Job-Kolumne: Was heißt es, als Medienprofi an sich selbst zu arbeiten

 

Selbstbewusster werden, weniger Konflikte erleben, klare Lebensziele haben: Viele Medienprofis wollen nicht nur ein praktisches Problem lösen, sondern sich selbst verbessern. Mediencoach Attila Albert sagt, was das konkret bedeutet und ob das überhaupt möglich ist.

Wer sich als Medienprofi für ein Coaching interessiert, will fast immer ein sehr praktisches Problem lösen. Beispielsweise eine interessantere oder besser bezahlte Stelle finden, neue Herausforderungen nach einer Beförderung bewältigen oder sein Leben anders gestalten, etwa mehr Zeit für die Familie zu haben. Regelmäßig kommt es aber auch vor, dass ein Klient "an sich arbeiten" möchte. Auch das soll ein Problem lösen, etwa mehr Klarheit in Bezug auf eigene Lebensziele zu finden oder selbstbewusster zu werden. Aber was heißt es eigentlich konkret, "an sich zu arbeiten" – und ist das überhaupt wirklich möglich?

Einige alltägliche Situationen, die zu solch einem Wunsch führen: Die Redakteurin einer Regionalzeitung fürchtet sich vor den täglichen Themenkonferenzen. Inhaltlich ist sie immer besser vorbereitet als die anderen, auch erfahren genug. Aber sie hat die lähmende Sorge, vor allen kritisiert zu werden oder sich zu blamieren. Der Produktmanager einer News-App hat eine gelungene Karriere, eine junge Familie und ein gutes Gehalt. Aber er fühlt sich rastlos und unsicher. Wo soll er nun als nächstes hin im Leben – oder wäre es an der Zeit, den Status quo anzunehmen, sich daran zu freuen und sich gar nichts vorzunehmen?

Bei solchen Fragen geht es nicht um äußerliche Umstände. Schnelle Tipps und Tricks helfen da wenig weiter, oft zur anfänglichen Frustration der Betroffenen. Sie betreffen innere Aspekte, etwa die eigene Wahrnehmung, persönliche Werte und Vorstellungen. Sich damit zu beschäftigen, sie gar zu verändern, braucht Zeit und Geduld. Gleichzeitig lohnt es sich. Wer sich erst einmal über sich selbst und seinen Weg klar ist, erspart sich langfristig viele Irrtümer und Umwege. Er weiß beispielsweise sofort, ob ein eigentlich attraktives Job-Angebot wirklich passt oder direkt freundlich abgelehnt werden kann.

Ein Prozess, der Geduld erfordert

"An sich zu arbeiten", also Aspekte der eigenen Persönlichkeit oder seines bisherigen Verhaltens zu verändern, erinnert mich in vielem an das Erlernen einer Fremdsprache. Nach einer kurzen Euphorie wird es oft mühselig. Man stößt auf Ungereimtheiten und schwer erklärbare Logikbrüche. Es ist komplexer als erwartet, regelmäßiges Üben ist notwendig. Im Lauf der Zeit wird es aber langsam leichter. Die Erfolgserlebnisse häufen sich trotz mancher Rückschläge. Und eines Tages beherrscht man das Neue, als wäre es nie anders gewesen. Drei Phasen durchlaufen Sie dabei grundsätzlich, wenn Sie sich verändern wollen.

1. Eigene Überzeugungen überdenken

Jeder hat persönliche Überzeugungen, die einem meist nur teilweise bewusst sind, aber das eigene Empfinden und Verhalten prägen. Zum Beispiel: "Ich kann nichts an meiner Lage ändern, weil…" oder "Ich muss ständig kämpfen, sonst werde ich beiseite geschoben." Ersteres führt zu einem recht passiven Verhalten mit vielen Ausreden, zweiteres zu höherer Aggressivität mit vielen vermeidbaren, anstrengenden Konflikten. Im Coaching werden derartige Überzeugungen durch Selbsttests und im Gespräch identifiziert und geklärt, dann mögliche Alternativen diskutiert. Zu den obigen Beispielen möglicherweise: "Gewisse Dinge kann ich ändern, auch wenn es anfangs nur wenige sind" (offen für Optionen sein) oder "Ich kann mich zurücknehmen, ohne dass es mir schadet" (Vertrauen riskieren).

2. Neue Gewohnheiten einüben

Anfangs fühlen sich neue Überzeugungen meist noch recht fremd an. Man muss sie erkunden, üben, so langsam zu neuen Gewohnheiten machen. Je nach persönlicher Vorliebe und Verfassung in kleinen, vorsichtigen Schritten oder gleich mit vollem Engagement. Wer beispielsweise verbindlicher auftreten und anstrengende Streitereien in der Redaktion reduzieren will, kann einen Tag lang bewusst jedes vorschnelle Urteil vermeiden und stattdessen zuhören, nachfragen und beobachten. Was verändert sich damit in der Kommunikation, für das eigene Wohlbefinden? Wer selbstsicherer werden will, könnte schauen, ob er sich im geschützten Rahmen zu einem Rhetorik-Abend ("Toastmasters") traut, vielleicht sogar schon auf die Bühne. Wie fühlt sich das an, was sagen die anderen?

3. Viel Zeit für Stabilisierung nehmen

Derartige Veränderung sind schnell angekündigt, brauchen aber Zeit und Geduld. Immer mehrere Monate, oft einige Jahre. Denken Sie deshalb langfristig, Sie gewöhnen sich mit solch einem Vorhaben einen neuen Lebensstil an, der etwas ganz grundlegend ändert. Dafür muss man viel herumprobieren, sich über Rückschläge nicht nur ärgern, sondern aus ihnen etwas lernen. Danach sollte immer eine Phase kommen, in der Sie sich stabilisieren, also keine neuen Projekte vornehmen, sondern ihren Alltag leben und hoffentlich genießen. Wer sich pausenlos "optimieren" will, erschöpft sich und muss auch feststellen, dass das auf Dauer gar nicht durchzuhalten ist. Jede Änderung muss einen echten Sinn haben und bedeutsame Verbesserungen bringen. Sie ist kein Selbstzweck und auch kein Zwang.

Wer zu dem Punkt kommt, dass er "an sich arbeiten" möchte, hat typischerweise bereits einen weiten Weg hinter sich. Bei allen erkannten Problemen sollen sich meist zuerst die Umstände (z.B. Arbeitgeber, Branche, Gesellschaft) oder andere (z.B. Chefs, Kunden, Leser, Partner) ändern. Erst nach der frustrierenden Erfahrung, dass das ausbleibt oder nicht den erhofften Erfolg bringt, wird klar: "Ich muss es wohl selbst machen." An diesem Punkt endet die Schuldzuweisung, beginnt die Eigeninitiative. Persönlichkeitsentwicklung wird dann auch selbst zu einer neuen Gewohnheit: Wer es einmal in einem Aspekt als erfolgreich erlebt hat, kann es recht leicht bei einem späteren Vorhaben wiederholen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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