Der märchenhafte Podcast-Erfolg von Zeit Online

 

"Auf Spotify sind wir inzwischen Europas dritterfolgreichster Publisher nach der BBC und dem schwedischen Radio", sagt Zeit Online-Chef Jochen Wegner im kress pro-Interview. Wie es zu den Podcast-Erfolgen ("Zeit Verbrechen", "Alles gesagt?") kam, wie Hörer zu Abonnenten werden und warum Wegner mit Freude Schnapsideen fördert.

kress pro: Stimmt es, dass die Zeit Online-Podcasts mittlerweile sogar profitabel sind?

Jochen Wegner: Sagen wir so: Sie kosten dieses Jahr hoffentlich kein Geld, das sie nicht wieder einspielen. Wir haben fast ohne Ressourcen begonnen, inhaltlich fast alles selbst gemacht und nur für die ausgelagerte Produktion Geld ausgegeben. Das war so erfolgreich, dass wir von diesem Prinzip bis heute nicht mehr abgerückt sind - wir haben intern nur einige wenige dedizierte Stellen geschaffen. Auf Spotify sind wir trotzdem inzwischen Europas dritterfolgreichster Publisher nach der BBC und dem schwedischen Radio. Das ist schon bemerkenswert. Die Hörerbindung und die Marke verstärken sich gegenseitig. Ständig schreiben uns Neuabonnenten, dass sie eigentlich über die Podcasts zu uns gekommen sind.

kress pro: Wie erklären Sie sich das?

Wegner: Warum das so ist, verstehe ich nicht so ganz, obwohl ich selbst Podcasts mache. Man ist mit seiner Stimme im Kopf der Menschen, das ist offensichtlich eine andere Beziehung. Der Erfolg des Printmagazins "Zeit Verbrechen" ist sogar maßgeblich dem populären Podcast zu verdanken, der mal als Nebenprojekt des Magazins begann - eine Schnapsidee bei einem Mittagessen mit Sabine Rückert, das ich so schnell nicht vergessen werde. Und die Podcasts zahlen wie kaum ein anderer Kanal auf unsere Community ein.

kress pro: Und sie bringen neue Nutzer.

Wegner: Ja, vor allem Leute, die um die 20 bis 30 sind. Wir haben eine sehr junge Hörerschaft, die vorher zu einem Gutteil nur losen oder gar keinen Bezug zu unserer Marke hatte. Das gilt nicht nur für den Podcast "Verbrechen", der ja so eine Art Industriestandard geworden ist. Strategisch geplant war das nicht, der Ausbau des Erfolgs hingegen erfolgt nun sehr strategisch, das ist so eine Qualität des Hauses. Es ist allen erlaubt, mit kleinen Ressourcen auch mal etwas abseitigere Ideen zu verfolgen. Wenn sie erfolgreich werden, wird investiert, im anderen Fall ist der Schaden minimal. Sehr erfolgreich ist auch der Zeit-Wissen-Podcast, den es schon lange gibt und der sich über die Jahre eine eigene Community geschaffen hat. Auf Platz 2 ist nach Abrufen pro Folge aktuell unser unendlicher Interviewpodcast "Alles gesagt?", der immer erst endet, wenn der Gast nicht mehr will - manchmal erst nach sieben oder acht Stunden. Christoph Amend und ich hatten das eigentlich als Feierabendprojekt gestartet, aus privater Leidenschaft für Langformen, als eine dieser Schnapsideen. Schließlich wollen die Menschen allen Umfragen zufolge maximal 20 oder 30 Minuten Podcast hören. Nun hören Hunderttausende eine Folge von "Alles gesagt?". Richtig strategisch geplant war das alles nicht.

kress pro: Gehören vermeintliche Schnapsideen zu einer intelligenten Digitalstrategie?

Wegner: Die besten Sachen passieren, wenn man mit einer gewissen Freude herumprobiert. Und nicht immer nur nach Lehrbuch vorgeht und die Datenlage im Kopf hat. Vielleicht wird es nichts, aber wir diskutieren gerade wieder so ein größeres neues Projekt: Wir wollen ein Medium gründen und versuchen, dabei gegen bestimmte, seit Jahrzehnten festgefügte Regeln dieses Mediums zu verstoßen. Die reine Lehre interessiert uns schon, aber schon auch, um sie hie und da gezielt zu ignorieren.

kress pro: Was ist das für ein Medium?

Wegner: Das erraten Sie nie. Ich kann es selbst kaum glauben.

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Chefredakteur Jochen Wegner verrät im kress pro-Interview, dass die Zeit Online-Community jede Woche bis zu 100.000 Kommentare auf der Website hinterlässt. Warum für Wegner die Interaktion mit den Lesern der Schlüssel für einen erfolgreichen Verkauf von Inhalten im Netz ist. Sie können das komplette Interview in kress pro 6/2020 lesen. Zum Shop.

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kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

Zur Person: Jochen Wegner ist seit mehr als sieben Jahren Chefredakteur von Zeit Online und gehört seit 2019 zusätzlich der Print-Chefredaktion der Wochenzeitung an. Den Ruf als Community- und Internetspezialist erarbeitete sich der gebürtige Badener schon während seines Studiums der Physik und Philosophie in Bonn, als er 1994 das Journalistennetz Jonet mitgründete. Zuvor hatte er die Kölner Journalistenschule absolviert. 1998 begann Wegner als Redakteur für Forschung und Technik beim "Focus", stieg 2006 zum Chefredakteur von Focus Online und 2009 zusätzlich zum Mitglied der Geschäftsleitung der Tomorrow Focus AG auf, verließ den Burda-Konzern aber Ende 2010. Es folgten einige Jahre als Entrepreneur für Tablet-Medien und Berater für Digitalstrategien. Im März 2013 holte ihn der Zeitverlag als Nachfolger von Wolfgang Blau an die Redaktionsspitze von Zeit Online. 2017 wurde Jochen Wegner vom "medium magazin" als "Chefredakteur des Jahres" ausgezeichnet. Gemeinsam mit Christoph Amend, Chefredakteur des "Zeit-Magazins", ist Wegner Gastgeber des Interview-Podcasts "Alles gesagt". Rund 200 Mitarbeiter sind nach Verlagsangaben für Zeit Online tätig.

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