Medien-Debatte: War es richtig, Donald Trump das Mikrofon abzudrehen?

09.11.2020
 

Am vergangenen Freitag haben mehrere Fernsehsender die Übertragung einer Trump-Rede abgebrochen. Die Neue Zürcher Zeitung und die spanische La Vanguardia kritisieren die Entscheidung. Stefan Niggemeier sagt, dass es nicht die Aufgabe von Fernsehjournalisten ist, empört zu sein.

Die Neue Zürcher Zeitung übt Kritik an der Entscheidung mehrerer TV-Sender, Donand Trump das Mikrofon abzudrehen: "Das Vorgehen von ABC, CBS, CNBC und MSNBC war unreif, unklug, übergriffig. Journalisten ergriffen Partei und machten von ihrer Diskurshoheit Gebrauch. Im Gewand vermeintlicher Haltung übten sie einen entmündigenden Paternalismus aus. Sie brachten die Zuschauer um die Chance, sich selbst ein Bild zu machen, und den Präsidenten um sein Recht der freien Äußerung. Nichts, wirklich gar nichts hätte dagegen gesprochen, die Rede kritisch zu bewerten, einzuordnen, sie hart auf Pro und Contra abzuklopfen - aber bitte schön erst dann, wenn man sie gehört hat. (...)

Es ist das Gegenteil von Besonnenheit, die freie Rede mit der Macht des technischen Apparats zu verhindern. Auch einem Gegenüber, das selbst das Gegenteil von Besonnenheit und Reife ist, sollte auf erwachsene Weise widersprochen werden. Sonst gibt es am Ende nur noch Rechthaberei und Monologe."

Die spanische Zeitung La Vanguardia schrieb dazu: "Joe Biden wird sich ohne Zweifel zum Präsidenten der Vereinigten Staaten erklären, sobald die Stimmen ausgezählt sind. Eigentlich wäre damit die Frage einer jeden Wahl beantwortet, nämlich wer gewonnen hat. In der jetzigen Lage stellt sich von nun an eine zweite Frage (...): Was wird Donald Trump von nun an tun? (...) Wir werden sicherlich Aktionen erleben, die in der langen Geschichte der amerikanischen Demokratie ohnegleichen sind. Als Vorgeschmack haben wir bereits am Donnerstagabend erlebt, wie die drei seriösen TV-Sender ABC, CBS und NBC die Liveübertragung von Präsident Trump unterbrachen, weil er Lügen und falsche Anschuldigungen verbreitete."

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Indes kann sich Medienkritiker Stefan Niggemeier "am Lagerfeuer der gemeinsamen Empörung" nicht erwärmen. In einem Kommentar zur CNN-Wahlberichterstattung schreibt der Übermedien-Gründer: "Bevor John King [CNN-Moderator] vor ein paar Tagen mit seiner Zauberwand größere Teile der Berichterstattung übernahm, bestand das Programm von CNN aus wenig anderem: Empörte Menschen vergewissern sich im Gespräch mit anderen empörten Menschen gegenseitig ihrer Empörung. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde Trumps Rede und sein Handeln empörend. Ich glaube nur nicht, dass es die Aufgabe von Fernsehjournalisten ist, empört zu sein. Ich kriege das mit der Empörung wirklich ganz gut alleine hin, ohne Empörungscheerleader."

Niggemeier wünscht sich, gerade in diesen aufgeregeten und aufregenden Zeiten, Nüchternheit: Es gehe dabei gar nicht so sehr um die ewigen und oft elenden Fragen von Objektivität oder Neutralität. Und es gehe schon gar nicht darum, skandalöse, empörende Dinge nicht beim Namen zu nennen. Es gehe um emotionale Distanz und eine journalistische Haltung, die den Menschen im Publikum nicht sage, wie sie sich fühlen sollten, sondern ihnen alle Fakten liefere, damit sie sich eine eigene Meinung dazu bilden könnten.

Die beste Art von Journalisten, mit dem, was in der USA passiert, umzugehen, ist Niggemeiers Meinung nach genau das: "kühl recherchierender, unaufgeregt präsentierter Journalismus, sachliche Analysen, ausgeruhte Einordnungen. Ich glaube, dass das letztlich auch wirkungsvoller ist." Es sei in aller Regel viel besser, über einen Aufreger nicht in aufgeregtem Tonfall zu berichten, sondern die aufregenden Fakten nüchtern zu präsentieren, so dass der Leser sich aufrege.

Für Niggemeier gibt es guten Grund, den medialen Umgang mit Trump kritisch zu hinterfragen: Er findet es falsch, "Trump in dem Moment vom Bildschirm zu nehmen, in dem er eine Ansprache hält, die historisch ist. Sie mag falsch sein, demagogisch, gefährlich, empörend, aber sie ist doch ein Dokument, das Medien, die live Nachrichten übertragen, ihrem Pubikum nicht vorenthalten sollten."

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