SZ-Chefredaktion entschuldigt sich für Levit-Artikel - Ulf Poschardt kritisiert die Entscheidung

21.10.2020
 

Nach einem umstrittenen Artikel über den Pianisten Igor Levit bittet die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung Levit und die SZ-Leser um Entschuldigung. Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt verurteilt die Reaktion von Wolfgang Krach und Judith Wittwer: "Wer Journalismus betreibt, sollte nicht beim ersten Shitstorm einknicken."

Die SZ-Chefredakteure Wolfgang Krach und Judith Wittwer schreiben am Dienstagabend in einem gemeinsamen Artikel in eigener Sache: "Viele unserer Leserinnen und Leser kritisieren diese Veröffentlichung scharf und sind empört. Manche empfinden den Text als antisemitisch, etliche sehen Levit als Künstler und Menschen herabgewürdigt. Auch er selbst sieht das so. Das tut uns leid, und deswegen bitten wir Igor Levit persönlich wie auch unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung."

Der SZ-Artikel erschien am Freitag mit der Überschrift Igor Levit ist müde. In dem Feuilleton-Text geht es darum, wie sich der russisch-deutsche Pianist auf Twitter präsentiert. Levit hatte nach dem Erscheinen getwittert: "Der Artikel in der @SZ hat mich getroffen." Im Netz kam von vielen Seiten Kritik auf.

Krach und Wittwer betonen in ihrem Statement, auch in der eigenen Redaktion sei kontrovers über den Artikel diskutiert worden: "Harte Kritik gibt es in der Redaktion am Begriff 'Opferanspruchsideologie', der nach dem Wortlaut des Textes zwar auf soziale Medien allgemein bezogen sei, aber so verstanden werden könne, dass er Levit gilt." Levit stammt aus einer jüdischen Familie. Die SZ-Chefredakteure kündigen weiter an: "Die Frage, was und wie wir aus dem Fall lernen können, wird uns weiterhin beschäftigen."

Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt hat sich in die Debatte um den Levit-Artikel mit einem Beitrag auf Welt.de eingeschaltet. Er sieht in der Entschuldigung der SZ-Chefredaktion eine mutlose Entscheidung, die eine fatale Signalwirkung für den Journalismus habe.

Poschardt schreibt: "Den beiden Chefredakteuren der Süddeutschen Zeitung, Wolfgang Krach und Judith Wittwer, muss man sehr dankbar sein. Sie haben im Umgang mit einem heiß diskutierten Feuilletonartikel um den Twitter-Einpeitscher, Menschenrechts-Aktivisten und Weltklassepianisten Igor Levit deutlich gemacht, wer das Blatt führt: Die Chefredakteure sind es eher nicht, sondern die Twitter-Brigade einer neuen linken Meinungsführerschaft, der sich nicht nur öffentlich-rechtliche Medien zunehmend beugen." In einem für das Feuilleton vollkommen normal kritischen Text über Leben und Werk des Pianisten Levit sei sich auch ein wenig über dessen oft genug regressives Twitterverhalten lustig gemacht worden. Wer Levits OEuvre kenne: das sei im Zweifel eher milde gewesen, so Poschardt weiter.

Jeder Autor und Redakteur der Süddeutschen Zeitung werde sich künftig genau überlegen, wen er wie kritisiert, glaubt Poschardt. Er sieht im "Zurückweichen der SZ-Chefredakteur vor dem Shitstorm" eine "Einladung unliebsame, andersdenkende, fordernde Positionen abseits der links-"liberalen" Trampelpfade zu brandmarken, anzugreifen, fertigzumachen".

Poschardt schließt seinen Beitrag mit diesen Sätzen: "Der Journalismus ist wichtig. Er ist eine wunderbare Sache. Wer ihn betreibt, sollte im Zweifel unerschrocken sein. Und nicht beim ersten lauten Knall eines Shitstorms einknicken. Gerade die großartige 'Süddeutsche Zeitung', das Blatt der Werner Friedmanns, der Hans Heigerts, Dieter Schröders, Riehl-Heyses, Giovanni di Lorenzos und Kurt Kisters, steht als Bastion einer inneren wie äußeren Liberalität in einer für die Geschichte dieses Landes so verdienstvollen Tradition. In dieser Entschuldigung erkennt man sie als stolzes, liberales Blatt nicht wieder."

Auf Twitter wird Poschardts Beitrag kontrovers diskutiert.

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