Köpfe-Interview: Wie Getty Filmemachern das Drehen erleichtert - und billiger macht

 

Bewegtbild ist gerade in Zeiten von Reisebeschränkungen ein Tor zur Welt. Robert Vervloet, Sales Manager Broadcast Germany bei Getty Images, erklärt im kress Köpfe-Interview, wie seine Agentur auf dem deutschen Markt immer mehr Film- und Doku-Produktionen unterstützt - teilweise schon bei der Ideenentwicklung.

kress.de: Herr Vervloet, Getty Images ist ein Name, um den man als Medien- vor allem als Zeitungs- und Magazin-Macher nicht herumkommt. Dass Ihr Haus auch ein viele Video- und Bewegtbild-Schätze bereitstellen kann, dürfte noch gar nicht so bekannt sein. Wie wollen Sie das ändern?

Robert Vervloet: Im Laufe der Zeit haben wir neben unserer Kerntätigkeit auch viel in den Bereich Video investiert. Rückblickend reicht unser Filmarchiv sogar bis auf das Jahr 1895 zurück. Wenn man bedenkt, dass wir dieses Jahr unser 25-jähriges Jubiläum feiern, finde ich das sehr bemerkenswert. Zudem haben wir uns Anfang 2020 mit einem spezialisierten Broadcast-Team neu aufgestellt, welches ausschließlich auf den europäischen Broadcast-Markt fokussiert ist. Auch gehen wir stetig neue Partnerschaften ein, um unseren Kunden ein größtmögliches Portfolio anbieten zu können. Wir arbeiten ja bereits mit vielen Fernsehsendern und Produktionen zusammen und natürlich haben wir auch gute Beziehungen zu Verbänden, wie etwa zur Produzenten Allianz. Nichtsdestotrotz ist es immer wieder spannend, mit neuen Kunden über Ideen zu sprechen. Daher ist der Dialog auch so wichtig, denn wir sind da, um den Produzenten zu helfen, ihre Programme zu realisieren.

"Man muss nicht immer alles neu drehen, nur um diese eine Luftaufnahme im Film zu haben."

kress.de: Sie arbeiten aktuell tatsächlich oft mit TV-Produzenten zusammen, die auf Getty-Archivmaterial zurückgreifen. Wie ist diese Zusammenarbeit eigentlich entstanden und wie schwer war es, Getty als Partner für Filmemacher zu etablieren?

Robert Vervloet: Wir haben vieles ausprobiert und im Laufe der Zeit sowohl sehr gute Beziehungen als auch das notwendige Vertrauen aufgebaut. Wie Sie schon sagten, sind wir bekannt für unser Foto-Archiv, deshalb müssen wir der Öffentlichkeit auch erst einmal zeigen, was wir alles im Video-Bereich leisten können. Unsere Partnerschaft mit NBC unterstreicht beispielsweise, was für ein großes Leistungsspektrum Getty Images bietet. Auch unsere Kooperationen mit anderen namhaften, internationalen Partnern wie BBC, NHK, Universal, Warner, Paramount oder Disney zeigt, was wir können. Denn ehrlich gesagt – wenn man jetzt vom historischen Material mal absieht: Man muss nicht immer alles neu drehen, nur um diese eine Luftaufnahme im Film zu haben. Hier ist es natürlich deutlich effizienter und einfacher, sie zu lizensieren und den Film somit visuell aufzuwerten. Dabei gehen wir auch komplett neue Wege, wie es beispielsweise unsere Kollegen in UK für die Serie "Disasters Engineered" gemacht haben. Getty Images war von Anfang an beteiligt und wir haben gemeinsam mit dem Kunden das Format realisiert, das letztlich zu rund 75 Prozent aus unseren Materialen bestand. Die Serie war für Discovery so erfolgreich, dass bereits an der zweiten Staffel gearbeitet wird. Und auch hierzulande gibt es ähnliche Beispiele wie die Sendung P.M. Wissen auf ServusTV, die auf einer kooperativen, engen partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Sender, Produktion und Getty Images basiert.

"Für unser Videomaterial haben wir eine Abrechnung pro Minute entwickelt."

kress.de: Welche Geschäftsmodelle nutzt Getty Images aktuell, um große und dennoch kostengünstige TV-Produktionen zu ermöglichen?

