Köpfe-Interview: Wie Spotlight-Chefin Gosia Schweizer jetzt vom Fernweh und der Anbindung an "Die Zeit" profitiert

 

Trotz (oder gerade wegen) der Reisebeschränkungen 18.600 Abonnenten mehr: Gosia Schweizer, Geschäftsführerin im Spotlight Verlag, hat sich gut im Zeit-Verlagsuniversum eingelebt. Nun will sie vor allem digital Gas geben. Und zur Wochenzeitung unter Giovanni di Lorenzo knüpft sie immer engere Bande.

kress.de: Frau Schweizer, für viele "Reiseweltmeister" im Lande musste in diesem turbulenten Jahr der Aufbruch ins fremdsprachige Ausland oft ein unerfüllbarer Traum bleiben. Wie sehr hat sich das auf die Geschäfte des Spotlight Verlags ausgewirkt: Wie viele Leser und Abos gingen Ihnen verloren, weil den Lesern die Lust an Fremdsprachen verdorben wurde?

Gosia Schweizer: Das Thema Reisen verändert sich gerade grundlegend und wird völlig neu betrachtet. Letztes Jahr jettete man noch im Herbst für ein Wochenende nach Rom, um eine "Dolce-Vita-Spritze" zu kriegen, jetzt muss man auf dem Sofa im eigenen Wohnzimmer bleiben. Das bedeutet aber nicht, dass die Reisesehnsucht kleiner geworden ist. Im Gegenteil! Die Lust der Menschen, fremde Länder, Kulturen und Sprachen zu erkunden, steigt sogar. Das sehen wir an den Kiosk-Verkaufszahlen der letzten sechs Monate: Die Hefte, die schwerpunktmäßig dem Thema Reisen gewidmet waren, haben sich am besten verkauft. Bei "écoute" etwa eine Ausgabe mit einer Titelgeschichte über Paris, bei "Adesso" jeweils die Titel zu Capri und Apulien, bei "Ecos" zu El Camino und bei "Deutsch perfekt" war es ein Magazin über Hamburg. Mit unseren Magazinen können sich die Menschen vom Sofa aus in fremde Länder versetzen: die Kultur genießen, interessante Menschen kennenlernen und ganz nebenbei die Fremdsprache polieren. Deswegen ist es uns gelungen, in den letzten Monaten nicht nur die bisherigen Abonnenten zu halten, sondern auch neue zu gewinnen. Im ersten Halbjahr sind rund 18.600 neue Abonnenten dazugekommen.

"Was eine Renaissance erlebt, ist das selbstständige und lebenslange Lernen."

kress.de: Es war ja immer wieder von einer Renaissance der vernünftigen häuslichen Tätigkeiten in Corona-Zeiten die Rede. Gehört denn das eigenständige Fremdsprachen-Lernen und -Verbessern auch dazu?

Gosia Schweizer: Wenn Sie damit Vokabel-Pauken meinen, dann lautet die Antwort definitiv: Nein. Was aber eine Renaissance erlebt, ist das selbstständige und lebenslange Lernen. Damit das funktioniert, muss es in unseren Alltag integriert sein, unseren Interessen entsprechen und Spaß machen. So machen wir auch unseren Nutzern den Zugang zu Fremdsprachen schmackhaft.

kress.de: Sie führen den Spotlight Verlag ja nun schon seit einigen Monaten, allerdings sicher unter Sonderbedingungen. Wie sehr war es Ihnen bislang erschwert, das Gesamthaus und mögliche gemeinsame Geschäftsprojekte besser zu erkunden?

