"Quotenfrau" und "Volkshochschule": Diskussion um provokantes Spiegel-Interview mit Virologin Sandra Ciesek

19.10.2020
 

Die Virologin Sandra Ciesek ist derzeit im Wechsel mit Christian Drosten beim NDR-Podcast "Coronavirus-Update" zu hören. Wie einst ihr Kollege Drosten hat sie jetzt via Twitter Medienkritik geübt und eine große Diskussion ausgelöst. Anlass ist ein aktuelles Interview im Spiegel.

Spiegel: Frau Professor Ciesek, seit September sind Sie alle zwei Wochen im Wechsel mit Christian Drosten im NDR-Corona-Podcast "Coronavirus Update" zu hören. Ihnen ist klar, dass Sie die Quotenfrau sind?

Spiegel: Christian Drosten hat sich im Laufe der letzten Monate zu einem Popstar entwickelt, dem jetzt auch noch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen wurde. Sie hingegen gelten als "die Neue an Drostens Seite"; so haben jedenfalls "Bild"-Zeitung und "Berliner Zeitung" Sie bezeichnet.

Spiegel: Ihre ersten Podcast-Folgen klangen ein wenig nach Volkshochschule. Wollen Sie es in Zukunft spannender machen?

Mit diesen drei Fragen leitet der Spiegel ein am Freitagabend veröffentlichtes Interview mit der Virologin Sandra Ciesek in seiner aktuellen Ausgabe ein. Den Satz "so haben jedenfalls Bild-Zeitung und Berliner Zeitung Sie bezeichnet" fügt die Spiegel-Redaktion nachträglich ein. Die Autorinnen des Beitrags sind Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow.

"Ich leite ein virologisches Institut an einer großen Universität. Ich muss mich nicht verstecken", antwortet Sandra Ciesek unter anderem auf die Spiegel-Eingangsfragen. Sie ist Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt sowie Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität.

Am Samstag schreibt Ciesek auf Twitter: "Bin bisschen überwältigt, was das Interview für Wellen schlägt. Ich war auch irritiert von den provokanten Fragen und deren Sinn. Einschüchterung? Schlagzeilen? Führt jedenfalls dazu, dass Frau sich weiter aus solchen Dingen zurückzieht. War das die Mission?"

Ihr Tweet zieht über 1.000 Antworten nach sich, bis zum Montagvormittag gibt es über 3.000 Retweets und 22.000 Likes. Der Hashtag #quotenfrau wird zum Top-Trend auf Twitter.

Eine der Spiegel-Interviewerinnen, Rafaela von Bredow, stellt sich der Kritik und antwortet auf Cieseks Tweet: "Liebe Frau @CiesekSandra, nein, das war es nicht. Wenn Sie unsere kritische Frage so empfunden haben, ist das schade. Und bedauerlich, dass Sie das in unserem Gespräch nicht im Entferntesten haben anklingen lassen. Auch in Ihrer Autorisierung des Interviews: kein Wort dazu."

Auf Cieseks Erwiderung, dass der Begriff "Volkshochschule" bewusst beleidigend und abwertend gewesen sei, bekräftigt Bredow: "Wenn Sie den VHS-Vergleich 'bewusst beleidigend und abwertend' fanden, wäre es gut gewesen, uns das beim Interview oder später bei der Autorisierung zu sagen. Dann hätten wir dies aufnehmen können." Ciesek: "Ja das fand ich. Und ich musste mich in dem Moment zusammenreißen. Es ist verunsichernd und verletzend. Ich habe das auch mit unserem Pressesprecher besprochen. Ihm erzählt, wie schwierig ich das Interview fand. Er fand die Antwort aber ok. Und wie gesagt ist ja der Rest Ihr Part".

Die österreichische Medienmanagerin Corinna Milborn mischt sich in die Diskussion ein: "Das Interview ist exemplarisch dafür, wie Frauen behandelt werden, wenn sie Raum in der Öffentlichkeit einnehmen - also einfach sichtbar DA SIND." Oder: "Die Hälfte des Interviews ist also nicht Fachfragen gewidmet, sondern transportiert in Fragen, die eigentlich kleine Angriffe sind, ob Cieske ALS FRAU überhaupt ein Recht habe, die Interviews zu geben, um die der NDR bei ihr angefragt hat. Fazit: Es kostet so viel Kraft."

