin"), sondern die eigene Erfahrung und Intuition stärker einzubeziehen. Schon im Bewerbungsgespräch wird man schneller hellhörig, stellt andere Fragen und prüft auch den Arbeitgeber. Ja, der Job klingt gut, aber will und kann man ihn überhaupt machen? Noch etwas anderes wird dann meist zur neuen Selbstverständlichkeit: Im Vorstellungsgespräch bewirbt sich auch der Arbeitgeber. So macht eine solche Krise oft selbstbewusster und unabhängiger – und zeigt, dass Selbstfürsorge für das berufliche Überleben langfristig zwingend ist.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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