Gosia Schweizer: Ich habe beim Spotlight Verlag ein wunderbares Team, das mit Herzblut hinter unseren Produkten steht, deshalb war es uns trotz der schwierigen Lage möglich, wichtige Themen voranzutreiben und unsere strategische Ausrichtung gemeinsam neu zu definieren. In den letzten Monaten haben wir unsere digitale Strategie neu aufgesetzt, den Relaunch von "Ecos" und "Spotlight" durchgeführt sowie monothematische Spezial-Hefte entwickelt, etwa "Spotlight" zum Thema Literatur oder "écoute" über spielerisches Lernen. Und wir sind deutlich mehr mit der Zeit Verlagsgruppe zusammengewachsen. Was mir immer noch fehlt: die Menschen persönlich zu sehen. Wir sind zwar alle wieder im Verlag, versuchen aber, die größeren Runden zu meiden und berufen sie nur zu fachlichen Themen ein. Als ich im Februar angefangen habe, habe ich es sehr genossen, mittags in unserer Küche zu essen. An einem großen Tisch traf sich zwischen 12:00 und 16:30 – die Uhrzeit variierte je nach Nationalität – ganz Europa und die halbe Welt. Das war der beste Platz, um die Leute besser kennenzulernen. Ich freue mich schon sehr auf den Moment, wenn wir wieder dicht nebeneinander in der Küche sitzen und in zig Sprachen über den Tag, das Wetter und spannende Mittagsgerichte aus aller Welt plaudern können.

kress.de: Spotlight hat die Fühler in Richtung Zeit Akademie oder zu Zeit Online ausgestreckt. Welches Potenzial bietet Ihnen denn das "große Haus"?

Gosia Schweizer: Schon heute gibt es sehr viele Überschneidungen zwischen den Zielgruppen der Zeit und des Spotlight Verlages. Das Zeit-Universum umfasst Menschen, die sehr offen sind und sich für fremde Kulturen und Sprachen interessieren. Durch die enge Zusammenarbeit mit allen Zeit-Bereichen möchten wir einerseits dem Publikum den Zugang zu einem noch größeren Angebot erleichtern und andererseits für Spotlight auch neue Kunden gewinnen. Neben dem Angebot für unsere Kunden geht es auch um die stärkere interne Verzahnung und gegenseitige Unterstützung. Die Zeit Verlagsgruppe bietet uns viele Austauschmöglichkeiten auf der strategischen Ebene sowie schnelle und pragmatische Zusammenarbeit mit verschiedenen Abteilungen. Gerade vor ein paar Tagen haben wir den Code für die Programmierung des Online-Shops von unseren Zeit-Online-Kollegen erhalten, sodass wir die gleiche Lösung ohne zusätzlichen Entwickleraufwand bei uns einsetzen können, Kollegen aus dem Marketing der Zeit unterstützen uns bei allen relevanten Marketing- und Vertriebsthemen und mit der Zeit Akademie sind wir ständig im engen Austausch zum Thema eLearning – egal, ob es um Didaktik, technische Lösungen oder den gemeinsamen Vertrieb geht. Bei der Zeit ist es einfach selbstverständlich, dass wir alle an einem Strang ziehen und uns gegenseitig unterstützen.

"Wir haben Giovanni di Lorenzo für 'Adesso' interviewt."

kress.de: Demnächst werden gemeinsame Aktivitäten unter dem Label Zeit Sprachen gebündelt. Was darf man sich als Nutzer "draußen" darunter konkret vorstellen?

Gosia Schweizer: Vielen Nutzern war es bis heute nicht klar, dass Spotlight ein Teil der Zeit Verlagsgruppe ist und damit die gleichen Werte, aber auch den gleichen Qualitätsanspruch an seine Produkte vertritt. Dies wird durch die Marke ZEIT SPRACHEN jetzt deutlicher. Dabei geht es nicht nur um ein neues Erscheinungsbild, sondern vor allem um noch mehr inhaltliche Verbindungen. Bislang haben wir einzelne Zeit-Texte in vereinfachter Form für unser Magazin "Deutsch Perfekt" genutzt oder zum Beispiel Giovanni di Lorenzo für "Adesso" interviewt. Jetzt werden wir mit unseren Themen noch näher an die Interessen der Zeit-Leser heranrücken. Um nur ein paar Ideen zu verraten: Pünktlich zum Start der neuen Zeit-Literaturcommunity "Was wir lesen" am 9. Oktober, einem wöchentlichen Newsletter mit Buchempfehlungen für Zeit-Abonnenten, widmen wir die jeweils aktuellen Ausgaben von "Spotlight" und "Ecos" dem Thema Literatur aus dem jeweiligen Sprachraum, also Englisch und Spanisch. Zeit Reisen möchten wir unterstützen, indem wir die Regionen, die sie nächstes Jahr bereisen werden, auch in unseren Heften behandeln.

