Schon wieder Zoff um ein Interview: Wie Silvana Koch-Mehrin den Spiegel verteidigt

10.11.2020
 

Jüngst die Virologin Sandra Ciesek, aktuell Ex-FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin. Zwei Interviews im Spiegel haben eine Debatte über unverschämte und abwertende Fragen an Frauen angefacht. Das vermeintliche Medien-Opfer Koch-Mehrin hat sich nun in die hitzige Diskussion eingeschaltet - und stellt sich auf die Seite des Spiegel.

Das Spiegel-Interview mit Silvana Koch-Mehrin über ihren Kampf gegen Krebs, erschienen in der aktuellen Ausgabe, schlägt hohe Wellen. Stein des Anstoßes sind manche Fragen des freien Autors Hajo Schumacher.

"Wow, @derspiegel haut schon wieder ein Klischee-Interview mit einer Frau raus. Diesmal soll die sichtlich unangenehm berührte Silvana Koch-Mehrin dem männlichen Autor erklären, ob sie während ihrer Brustkrebs-Erkrankung wirklich nie über ihre Wirkung auf Männer nachgedacht habe", schreibt Merle Schmalenbach, stellv. Chefredakteurin von Christ & Welt (Zeit Verlag), auf Twitter.

Marin Majica, Digital-Stratege bei der Agentur Ressourcenmangel, fragt beim Kurznachrichtendienst: "Lieber @derspiegel, habt ihr eine neue Rubrik eingeführt? Das wöchentliche 'Wir stellen Frauen beleidigende Fragen und verkaufen das als kritischen Journalismus'-Interview?"

Für Hendrik Wieduwilt, ehemals FAZ, jetzt bei der Agentur Faktor 3, hat die Sache noch ein anderes Geschmäckle: "Dies Interview ist bemerkenswert: @hajoschumacher stellt knallharte Fragen z.B nach Koch-Mehrins Glatze. Frauenhass ist hier aber wohl weniger im Spiel - eher eine ziemlich undurchsichtige PR." Wieduwilt führt den Gedanken hier weiter.

Und FAZ-Korrespondent Timo Frasch ordnet es in seinem Beitrag Gibt es dumme Fragen so ein: "Es gibt triftige Hinweise darauf, dass zwischen dem Interviewer und der Interviewten Koch-Mehrin Interessenkongruenzen bestehen, die über das konkrete Interview und auch über ein journalistisch unbedenkliches Maß hinausgehen. Was auch immer daran ist: Es wirft ein Schlaglicht darauf, dass es im Interview immer auch um die Interessen zweier Seiten geht, die man, etwa im Wege der Autorisierung, in Einklang bringen muss." Im konkreten Fall bekomme Koch-Mehrin vom Interviewer, der erkennbar und etwas penetrant in die Rolle des "alten weißen Mannes" schlüpfe, eine Vorlage nach der anderen. Sie verwandele und gehe als Siegerin vom Platz. Sie sei also keinesfalls das Opfer. "Auch hier sollten sich Journalisten nicht dümmer stellen als sie sind", bemerkt Frasch in seinem FAZ-Beitrag.

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Der Spiegel-Interviewer selbst, Hajo Schumacher, stellt indes auf Twitter klar, der PR-Vorwurf treffe nicht: "Und Moderatorenkollegen sollten sich mit unbewiesenen PR-Spekulationen zurückhalten, falls sie nicht in den Verdacht geraten wollen, mittels übler Nachrede die eigene Position zu verbessern." Es habe weder einen Interessenskonflikt noch einen damit zusammenhängenden Fragestil gegeben. "Sorry, aber ich frage immer so, sogar Männer", betont Schumacher.

Und - anders als beim Spiegel-Zoff um und mit Virologin Sandra Ciesek - verteidigt das vermeintliche Interview-Opfer das Nachrichtenmagazin: "Ich habe auch gesehen, dass viele die Fragen im Interview als unangemessen empfinden. Hajo Schumacher, den ich seit vielen Jahren als unabhängigen und streitbaren Journalisten kenne, stellt Fragen, die ich als Ex-Politikerin von Stil und Inhalt her nicht überraschend finde. Die Fragen sind provokativ, aber sie geben Gelegenheit, Vorurteile und Klischees aufzudecken und zurückzuweisen. Nach meiner Meinung ein auf vielen Ebenen aufklärendes Gespräch, das ich deswegen auch autorisiert habe", so Silvana Koch-Mehrin auf Twitter.

Der Spiegel selbst versieht das Interview mit Koch-Mehrin im Nachhinein mit einer Anmerkung, die auch mit Selbstkritik nicht spart:

Anmerkung: Der Journalist Hajo Schumacher und die ehemalige Politikerin Silvana Koch-Mehrin kennen sich seit langem. Auf dieser Vertrauensbasis hat sich Koch-Mehrin auch den Fragen gestellt, die viele unserer Leserinnen und Leser als unverschämt und verstörend empfunden haben. Der SPIEGEL hätte dies von vornherein transparent machen sollen, wir holen es hiermit nach.

Tipp: Media Tenor-Chef Roland Schatz hat exklusiv für kress den Anteil der Frauen in Berichten von Spiegel, Focus, BamS und WamS untersucht.

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