Zusammenarbeit mit Google: Wie Jens Spahn die Verleger jetzt gegen sich aufbringt

11.11.2020
 

Wer bei Google nach Stichworten wie Grippe, Migräne oder Allergie sucht, bekommt jetzt Antworten des Nationalen Gesundheitsportals gesund.bund.de prominent angezeigt. Möglich macht es eine Kooperation des Bundesgesundheitsministeriums mit Google. Die Zeitschriftenverleger laufen Sturm gegen das Bündnis - Philipp Welte spricht von einem schweren Schlag. 

"Die Corona-Pandemie zeigt, wie wichtig seriöse Gesundheitsinformationen sind. Denn nur wer fundierte Informationen hat, kann sich und andere schützen. Mit dem Nationalen Gesundheitsportal wollen wir Bürgerinnen und Bürger auch jenseits von Corona zu Fragen rund um ihre Gesundheit informieren", sagt Jens Spahn. Der Bundesgesundheitsminister setzt auf eine Zusammenarbeit mit Google: "Wer nach Gesundheitsthemen im Internet sucht, findet künftig noch leichter zu unserem Nationalen Gesundheitsportal."

Philipp Justus, Vice President Google Zentral-Europa, erklärt, dass Google mit dem Bundesministerium für Gesundheit bereits in den vergangenen Monaten zusammengearbeitet habe, um Menschen jederzeit schnell und einfach aktuelle und verifizierte Informationen zum Coronavirus bereitzustellen. "Diese wertvolle Zusammenarbeit erweitern wir nun auf zahlreiche weitere Gesundheitsthemen. Immer mehr Menschen nutzen Google, um verlässliche Informationen zu Symptomen oder Krankheiten zu finden - und die Knowledge Panels für Gesundheitsthemen auf Basis des Nationalen Gesundheitsportals erfüllen genau diese Nachfrage."

Diese Info-Kästen - sogenannte Knowledge Panels für Gesundheitsthemen - sollen bereits für mehr als 160 Krankheiten zur Verfügung stellen. Durch einen Link innerhalb der Knowledge Panels gelangen Nutzer direkt zum jeweiligen Artikel im Nationalen Gesundheitsportal.

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger reagiert mit scharfer Kritik auf die Zusammenarbeit des Bundesministeriums für Gesundheit mit Google. "Bereits am Tag 1 der Kooperation finden sich auf der maßgeblichen ersten Suchergebnisseite bei Stichproben in der Regel fast nur noch Regierungsinformationen zu Gesundheitsfragen", heißt es in einer Stellungnahme des VDZ. Die Verleger sehen in der "Kooperation staatlicher Medientätigkeit mit dem Suchmonopol eine Verletzung von Mediengrundrechten".
 
"Schon dass ein Bundesministerium überhaupt ein eigenes Fachmedium mit vollwertiger redaktioneller Berichterstattung über Gesundheitsfragen betreibt, ist mit der Staatsfreiheit der Medien nicht vereinbar und ein unannehmbarer Eingriff in den freien Pressemarkt, der sich nach wirtschaftlichen Grundsätzen finanzieren muss", erklärt Rudolf Thiemann, Präsident der Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger und geschäftsführender Gesellschafter der Liborius-Verlagsgruppe. "Nun aber lässt das Bundesgesundheitsministerium seine Gesundheitsberichterstattung auch noch durch das Quasi-Suchmonopol an allen Verlagsangeboten vorbei privilegiert verbreiten. Eine solche Verdrängung der privaten Presse durch ein staatliches Medienangebot auf einer digitalen Megaplattform ist ein einmaliger und neuartiger Angriff auf die Pressefreiheit.

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Philipp Welte, Vizepräsident des VDZ und Vorstand Hubert Burda Media, wird nicht weniger deutlich: "Die Kooperation des Gesundheitsministeriums mit Google versetzt der freien journalistischen Gesundheitsinformation einen schweren Schlag und ist nicht zu tolerieren. Das Ministerium setzt sich als staatlicher Sender mit der Unterstützung des Suchmonopols von Google unabhängig von jeder inhaltlichen Qualität vor die journalistischen Angebote der freien Presse." Das Ministerium deklassiere die freien marktwirtschaftlich organisierten Gesundheitsportale und setze alle Mechanismen der freien Information und damit der freien Meinungsbildung in unserer Demokratie außer Kraft.

Nicht hinzunehmen sei auch, so der VDZ weiter, die mit der Betonung der Verlässlichkeit der Regierungsinformationen implizit verbundene Behauptung, die digitale Gesundheitsberichterstattung und -information durch die Angebote der Verlage sei weniger verlässlich. "Im Gegenteil: Während private Angebote seit Jahren durch große Teams von hochqualifizierten Medizinjournalisten aufgebaut werden, wurde die Gesundheitsplattform von Bundesgesundheitsminister Spahn jüngst ausgeschrieben und innerhalb kurzer Zeit von einer Berliner Agentur mit Inhalten befüllt", heißt es in der Erklärung der Zeitschriftenverleger. Der von Bundesgesundheitsminister Spahn behauptete Qualitätsunterschied bestehe nicht, jedenfalls nicht zugunsten des staatlichen Angebots.

Auch der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger kritisiert die Kooperation des Gesundheitsministeriums mit dem Suchmaschinenkonzern Google nachdrücklich: "Es stärkt damit die quasimonopolistische Stellung des Suchmaschinenkonzerns zu Lasten kleinerer Anbieter", sagt BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff. Gerade in den zurückliegenden Monaten der Covid-19-Pandemie hätten Zeitungen gedruckt und digital gezeigt, wie sie umfassend und nah an den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger informieren - und zwar mindestens genauso verlässlich wie das vom Gesundheitsministerium finanzierte Gesundheitsportal, so Wolff.   

Hintergrund: Auf dem Nationalen Gesundheitsportal können sich interessierte Bürgerinnen und Bürger über die häufigsten Krankheitsbilder (u.a. Krebserkrankungen, Herzkreislauferkrankungen oder Infektionserkrankungen) informieren. Außerdem werden zahlreiche Beiträge zu verbrauchernahen Themen wie Pflege, Prävention und Digitalisierung angeboten. Weitere Themenschwerpunkte sollen Schritt für Schritt hinzugefügt und das Spektrum an Angeboten kontinuierlich weiterentwickelt werden.

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