"Das wunderbare Gefühl, in ein fremdes Land, eine Kultur und Sprache einzutauchen, soll nicht mehr den Printlesern vorenthalten bleiben."

kress.de: Spotlight ist vielen Stammlesern vermutlich vor allem durch die tollen Zeitschriftenmarken vertraut. Wie viel Entwicklungschancen gibt es bei diesen Titeln noch und wie könnte eine forcierte Digitalstrategie aussehen?

Gosia Schweizer: Wir haben das Glück, noch eine große Community von Printlesern zu haben, und freuen uns jedes Jahr über neue Abonnenten. Derzeit haben wir 112.000 Abonnenten. Viele genießen es, am Ende ihres zum Teil rein virtuellen Arbeitstages unsere Hefte gemütlich auf dem Sofa durchzublättern und in Ruhe zu lesen. Die Themenmischung rund um Land, Kultur, Menschen und natürlich Sprachen, die wir anbieten, begeistert seit knapp 40 Jahren – allerdings haben wir den Lesern unseren Content bis jetzt zum größten Teil im Print- oder ePaper-Format zur Verfügung gestellt. Ab diesem Herbst werden wir die Inhalte verstärkt auch für digitale Kanäle aufbereiten und online verbreiten, angefangen mit Business-Englisch und über 1000 "Business Spotlight"-Texten, Übungen und Audiomaterial. Wir starten Ende Oktober auch eine neue e-Learning-Plattform und bieten Firmenkunden sowie einzelnen Interessenten als erstes einen umfangreichen "Small Talk"-Kurs. Das wunderbare Gefühl, in ein fremdes Land, eine Kultur und Sprache einzutauchen, soll nicht mehr den Printlesern vorenthalten bleiben. Unsere Abonnenten können sich nun entscheiden, ob sie das gedruckte Magazin in Händen halten möchten oder Texte und Übungen lieber digital lesen, hören oder lösen möchten. Was gleich bleibt, ist Emotionalität statt trockener Sprachvermittlung und das gute Gefühl, wie nebenbei am Ende des Tages noch etwas Neues gelernt zu haben.

"Vermutlich gab es kaum ein Elternteil, das in den letzten Monaten nicht vom Homeschooling frustriert war. Warum? Weil das Lernmaterial und die Methoden zum großen Teil komplett veraltet sind und auf die 'alte Schule' setzen."

kress.de: Viele Eltern mit Kindern haben zuletzt mehr oder weniger freiwillig vertiefte Einblicke in oft recht improvisiertes digitales Lernen und Homeschooling-Anwendungen erhalten. Was kann man aus diesen Erfahrungen als Profi ziehen?

Gosia Schweizer: Vermutlich gab es kaum ein Elternteil, das in den letzten Monaten nicht vom Homeschooling frustriert war. Warum? Weil das Lernmaterial und die Methoden zum großen Teil komplett veraltet sind und auf die "alte Schule" setzen: Gebt den Kindern eine Liste von Vokabeln zum Auswendiglernen, dazu einen trockenen Text zur Grammatik – und das war es dann auch schon. Wenn man sich anschaut, wie kleine Kinder ihre Muttersprache lernen, oder wenn sie zweisprachig aufwachsen wie meine Kids, wird einem sofort klar, wo die größten Herausforderungen liegen. Die Kinder lernen am besten kontextbezogen und wenn sie Spaß bei einem Thema haben. Gleichzeitig spielt auch Bewegung beim Lernprozess eine große Rolle, da dadurch das Gehirn noch zusätzlich stimuliert wird. Und last but not least können kleine Kinder nicht lesen, also lernen sie nur über das Hören. Und das funktioniert hervorragend. Wenn wir über kontextbezogenes Lernen sprechen, bin ich fest davon überzeugt, dass nicht das Medium, sondern der Inhalt den Unterschied ausmacht. Die einzelnen digitalen Tools können den Lernprozess unterstützen, ersetzen aber nicht guten Content! Wenn ein Thema Sie interessiert, Sie einen persönlichen Bezug dazu haben und es spannende Artikel und Übungen gibt, die Sie dann auch direkt anwenden können – zum Beispiel in einer Konversation –, werden Sie deutlich schneller und mehr lernen. Und zwar nicht nur einzelne Vokabeln, sondern gleich ganze Sätze, Redewendungen, Argumentationsketten und so weiter. Wenn wir Ihnen zusätzlich spannende Artikel nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Hören inkl. Hörverständnisübungen anbieten, die Sie auch unterwegs nutzen können, wird Ihr Lernerfolg messbar besser sein als im klassischen Sprachunterricht.

kress.de: Wie dürften denn in Zukunft Sprachen überhaupt zeitgemäß gelernt bzw. unterrichtet werden?

