Job-Kolumne: Wann ist es Zeit, ein Provisorium im Beruf oder im Privatleben zu beenden?

 

Ein Arbeitsort, an dem man keinesfalls leben würde. Ein Medium, das einem eigentlich fremd ist. Viele Medienprofis haben sich seit langem mit etwas arrangiert, das einmal als Provisorium gedacht war. Mediencoach Attila Albert über Schritte, ganzheitlicher als bisher zu arbeiten und zu leben.

Eine Lokaljournalistin hatte sich vor drei Jahren bei ihrer örtlichen Tageszeitung beworben, die Stelle aber nicht bekommen. Der Chefredakteur bot ihr aber an, sie als Pauschalistin zu beschäftigen und anzustellen, wenn wieder eine Planstelle frei würde. Sie willigte ein, aber er kam nie mehr darauf zurück. Inzwischen war sie selbst unsicher, ob sie überhaupt noch auf einer Festanstellung bestehen sollte. Der Pauschalistenvertrag erlaubte ihr, auch für andere zu arbeiten und nicht jeden Tag in der Redaktion sein zu müssen. Sollte sie trotzdem den festen Vertrag einfordern, notfalls wechseln oder wie bisher weitermachen?

Provisorien sind bekanntermaßen die langlebigsten Arrangements. "Ich mach das erstmal und schau, wie sich das entwickelt" – so beginnen regelmäßig mehrjährige Lebensphasen, die so nie beabsichtigt waren. Typisch im beruflichen Bereich: Ein Arbeitsort, an dem man nie leben wollte, oft verbunden mit einer Zweitwohnung und Pendeln, damit auch höheren Kosten. Die Arbeit für ein Medium, das einem inhaltlich oder politisch fremd ist, aber ein gutes Einkommen bietet. Im Privaten: Ewig ungeklärte Beziehungen, weil ein Partner anderweitig gebunden ist, sich nicht entscheiden will oder zufrieden mit diesem lockeren Arrangement ist.

Nicht nur Vor- und Nachteile vergleichen

Bleiben oder gehen? Fast jeder vergleicht in solchen Situationen gedanklich die Vor- und Nachteile einer möglichen Veränderung. Mit dieser Methode scheint sich das fast immer ungefähr auszugleichen und läuft darauf hinaus, dass die Sicherheit des Vorhandenen höher bewertet wird als die Risiken einer Veränderung (z.B. eine neue Probezeit). So bleibt man also, und die Monate und Jahre vergehen. Ist das ein Fehler? Nicht unbedingt, es hängt von der Situation und den persönlichen Wünschen ab. Auch ein Provisorium kann viele Vorteile haben und eine pragmatische, wenn auch nicht ideale Lösung sein.

Mittelfristig (3-5 Jahre) würde ich empfehlen, für Klarheit zu sorgen: Soll das so weitergehen oder werde ich jetzt aktiv, um etwas zu verändern? Gar nicht einmal zwingend, weil die aktuelle Situation nicht mehr auszuhalten wäre. Sondern wegen der Chancen, die man wegen ihr nicht nutzen kann und damit verliert. Wer sich beispielsweise mit einem ungeliebten Newsroom-Job arrangiert hat, kann nicht gleichzeitig woanders daran arbeiten, sich weiterentwickeln oder gar seine erste Führungsposition ausprobieren. Wer ewig eine aussichtslose Beziehung fortführt, kann vielleicht nie eine eigene Familie gründen.

Ganzheitlichen Lebensentwurf angehen

Bei diesen Überlegungen ist es sinnvoll, nicht nur den ungelösten Aspekt zu bedenken, immer wieder Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Sondern den Blick zu weiten: Wie soll mein Leben künftig aussehen – was von dem, das ich bereit habe, will ich weiterführen, und was soll sich ändern? Am besten, nach Wichtigkeit (Priorität) geordnet, wie man es in einem Coaching auch machen würde. Je konkreter Sie sich damit auseinandersetzen, wie Sie eigentlich leben wollen, desto leichter können Sie kommende Optionen vergleichen, vor allem aber gezielter und effizienter suchen.

Der erste Punkt – was soll bleiben, wie es ist – darf dabei nicht zur Sackgasse werden. Gelegentlich spreche ich mit Klienten, die exakt die gleiche Stelle wie ihre bisherige suchen, zwingend auch in der selben Stadt. Nur bei einem anderen Medienhaus und besser bezahlt. Das zu erreichen ist möglich, aber recht unwahrscheinlich. Besser ist es, zu abstrahieren, was genau man am Bisherigen attraktiv findet und behalten möchte. Statt "Ich möchte unbedingt Ressortleiter beim Magazin XY bleiben" zum Beispiel: "Weiterhin eine Führungsposition bei einem Wochentitel." Das gibt mehr Freiheit und erlaubt mehr Optionen.

Was den zweiten Punkt angeht – was soll sich ändern –, sind die Wünsche vieler Medienprofis bei weitem nicht so überbordend, wie sie oft selbst glauben. Sehr häufig geht es nicht einmal um ein höheres Gehalt und mehr Einfluss, sondern um ein berufliches Leben, in dem sich persönliche Werte (z.B. Respekt, Authentizität, Ehrlichkeit) besser einbringen lassen, das also ganzheitlicher ist. Oft verbunden mit dem Wunsch nach mehr Zeit für eigene Projekte und die Familie oder einem Wohnort, der besser zu einem passt bzw. kein Pendeln mehr erfordert. Das sind sehr grundlegende Elemente einer höheren Lebensqualität, die ein kalkuliertes Risiko absolut wert sein sollten.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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