Massive Kritik an Berichten zum Terroranschlag in Wien - Verleger Fellner verteidigt Vorgehen

03.11.2020
 

Die Veröffentlichung von Videos, auf denen zu sehen ist, wie beim Anschlag in Wien auf Menschen geschossen wird, hat einen Proteststurm ausgelöst. Bis Dienstagmittag sind rund 700 Beschwerden beim Österreichischen Presserat eingegangen. Warum "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner von einer "ganz normalen Dokumentation eines Terroranschlages" spricht.

Die Beschwerden richteten sich vor allem gegen die Medien oe24.tv aber auch gegen krone.at, sagte Presserats-Geschäftsführer Alexander Warzilek am Dienstag zur Nachrichtenagentur APA. Der zuständige Senat werde sich eingehend damit beschäftigen, kündigte Warzilek demnach an. Der Senat werde sich außerdem mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern die Interessen der Terroristen befördert würden, wenn zu viele Bilder gezeigt werden, so Warzilek gegenüber APA.

Der Österreichische Presserat wies eindringlich darauf hin, den Persönlichkeitsschutz zu achten und mahnte zur Zurückhaltung: "Verbreiten Sie keine Gerüchte, behindern Sie nicht die Polizei, verzichten Sie auf Aufnahmen und deren Verbreitung, gefährden Sie weder sich selbst noch die Ermittlungen."

Auf Twitter seien, wie APA weiter berichtet, Forderungen laut geworden, die Presseförderung oder die Vergabe von Inseraten an den Umgang mit solchen Vorfällen zu knüpfen. Das Unternehmen Billa habe  angekündigt, Inserate im Medien-Angeobt Österreich zu stoppen. Auch auf krone.at sei der Stopp von Werbeschaltungen veranlasst worden. Die Spar-Gruppe entschied: "Aufgrund der Art der aktuellen Berichterstattung setzen auch wir ein klares Zeichen und stoppen alle unsere Werbeanzeigen für Spar, Interspar und Hervis auf @Oe24at", so das Unternehmen am Dienstagvormittag auf Twitter.

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Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner verteidigt das Vorgehen gegenüber der APA: Es handle sich um die "ganz normale Dokumentation eines Terroranschlags". Die Aufregung oe24.tv betreffend halte er für "völlig überzogen". Schließlich seien die Videos auf der ganzen Welt zu sehen gewesen. "Wir haben nichts anderes gemacht, als internationale TV-Stationen wie CNN, Fox News oder das israelische Fernsehen auch", wird Fellner zitiert. Außerdem sei der Persönlichkeitsschutz gewahrt worden, da die Gesichter nicht erkennbar gewesen seien. Die Videos seien nur auf oe24.tv, nicht auf der Webseite der Zeitung gezeigt worden. Auch im TV habe man die Aufnahmen nach 23 Uhr nicht mehr gezeigt, als man die Kritik eines Teils der Zuseher mitbekommen habe. Ab 21 Uhr seien außerdem alle Werbeeinschaltungen im Umfeld der Terrorberichterstattung gestoppt worden, betonte Fellner APA zufolge.

Der Chefredakteur der "Kronen Zeitung", Klaus Herrmann, hat nach Agenturangaben in einer schriftlichen Stellungnahme reagiert: "Wir haben uns nach internen Diskussionen in der Nacht entschieden, Tatvideos nach bestmöglicher technischer Entschärfung zu veröffentlichen, um die Bedrohungslage zu unterstreichen. Die Videos wurden heute Morgen nach der - vermuteten - Entspannung der Lage wieder offline genommen", hieß es gegenüber der APA.

Der Verein Medienjournalismus Österreich (MÖ) verurteilte am Dienstag ebenfalls "die von einigen Medien - allen voran 'oe24' und 'Kronen Zeitung' - veröffentlichten Fotos und Videos": "Diese Form von Journalismus ist unverantwortlich und degoutant und gibt den Tätern auch noch eine Bühne. Solche Veröffentlichungen widersprechen nicht nur dem Ehrenkodex der Presse, sondern könnten auch juristische Folgen nach sich ziehen, weil die Verbreitung von Aufnahmen, auf denen Opfer eines solchen Anschlags zu erkennen sind, medienrechtlich unzulässig ist", hieß es in einer Aussendung. Der Verein appellierte "an alle Kollegen und Medien, nicht den Voyeurismus mancher zu befriedigen, sondern verantwortungsbewusst und mit Bedacht zu handeln".

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