Robert Vervloet: Für unser Videomaterial haben wir eine Abrechnung pro Minute entwickelt. Dies ist zwar nicht völlig neu im Markt, für uns allerdings schon. Und wenn wir bedenken, dass wir dadurch auf nahezu unser gesamtes Portfolio zurückgreifen können, also historisches Material und News sowie auf unser Creativ-Material wie Luftaufnahmen, Nature und Wildlife, Establishing Shots oder einfach eine Einstellung aus dem alltäglichen Leben, dann ist das schon ziemlich einmalig und ermöglicht eine völlig neue kreative Freiheit. Und wir reden an dieser Stelle nicht nur von unserem Online-Portfolio. Über uns haben sie auch Zugriff auf die Offline-Programme der BBC und NBC.

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kress.de: Wie können deutsche Produzenten das Archiv von Getty Images auch schon bei der Ideenentwicklung konkret nutzen?

Robert Vervloet:  Wichtig ist natürlich der Dialog sowie die Tatsache, dass wir früh in die Idee einbezogen werden. Nur so können wir bestmöglich unterstützen und Material zu den unterschiedlichsten Themen anbieten. Natürlich kann man auch einfach auf unsere Webseite gehen und sich von der Vielfalt der Materialien inspirieren lassen. Eigentlich wollen wir den Produzenten aber als kreativer Partner zur Seite stehen – von der Ideenentwicklung bis zur Postproduction.

kress.de: Sie halten eine Getty-eigene Forschungsabteilung vor, die bei der Recherche helfen kann. Wie muss man sich deren Arbeit konkret vorstellen?

Robert Vervloet: Unsere Researcher sind wirklich Gold wert! Speziell bei großen Projekten werden tatsächlich manchmal auch wahre Schätze "ausgegraben". Ausgestattet mit genügend Informationen zum Projekt, sprich, mit einem guten Briefing oder Treatment, haben wir die Chance, zu zeigen, was wir alles anbieten können. Und manchmal entstehen dadurch auch weitere Geschichten, weil unsere Researcher im Laufe der Recherche auf thematisch passenden Content stoßen. Wenn also das Drehbuch noch nicht komplett fertig geschrieben ist, kann es entsprechend angepasst oder gar ausgeweitet werden – Stichwort "Disasters Engineered".

kress.de: Bilder, gerade im Fernseh- oder Streaming-Bereich, sind ein Tor zur Welt. Und daher sind attraktive Inhalte in Corona-Zeiten mit eingeschränkten Reise-Möglichkeiten im Moment gefragter denn je. In wie weit hat dieser Aspekt der Krise auch in Ihrem Haus zu einer Art Sonderkonjunktur geführt?

Robert Vervloet: Nun, natürlich hat sich die Pandemie auch auf uns und unsere Tätigkeiten ausgewirkt. Wir haben uns sehr bemüht, unsere Kunden bestmöglich zu unterstützen und tun dies natürlich immer noch. Von einer Sonderkonjunktur würde ich an dieser Stelle nicht sprechen. Viel mehr sind wir, glaube ich, enger zusammengerückt und haben gemeinsam überlegt, wie wir bestimmte Projekte in dieser außergewöhnlichen Zeit realisieren können.

"Bei fiktionalen Projekten können wir dabei helfen, die Umgebung, das Land, den Ort oder die Stadt zu etablieren, um dann, soweit möglich, gewisse Szenen im Studio zu drehen und zu suggerieren, dass man sich eben an diesem bestimmten Ort befindet."

kress.de: Wie gut kann eine Bildagentur in dieser Zeit, in der kaum Auslandsproduktionen möglich sind, den Filmemachern dabei helfen, komplexe Serien oder Doku-Projekte auf die Beine zu stellen?

