Julian Reichelt nennt Zahlen: Wie Bild TV läuft

 

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt sagt im kress pro-Interview, wieviele Nutzer Bild TV an Spitzentagen erreicht, wie die Zeitung davon profitiert und warum die Zukunft von Bild Live-Videos sind. Außerdem verrät Reichelt, was der wertvollste Inhalt hinter der Bildplus-Paywall ist.

kress pro: Herr Reichelt, was ist Bild heute: Eine Zeitung? Ein Fernsehsender? Oder liegt der Schwerpunkt jetzt auf Web-TV, das darüber hinwegtäuschen soll, dass die fetten Jahre vorbei sind?

Julian Reichelt: Bild ist Deutschlands größte, stärkste und relevanteste Medienmarke, die sich erfolgreich von einer Zeitung zu einer digitalen Marke entwickelt hat. Jetzt sind wir auf dem Weg, neue Plattformen zu erschließen. Für uns ist nicht der Verteilweg das Definitionsmerkmal der Marke, sondern unser Inhalt und unsere Art und Weise zu erzählen: Wir erzählen nicht im oder fürs Fernsehen. Wir erzählen live. Das ist unser USP.

kress pro: Trotzdem ist der nächste Schritt, wenn ich Sie richtig verstehe, ein eher klassischer TV-Kanal ...

Reichelt: Nicht unbedingt. Ja, Live-Erzählen kann auch im Fernsehen stattfinden. Denn da sind weiterhin große Reichweiten - und ich glaube, dass die emotionale Art von Bild zu erzählen dahin gehört, wo die Menschen durchschnittlich noch jeden Tag 180 Minuten verbringen. Live-Erzählen kann aber auch auf vielen anderen Plattformen stattfinden - außer Papier.

kress pro: Das hört sich dann aber doch schwer nach Fernsehen an.

Reichelt: Aber ohne das Bleischwere, was bei diesem Begriff üblicherweise mitschwingt. Ich möchte kein Bild Live, das die Rituale des Fernsehens kopiert. Bei uns steht keiner vor dem Reichstagsgebäude, damit man weiß: Jetzt geht's um den Bundestag. Wir sind eben kein Chronistenpflicht-Live-Betrieb wie viele andere, sondern setzen emotionale Schwerpunkte. Bild war die Medienmarke, die live verkündet hat, dass auf dem Höhepunkt der Pandemie Deutschland seine Grenzen schließt. Paul Ronzheimer und ich haben das beide aufs Handy bekommen, sind ins Studio gerannt und haben das vorgelesen. You've heard it first on Bild. Das ist für mich Live-Journalismus.

kress pro: Und weshalb zieht es Sie dann ins bleischwere klassische Fernsehen?

Reichelt: Natürlich bewerten wir aktuell, ob wir Bild auch ins Fernsehen bringen, wenn wir die Inhalte ohnehin schon haben. Denn über Fernsehen gäbe es zusätzlich zu unseren hohen digitalen Reichweiten Zugang zu noch mehr Zuschauern und vor allem zu großen Werbebudgets. Wir wollen jetzt beweisen, dass wir mit minimaler Infrastruktur ein aufregendes Live-News-Erlebnis schaffen können. Die Vision heißt ganz klar: Wenn Sie Bild schauen, sind Sie dabei, wenn es passiert.

kress pro: Warum eigentlich erst jetzt? Es wurde ja schon immer von Bild TV gesprochen, obwohl es das gar nicht gab.

Reichelt: Diese Frage stelle ich mir jeden Tag. Die "Bild"-Zeitung ist ja gegründet worden, weil es damals kein privates Fernsehen gab, und hat schon immer emotional und in Bildern erzählt. Aber ich bin froh, dass wir es jetzt endlich machen. Unser Ziel ist, so viele Menschen wie möglich zu erreichen und ehrlich gesagt auch so viel Geld wie möglich damit zu verdienen.

kress pro: Und klappt das?

