Medienprofis im Frust: Wann ist es Zeit, wirklich zu gehen?

 

Ständig mehr Arbeit, zu viele technische und organisatorische Aufgaben, ein schwieriges Redaktionsklima. Viele Medienprofis haben den Eindruck, dass sich ihr Job fortlaufend verschlechtert hat. Mediencoach Attila Albert über die Abwägung, wann es Zeit sein könnte, nun wirklich zu gehen.

Eine Reporterin arbeitete seit zehn Jahren für eine große Tageszeitung. Ihr Gehalt hatte sich in dieser Zeit nicht verbessert, die Stimmung in der Redaktion nach all den Sparrunden und Umstrukturierungen deutlich verschlechtert. Aber sie war noch immer begeistert von ihrer Arbeit: Für Interviews und Reportagen unterwegs zu sein, recherchieren und schreiben zu können. Das änderte sich, als erneut Stellen gestrichen wurden. Sie wurde verpflichtet, nun zwei Tage pro Woche am Newsdesk zu sitzen, Agenturmeldungen zu kürzen und Texte zu redigieren. Nicht nur, dass ihr damit ein Großteil ihrer Arbeitsmotivation verloren ging. Sie musste damit auch häufiger in der Redaktion sein, die sie als sehr belastend empfand.

Der Technik-Redakteur eines Fachmagazins interessierte sich auch nach langer Zeit noch für die Themen seines Ressorts. Allerdings erhöhte der Verlag, für den er arbeitete, ständig die Zahl der "Kanäle". Neben dem regulären Titel immer mehr zusätzliche Sonder- und Themenausgaben, die Webseite sowie verschiedene Social-Media-Plattformen. Der Fachredakteur empfand sich zunehmend eher als Content-Manager, der eigene und fremde Artikel hin und her kopierte, kürzte, verlängerte und verlinkte. Aus seiner Sicht waren das mehrheitlich ermüdende Hilfsarbeiten, die ihn intellektuell unterforderten und erschöpften. Er hatte den Eindruck, dass er durch diese Tätigkeit immer austauschbarer wurde.

Es gibt kein Arbeitsverhältnis, das sich im Lauf der Zeit nicht verändert. Manchmal zum Vorteil, häufig aber gegen den Willen des Arbeitnehmers. Im Coaching klagen Medienprofis vor allem über folgende Entwicklungen: Ständig weniger Mitarbeiter für mehr Arbeit, der steigende Anteil von technischen und organisatorischen Aufgaben und ein schlechtes Arbeitsklima (Stress, Anspannung, Konflikte). Doch die meisten zögern: Was soll man hinnehmen und wann ist es Zeit, sich nun aber wirklich zu verabschieden?

Zögern ist verständlich

Zunächst einmal: Zögern ist normal und verständlich. Kaum jemand gibt leichtfertig einen langjährigen Arbeitsvertrag auf, verabschiedet sich unüberlegt von einem angesehenen Arbeitgeber oder einer renommierten Medienmarke. Das Leben am Wohnort ist eingerichtet. Wohnung oder Haus sind zu bezahlen, Angehörige und Freunde am Ort. Der Partner ist durch seinen Job gebunden, die Kinder haben ihre Schule und Freunde. Nur die wenigsten sind finanziell unabhängig durch hohe Ersparnisse, Erbschaften oder gut verdienende Partner oder Eltern. Da muss viel passieren, ehe man all das riskiert oder umwirft. Es gibt gute Gründe, auch einen schwierigen Job zumindest einige Zeit zu weiterzumachen.

Verlieren Sie aber nicht unendlich Zeit mit der vagen Hoffnung, dass es einmal wieder besser wird. Prüfen Sie konkret: Haben Sie alles probiert, was Ihre Situation verbessern könnte? Beispiel: Ein Gespräch mit Ihrem Chef über neue Arbeits- oder Themenfelder geführt, danach mit der Personalabteilung über eine eventuelle Weiterbildung. Seien Sie aber realistisch: Wenn Sie seit vielen Jahren im selben Job sind, kennen Sie wahrscheinlich bereits alle Möglichkeiten und haben sie schon ausprobiert. Ein letzter Versuch kann nicht schaden. Aber häufig ist anzuerkennen: Das, was Sie jeden Tag erleben, ist die heutige Realität dieses Jobs und Arbeitgebers, auch wenn es früher einmal ganz anders war.