Robert Vervloet: Das kommt immer auf das Projekt an. Wenn wir von fiktionalen Projekten sprechen, können wir zum Beispiel dabei helfen, die Umgebung, das Land, den Ort oder die Stadt zu etablieren, um dann, soweit möglich, gewisse Szenen im Studio zu drehen und zu suggerieren, dass man sich eben an diesem bestimmten Ort befindet. Je nach Anforderung kann auch unser globales Netzwerk dabei helfen, bestimmte Aufnahmen für unsere Kunden zu generieren. Wir nennen das Custom Content. Auch bei dokumentarischen Projekten helfen wir natürlich, wo immer wir können. Seit Anfang Oktober haben wir zum Beispiel mit NBC einen weiteren starken Partner, den wir vertreten – und mit einem der größten amerikanischen Broadcast-Archiven im Portfolio (neben anderen wie BBC, ITN, und NHK) eröffnen sich komplett neue Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, wie zum Beispiel anlässlich der diesjährigen Wahlen in den USA.

kress.de: Welche Rolle wird Getty Images künftig für das preisgekrönte Videoarchiv der NBC News spielen? Dahinter verbirgt sich ja nicht nur das älteste Fernsehnachrichtenarchiv der USA, sondern auch eine der größten Serienbibliotheken weltweit.

Robert Vervloet: Mit NBC erweitern wir unser Angebot um ein sehr bedeutendes Fernseharchiv der Vereinigten Staaten. Dies ermöglicht es uns, noch besser auf die Ideen unserer Kunden einzugehen und ihnen mit Material zu helfen – gerade, wenn es um die Ereignisse der letzten 75 Jahre geht, wie zum Beispiel den Vietnam- oder Korea-Krieg, US-Präsidenten, True Crime Stories oder die Bürgerrechtsbewegung, die durch "Black Lives Matter" gerade aktueller denn je ist.

kress.de: Wenn Sie auf Ihren eigenen Werdegang zurückblicken: Was genau hat Sie letztlich zum Visuellen und damit zu Getty gebracht?

Robert Vervloet: Angefangen habe ich in einer Eventmarketingagentur mit dem Fokus auf Sport und Musik. Außerdem war ich in einer Filmproduktion tätig sowie in einer Werbeagentur. Zu dieser Zeit gründete ich dann auch zusammen mit zwei Partnern eine eigene Filmproduktion. Wenn ich also zurückblicke, verbindet Getty Images all das, was ich vorher gemacht habe und wofür ich mich begeistere – wie zum Beispiel tolle Filme oder einzigartige Fotos! Das wirklich Spannende an meinem Beruf ist, dass ich mit sehr vielen interessanten Menschen zu tun habe und dabei helfen kann, ihre Ideen zu verwirklichen.

kress.de: Vermutlich ein Klischee: Aber leidet ein Topmanager eines Bild- und Bewegtbild-Hauses berufsbedingt unter permanenter Reizüberflutung? Starren Sie am verdienten Feierabend am liebsten die nackte Wand an?

Robert Vervloet:  Nein, ganz und gar nicht! Ich verbringe gerne die Zeit mit meiner Familie und mit Freunden. Und natürlich schaue ich mir auch immer wieder gerne einen Film oder eine Dokumentation an.

kress.de: Wie schaffen Sie Ihren ganz persönlichen Ausgleich, wo tanken Sie die Batterien wieder auf?

Robert Vervloet: Wir haben das Glück, etwas südlich von München ein kleines Refugium am Fuße der Alpen zu haben. Dort bin ich regelmäßig mit meiner Familie am Wochenende, und das gibt mir natürlich viel Energie zurück.

"Die wirklich besten Ideen entstehen oftmals erst, wenn man sie mit anderen teilt und diese Grundidee dann ausbaut."

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Robert Vervloet: Immer die Augen offenhalten und die Gedanken mit anderen teilen. Ich finde, die wirklich besten Ideen entstehen oftmals erst, wenn man sie mit anderen teilt und diese Grundidee dann ausbaut.

kress.de: Sie führen ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Robert Vervloet: Ich glaube, ein Netzwerk ist grundsätzlich immer wichtig. Nicht nur im Beruflichen, sondern natürlich auch im Privaten.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?  

Robert Vervloet: Ich finde es immer inspirierend, andere Meinungen zu hören – oder in diesem Fall: zu lesen. Über Neuigkeiten und Ideen in und aus der Medienbranche informiert zu sein, ist immer wichtig. Und in der Tat bringt es mich auch manchmal auf neue Ideen, wie man bestimmte Dinge umsetzen oder angehen kann.

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