Reichelt: Unsere Erwartungen wurden komplett übertroffen. An unseren erfolgreichsten Tagen wie den großen Pressekonferenzen der Kanzlerin haben wir jeweils bis zu drei Millionen Nutzer erreicht. Wir haben knapp siebenstellige Zugriffe bei allen großen Live-Lagen. Das wird übrigens in einer ultimativ harten Währung - Click to unmute und Watchtime - gemessen und nicht wie die TV-Quoten nach einem heute eher veralteten Verfahren.

kress pro: Welche Rolle spielt Bild Live denn aktuell in der Gesamtgruppe?

Reichelt: Am Anfang hatten wir es mit zwei Modellen zu tun - der Zeitung und dem Digitalangebot Bildplus. Jetzt sind wir zu dritt, aber all das ist für mich nur attraktiv, wenn es ineinandergreift und sich gegenseitig stärkt.

kress pro: Wie kann denn Bild Live die gedruckte "Bild" stärken?

Reichelt: Nehmen wir ein ganz plastisches Beispiel: Live heißt, gesagt ist gesagt. Damit entfällt die Autorisierung. Wir führen bei Bild so gut wie keine klassischen Zeitungsinterviews mehr. Wir machen Live-Interviews und werten sie dann für Print aus. Ich bin mir sicher, dass 80 Prozent der so entstandenen Zeitungsüberschriften eine Autorisierung nicht überlebt hätten. Wie Olaf Scholz, der bei uns sagt: "Lukaschenko muss abtreten."

kress pro: Und was hat Bildplus von Bild Live?

Reichelt: Unser wertvollster Content hinter der Bildplus-Paywall ist die Video-Doku. Dank Live haben wir innerhalb weniger Monate bei 500 Reportern eine Mentalität geschaffen, dass Videos einfach dazugehören. Man kann ein iPhone-Video als Notizblock benutzen. Aber niemals aus einer Geschichte im Notizblock ein Video machen. Mein Kollege Peter Hell, der von Spiegel  TV kommt, hat früher immer mit einem Augenzwinkern gesagt: "Ihr brecht ein, aber ihr vergesst zu klauen. Ihr habt all die Geschichten, aber ihr filmt nicht." Jetzt schaffen wir Live-Erlebnisse und ein Universum aus spannenden Dokus hinter der Paywall.

Warum Julian Reichelt Bild TV als Disrupter und nicht als Konkurrenz oder Alternative zum klassischen Fernsehen sieht, warum er für zwei Marktlücken im deutschen Live-, Fernseh- oder Videobereich extrem dankbar ist und warum er niemandem eine Träne nachweint, der Bild verlässt.

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Zur Person: Julian Reichelt als "Hausgewächs" zu bezeichnen wäre logisch. Schließlich spielt die journalistische Karriere des 1980 geborenen Hamburgers ausschließlich bei Springer. Mehr noch: Außer dem Durchlaufen der hausinternen Axel Springer Akademie war Reichelt zeit seines Berufslebens bei Bild. Nicht mal das sonst hausübliche Bad im Abklingbecken namens Welt fand bei Reichelt statt. Stattdessen war er immer für Bild im Einsatz, die ersten Jahre als Kriegsreporter und Auslandsberichterstatter, in Afghanistan, Thailand, Irak, Libanon. 2014 kehrte er als OnlineChef zurück ins Haus und baute seine Macht zielstrebig aus. 2017 übernahm er mit dem Abgang von Kai Diekmann den Vorsitz der Bild-Chefredaktion. Diekmanns selbst erwählte Nachfolgerin auf dem Chef-Posten der gedruckten "Bild", Tanit Koch, warf Anfang 2018 entnervt von dauernden Auseinandersetzungen mit Reichelt das Handtuch. Seitdem ist Reichelt Bild - und hat mehr Macht als alle Chefredakteure der vergangenen zwei Jahrzehnte vor ihm.

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