Nicht unüberlegt selbst kündigen

Das bedeutet nicht, dass Sie nun unüberlegt kündigen sollten, weil es doch "keinen Sinn mehr hat" oder Sie es "nicht mehr aushalten". Wer das tut, meist wegen großer Erschöpfung oder Mobbing, schadet sich unnötig selbst. Sie würden Ihre Chance auf eine Abfindung vergeben, sich eine Sperre beim Arbeitslosengeld einhandeln und bedeutsame Networking-Möglichkeiten aus Ihrem aktuellen Job heraus verschenken. Es ist auch schwieriger, sich aus der Arbeitslosigkeit heraus zu bewerben. Haben Sie den Eindruck, wirklich keinen Tag länger in die Redaktion gehen zu können, lassen Sie sich erst einmal krankschreiben. Ziehen Sie das aber auch nicht monatelang hin, sondern werden Sie aktiv.

In einem Coaching würden Sie zu Beginn einmal detailliert Ihre aktuelle und gewünschte Lebenssituation vergleichen. Naheliegend ist: Wie wollen Sie zukünftig arbeiten, was tun, wie viel verdienen? Aber auch Aspekte wie: Präsenzpflicht in der Redaktion, Einzel- oder Großraumbüro, Arbeitszeiten, Schicht- und Sonntagsdienste, Entscheidungsmöglichkeiten. Danach sollten Sie überlegen, wie Ihr Leben zukünftig generell aussehen soll: Großstadt oder auf dem Land (oder gar im Ausland), wie viel Zeit mit Partner, Familie und Freunden, welche Freizeitaktivitäten und Hobbys? Das mag zunächst nach Luxusfantasien klingen, hilft Ihnen aber, ganzheitlicher zu planen und gezielter nach Alternativen zu suchen.

Möglicherweise haben Sie den Eindruck, gar keine Chance auf Veränderung zu haben. Das trifft teilweise sicher zu: Fast jeder, der nicht mehr ganz jung und unabhängig ist, lebt mit Verpflichtungen und Abhängigkeiten (z.B. Unterstützung von Partner und Angehörigen, Lebenshaltungskosten, Kredite). Niemals aber liegt Ihr Spielraum bei null. Hier kostet es oft einige gedankliche Mühe, sich von bestimmten Vorstellungen und Ansprüchen zu lösen, um wieder beweglicher zu werden. Das ist aber die einzige Chance, wenn Sie sich aus Ihrer bisherigen Situation befreien wollen: Den Mut zu finden, gewisse Dinge nicht fortzuführen oder anders zu machen. Ansonsten landen Sie meist bald wieder im exakt gleichen Job.

Yoga und Meditation sind auf Dauer zu wenig

Persönlich rate ich davon ab, eine kaum noch erträgliche Situation durch "psychologische Tricks" ewig hinzuziehen. Laufen, Yoga oder Meditation gegen Stress, Achtsamkeits- oder Dankbarkeitsübungen haben ihren Wert. Sie sollten aber nicht dafür missbraucht werden, überfällige Entscheidungen immer wieder aufzuschieben. Sie erschöpfen sich sonst langfristig, denn ewig lassen sich problematische Umstände oder ein unbefriedigender Job nicht beiseite schieben oder anderweitig ausgleichen (z.B. durch mehr Fokus auf Hobbys). Meine Empfehlung: Wenn innerhalb von sechs bis zwölf Monaten keine automatische Verbesserung absehbar ist, etwa durch einen sowieso geplanten Umzug, handeln Sie.

Grundsätzlich hilft es Ihnen, sich klarzumachen, dass Sie sich sowieso verändern werden, wenn Sie nicht gerade kurz vor der Rente stehen. Sie werden Ihren aktuellen Job mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht weitere zehn Jahre machen – schon wegen der hohen Dynamik und den vielen Umbrüchen in der Medienbranche. Legen Sie sich daher lieber selbst eine Grenze fest, wie lange Sie realistisch noch dabei bleiben wollen und können. Das macht Ihnen klar, dass eine Veränderung sowieso kommen wird, gibt Ihnen aber gleichzeitig das wichtige Gefühl, dass Sie weitgehend selbst darüber entscheiden können. Das Gegenteil von der beklemmenden Wahrnehmung, dass andere oder die Umstände regieren.

Die wenigsten Medienprofis wollen sich in unwägbare Risiken stürzen. Das entspräche weder ihrer Lebenssituation noch ihrer kulturellen Prägung: Wir sind, anders als z.B. Amerikaner, eher sicherheitsbewusst und konservativ in den Entscheidungen. Schon ein Umzug in eine andere Stadt ist für die meisten ein großer Schritt, ein Berufs- oder Branchenwechsel ebenso. So ist ein schrittweiser Übergang für die meisten Medienprofis das realistischste Szenario: Von einem Job in den nächsten, von einer Vollzeitstelle in eine Kombination aus Teilzeit und Selbstständigkeit. Einige wenige wünschen sich auch, ganz frei zu arbeiten. Was auch immer Sie sich persönlich vornehmen: Sie können darauf vertrauen, dass es auch über den bisherigen schwierigen Job hinaus weitergehen wird.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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