Gosia Schweizer: Da wir in der nahen Zukunft elektronische Tools haben werden, die Übersetzungsdienste simultan anbieten, wird das Sprachenlernen eine ganz andere Wertigkeit und Bedeutung haben als heutzutage. Vielleicht wird die Motivation geringer, eine Fremdsprache zu erlernen. Dabei entgeht einem aber wahnsinnig viel: ein tieferes Verständnis für andere Menschen, für Kulturen und damit verbunden auch ein Stück Empathie. Wenn die rein pragmatische Motivation zum Sprachenlernen nicht mehr vorhanden sein sollte, weil man in jeder Situation auf Übersetzungsdienste zurückgreifen kann, wird Spaß beim Lernen umso wichtiger. Und wie wir insbesondere beim Homeschooling gesehen haben, erreicht man das nicht mit Vokabellisten und drögen Grammatikübungen.

kress.de: Was steht auf Ihrer Agenda für hoffentlich auch mal wieder Corona-beruhigte Zeiten: Welche Wachstumsfelder sehen Sie für Spotlight und den Sprachenbereich im Zeit-Umfeld?

Gosia Schweizer: Wie gesagt sind wir dabei, unsere Inhalte optimal für digitale Medien anzupassen – bei unserem Englisch-Magazin "Spotlight" geht es um Content aus fast 40 Jahren! Außerdem richten wir die die zukünftige Produktion von Inhalten optimal auf die multimediale Nutzung aus. Dadurch wird der Zugang zu einzelnen Artikeln, Themenblöcken, Übungen und hunderten Stunden von Audio- und Video-Inhalten deutlich einfacher. Wo es sinnvoll ist, können wir unsere Produkte dann online verlinken oder einbetten, zum Beispiel bei der Zeit Akademie oder auf Zeit Online. Damit werden wir unseren Abonnenten ein hoffentlich noch spannenderes Angebot zur Verfügung stellen.

"Ich würde gerne mit meinen Kids auf Safari in Afrika gehen."

kress.de: Letzte Frage, rein privat: Auf welches Traumziel im Ausland, das Ihnen zuletzt verwehrt war, freuen Sie sich eigentlich selbst ganz besonders?

Gosia Schweizer:  Ich habe schon sehr viel von der Welt gesehen, aber natürlich viel mehr noch nicht. Ich würde gerne mit meinen Kids auf Safari in Afrika gehen. Aber wer weiß, wie lange es noch dauert, bis wir diesen Traum verwirklichen können. Ein etwas realistischeres Traumziel habe ich erst vor kurzem gefunden: Andalusien. Wir sind gerade in den letzten Zügen des neuen "Ecos"-Hefts, und ich habe darin wunderbare Fotos von Flamingos im "Coto de Doñana"-Nationalpark gesehen. Auch die Architektur und Kultur haben es mir angetan, sodass ich sofort eine große Lust verspürt habe, dorthin zu reisen. Ich hoffe für uns alle, dass wir nächstes Jahr wieder deutlich freier reisen und Neues entdecken können. Bis dahin begebe ich mich auf eine Reise vom Sofa aus mit unseren Magazinen und digitalen Angeboten.

 

Hintergrund: Der Spotlight Verlag gibt unter anderem die Sprachmagazine "Écoute" (Französisch), "Spotlight" (Englisch), "Business Spotlight" (Business-Englisch), "Ecos" (Spanisch), "Adesso" (Italienisch) und "Deutsch perfekt" heraus. Unter diesen Marken publiziert der Verlag auch Webseiten, Audio-Angebote, Übungshefte und Materialien für Lehrer.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.