G+J-Chefin Julia Jäkel: Es ist eine unfassbare Chance

04.11.2020
 

"Ich picke mir im Moment das Leben so zurecht, wie es mir gefällt", sagt G+J-Chefin Julia Jäkel im Führungs-Podcast Team A. Wie mobiles Arbeiten das Arbeitsleben vermenschlicht hat, warum Jäkel in Corona-Zeiten Kollegen spontan auf dem Handy anruft und warum sie sagt: "Die Zeiten der Macht-Dominanz oder Macht-Symbolik sind vorbei."

Julia Jäkel ist derzeit nur noch die Hälfte der Woche physisch im Büro. Sie wechselt auch innerhalb eines Tages den Ort: "Mal verbringe ich die Hälfte des Tages im Büro, radel dann nach Hause und bin dann wieder im Mobile Office. Ich picke mir im Moment das Leben so zurecht, wie es mir gerade gefällt", sagt die Vorstandsvositzende von Gruner + Jahr in der neuen Folge des Führungspodcast Team A.

Das mobile Arbeiten bringt Jäkel einen Zugewinn an Lebensqualität. Und nicht nur ihr - auch Umfragen unter den G+J-Mitarbeitern wären zu dem Ergebnis gekommen: "Lasst uns mehr davon machen, lasst uns mehr davon in unser Leben bringen." Jäkel sagt, das mobile Arbeiten habe das Arbeitsleben vermenschlicht.

Das volle Haus aus der Vor-Corona-Zeit vermisst sie: "Dass man durch den Flur läuft und in Gesichter guckt, die einem Freude machen, die einem etwas sagen, mit denen man plaudert." Das Alleinesein zu Hause sei manchmal ganz schön, aber es fehle schon "die Anregung, die gar nicht so geplant ist und erst im Miteinander entsteht". Julia Jäkel spricht von einem Energielevel, wenn Menschen in einem Büro zusammenkommen: "Ich glaube, dass das irgendwas mit einem macht."

Weiter betont Jäkel im Gepräch mit Astrid Maier, Chefredakteurin von Xing, und Antonia Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business manager: "Unsere Aufgabe ist es, diese Welten miteinander zu verheiraten und so zu kalibrieren, dass von beiden Elementen genug in unserem Leben ist. Ich finde es eine unfassbare Chance."

Was sie sich angewöhnt habe, sei das spontane Anrufen der Kolleginnen und Kollegen, verrät die G+J-Chefin. Dass man eben nicht rummaile oder über den Flur gehe, sondern einfach auf dem Handy anrufe und das Schöne sei: Irgendwie sei heute immer jemand erreichbar. Man komme schneller zueinander und bleibe in Kontakt. Mit einigen Menschen sei sie dadurch in der Zeit der Krise viel näher zusammengekommen, als das vorher der Fall gewesen sei. Der Übergang zwischen Beruf und privat sei sehr fließend geworden.

Jäkel spricht im Team-A-Podcast von einem lässigen Miteinander bei Gruner + Jahr und einem starken Glauben an die delegierende Führung, das Übergeben von Verantwortung: Das mobile Arbeiten bedeute das Vertrauenlegen in den Einzelnen, ihn loszulassen und ihm am Ende daran zu messen, was er für Arbeit zurückbringt.

Tipp: Im kress pro-Dossier "Personalführung" geht es um Arbeiten mit New-Work-Methoden.

Man habe bei Gruner + Jahr seit Jahren zudem darüber nachgedacht, "wie wir eigentlich sitzen wollen, wie wir räumlich beieinander sein wollen". Der Ur-Gedanke sei gewesen: "Wir brauchen einen Neubau auch deshalb, um unser Haus und unsere Kolleginnen und Kollegen in mehr Veränderung zu bringen."

"Ich glaube, die Zeiten der Macht-Dominanz oder Macht-Symbolik sind vorbei", sagt Jäkel weiter. Sie ist überzeugt, dass es gerade für Journalisten wichtig ist, von der Kathetrale runterzugehen, "die war da, auf der waren wir in großen Teilen", und ins Gespräch mit den Leserinnen und Lesern zu kommen. "Das sollte ein Gebäude auch ausstrahlen."

Jäkel selbst hat ihr Vorstandsbüro mit Blick auf die Elbphilharmonie aufgeben. Sie ist ins Erdgeschoss gezogen, in einen Großraum, den sie mit anderen Kolleginnen und Kollegen teilt.

Wo Gruner + Jahr hinwill, spiegelt sich in der Architektur des Neubaus. Warme Terrakottasteine statt Stahl und Glas, Platz für Cafés und Austausch mit den Leserinnen und Lesern. "Es wird ein großes Gebäude sein", sagt Jäkel. "Gleichzeitig aber kein dominantes Phallus-Symbol."

Der lange geplante Neubau in der Hamburger Hafencity sol trotz Pandemie entstehen. "Wir haben von Anfang an dieses Gebäude so kalibriert, dass wir flexibel sind, da wir uns außerstande gesehen haben, zu projizieren, was wir in 5, 10 oder 20 Jahren brauchen", sagt Jäkel. Gruner + Jahr verkleinert sich von rund 70.000 auf 44.000 Quadratmeter Fläche. Geteilte Arbeitsplätze und der Wechsel zwischen mobilem Arbeiten und Büro waren bereits vor der Pandemie mitgedacht, sowie mögliche Untermieter eingeplant. "Das Haus kann atmen." Statt fester Einzelbüros wolle der Verlag unterschiedliche Arbeitsflächen und Räume anbieten. 

"Das Büro entstand im Grunde ja in der Zeit nach der Entstehung der Dampfmaschine. Wir haben es einfach perpetuiert", so die Verlagschefin im Podcast von Harvard Business Manager und Xing. Es habe wohl eine Art exogenen Schock gebraucht, der daran erinnert hat, dass wir längst ohne Papier arbeiten können.

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