Exklusiv: So niedrig ist der Anteil der Frauen in Berichten von Spiegel, Focus, Bild am Sonntag und Welt am Sonntag

 

Media Tenor-Chef Roland Schatz hat exklusiv für kress gezählt, wie oft in großen Medien wie Spiegel, Focus, Bild am Sonntag und Welt am Sonntag über Männer und Frauen geschrieben wird. Der Zeitraum: 2001 - 2020. Im Fazit von Schatz kommt besonders der Spiegel, was den Anteil von Frauen in der Berichterstattung betrifft, schlecht weg. 

Wer Woche für Woche seit 2001 jeden der 32.414 Berichte sorgfältig liest, die BamS, Focus, Spiegel und WamS in ihrem Politik, Gesellschafts und Wirtschaftsteil bis heute gedruckt haben, erhält im Spiegel die Welt vermittelt im Verhältnis 9:1 Männer vs Frauen. Die WamS liegt mit knapp 20% etwas näher an der Realität. Focus wie BamS sind konstant bei einem Anteil von über 20%, wenn sie die Akteure in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft darstellen - siehe angehängte Media-Tenor-Grafik.

Beim Spiegel dominiert also die Einstellung: In erster Linie lohnt es sich über Tätigkeiten von Männern zu berichten, wenn sie ihre Leserschaft über Entwicklungen in Politik und Wirtschaft informieren. 2020 wird seit 2001 das extremste Jahr: in den letzten 20 Jahren spielten Frauen für die Hamburger nie eine unwichtigere Rolle als in diesen Covid19-Zeiten.

Tipp: Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen.

Seit dem 25. September 2015 gilt die Agenda 2030. Als Ziel Nr. 5 ist dort Gender-Equality in den 17 Sustainable Development Goals (SDG) von allen 193 Regierungschefs festgeschrieben worden. Angela Merkel hat dies nicht nur für ihr Kabinett als Richtwert fixiert, der spätestens zum 31. Dezember 2030 eine Realität in Deutschland werden soll, sondern für das gesamte Land. Während die EU sich erstmals auf eine Frau an der Spitze entschied, wird beim Spiegel eine andere Richtung eingeschlagen. Bewusst? Wohl kaum.

Dabei ist aus der Verhaltensforschung schon lange klar, dass nur das, was sichtbar ist, auch Orientierung geben kann. Wer Samstags beim Aufschlagen des Magazins von Mann zu Mann blättert, wenn vermeintlich die Wirklichkeit in Deutschland und der Welt zu den Themen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft abgearbeitet wird, zieht andere Rückschlüsse für die Berufsentscheidung, die Wahl von Produkten oder Parteien als der oder diejenige, die beim Lesen des Zeitgeschehens auch jene Frauen zu Gesicht bekommt, die schon längst als Fraktionsvorsitzende, als Professorin oder Unternehmerin in der Verantwortung stehen.

Wie ist eine Annäherung auch in der Berichterstattung zu erzielen? Zwar haben noch viele Journalisten den Eindruck, dass Inhaltsanalysen ihrer Beiträge keinen Mehrwert liefern: aber eine wöchentliche Übersicht, ob das Gender-Verhältnis im eigenen Blatt in den Reports immer noch nur bei 10% liegt oder sich den 20er, 30er oder 40er Marke nähert, schärft den Blick. Denn nicht erst für die Fridays for Future Generation ist eine Männer-dominante Nachrichten- und Akteursauswahl a la Spiegel so derart letztes Jahrhundert, dass sie sich dann auch kaum für ein Abonnement werden durchringen können. Niemand muss so extrem entscheiden wie Papst Franziskus, aber es lohnt die Frage, was ihn dazu bewogen hat, keinen Mann mehr in die Nähe von Finanz-Kontrolle zu lassen.

Ein Beispiel aus Genf könnte Schule machen: gleich nach der Entscheidung für die SDGs in 2015 beschloss der UN General Direktor Michael Moller nur noch Rede-Einladungen anzunehmen, bei denen zumindest eine Frau ebenfalls sprach. Und wenn nicht, kam er zwar, aber ließ eine Kollegin für ihn auftreten. Innerhalb kürzester Zeit wurde dies zum Standard für das International Genf. Wenn der UN dies gelingt, warum nicht auch Redaktionsstuben?

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf

Sabine Reichel

10.11.2020
!

Es ist altes (und Wut erzeugendes) Hobby von mir, einer Journalistin und Buchautorin, die offensiven und beschämenden Sünden des altbekannten Herrenclubs DER SPIEGEL zu zählen. Klar wird: Der Spiegel ist ein Magazin von Männern für Männer. Die Männer der Spiegel fake Elite glauben ganz offenbar, dass Frauen entweder nicht gut (genug) schreiben können, oder es nicht wert sind, dass ÜBER sie geschrieben wird. Wie kann sich so ein übler Chauvinismus so lange halten?


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.