Die SZ-Magazin-Kolumnistin Teresa Bücker macht einen Twitter-Aufruf: "Lasst uns doch mal 'freche' Interview-Einstiegsfragen an Männer sammeln. Ich habe das Gefühl, diese Technik wurde in den letzten Jahrzehnten etwas einseitig vermittelt." Bücker bekommt Hunderte Antworten auf ihren Tweet.

Die bisherige Bild-Führungskraft Miriam Hollstein, bald bei Funke, merkt zur Diskussion an: "Ja, ich fand die Fragen auch seltsam. Aber: Wir Journalisten & Journalistinnen interviewen oft Profis. Wenn wir denen nur "respektvolle" Fragen stellen würden, würden die PR-Antworten geben&ihr würdet beim Lesen einschlafen." Und weiter: "Ungewöhnliche (provokante) Fragen erhöhen die Chance, interessante Antworten zu bekommen. Dabei schießt man auch manchmal übers Ziel hinaus. Ich fragte einmal einen Spitzenpolitiker nach einer Äußerlichkeit. Fand es eine lustige Abschlussfrage, er hatte sie oft beantwortet."

Spiegel-Redakteur Alexander Kühn erinnert daran, dass die Kolleginnen Bredow und Hackenbroch einen großen Anteil an der "besonnenen Corona-Berichterstattung des Spiegel" hätten. Dass sie eine anerkannte Virologin kritisch befragten und nicht wie Aktivistinnen, macht sie für Kühn "journalistisch noch glaubwürdiger".

"Was ist schlimm an provokanten Fragen", fragt schließlich Olaf Stampf, Leiter Wissenschaft und Technik beim Spiegel, Sandra Ciesek. "Zumal wenn man so souverän antwortet wie Sie. Auch sonst haben Sie mit meinen Kolleginnen @bredow und @VHackenbroch ein kluges, informatives Gespräch geführt. Um Einschüchterung ging es wahrlich nicht. #Quotenfrau".

taz-Medienredakteurin Anne Fromm ordnet die Diskussion konstruktiv ein: "Klar, es ist anstrengend und nervig für JournalistInnen, dass auf Twitter, Facebook und Instagram jeder Medienkritik äußern kann. Wofür man früher Briefpapier, einen Füller und eine Briefmarke brauchte, braucht es heute nur einen schnell getippten Tweet. Aber genau das ist auch ein Gewinn, weil es ermöglicht, dass wir transparenter und offener über unsere Arbeit und ihre Fehler sprechen könnten. Beim Spiegel allerdings richten sie die 'kritischen Fragen' diesmal lieber an die anderen statt an sich selbst."

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf

Lothar Riemenschneider

19.10.2020
!

Wie oft wurde Prof. Drosten verunglimpft : kam IRGENDJEMAND auf die Idee, das liege daran, "dass er Mann" ist? Solange jemand Frauen von kritischen/ "frechen" Fragen verschonen will, und diese darauf bezieht, "dass/weil sie Frau ist", zeigt der Jemand damit, dass er selbst "Gleichberechtigung" nicht verinnerlicht hat.
Tatsächlich gäbe es gegenüber "Maßnahmen" etwas kritischere Virologen, und das Problem liegt darin, dass *diese* im NdR u.a. nicht/ kaum vorkommen, egal ob Frau oder Mann.


Manfred Effertz

19.10.2020
!

In welcher Hinterhof-Schule haben die beiden "Journalistinnen)" gelernt, wie man ein gutes Interview führt? An und für sich wäre das Einbringen von Intelligenz - sofern sie denn vorhanden ist - ein gutes Werkzeug, aber die beiden könnten Frau Ciesek noch nicht einmal das Wasser zm Händewaschen reichen. Für BILD würde es ja vielleicht reichen. Oder der Spiegel geht auf das Bild-Niveau runter. Nur weiter so, das ist zu schaffen!


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.