Job-Kolumne: Wie man als Medienprofi durch die Dauerkrise kommt

 

Weniger Geld durch Kurzarbeit oder ausbleibende Aufträge, mehr Stress durch die extreme Nachrichtenlage und Social Media. Viele Medienprofis fühlen sich wie in einer Dauerkrise – kein Ende absehbar. Mediencoach Attila Albert sagt, wie Sie sich jetzt das Leben leichter machen.

Die Redakteurin eines People-Magazins wurde sachlich, aber mit einem gewissen Mitgefühl von ihrer Chefredakteurin und der HR-Abteilung informiert: Der Verlag sei gezwungen, die gesamte Heftproduktion an eine externe Agentur auszulagern. Auch ihre Stelle würde damit ersatzlos gestrichen. Sie könne sich in die Konzernzentrale versetzen lassen, aber ohne weitergehende Beschäftigungsgarantie. Für die Redakteurin ein Dilemma: Sie wollte nicht ans anderen Ende Deutschlands ziehen, nicht ihre Wohnung aufgeben. Ihr Partner könnte sie auch nicht begleiten.

Ein freier Fachjournalist stellte fest, dass ihm – wie schon im Frühjahr – kaum noch eine Redaktion auf seine Themenangebote antwortete. Rief er an, wurde er auf die Zentrale umgeleitet: "Hier sind aktuell alle in Kurzarbeit, und eine Kollegin ist krank." Meldete sich jemand zurück, teilweise mehrere Monate nach seinen E-Mails, hieß es: Die Umfänge sind so stark reduziert bzw. einige Ausgaben ganz gestrichen, so dass derzeit nichts angenommen würde. Er verdiente kaum noch etwas und grübelte, ob er es in der PR versuchen sollte.

Traum jedes Nachrichtenredakteurs

In mancherlei Hinsicht war 2020 der wahr gewordene Traum jedes Nachrichten- und Social-Media-Redakteurs: Kein Tag ohne Drama, im aktuellen Bereich enorme Klickraten und "Interaktionen". Für den unterhaltenden und gedruckten Journalismus sah das oft schon anders aus, für Vertrieb und Anzeigen sowieso. Viele Medienhäuser reagierten: Sie strichen erneut Stellen, legten weitere Redaktionen zusammen, verkauften oder schlossen sogar einige. Für viele Medienprofis bedeutet das eine anstrengende neue Lebensrealität.

Die Krise ist vorerst Dauerzustand. Ein Ende scheint frühestens im Sommer 2021 realistisch, falls sich ein Coronavirus-Impfstoff wirklich bewährt und breit vertrieben werden kann. Aber viele Folgen werden uns noch länger begleiten oder gänzlich unumkehrbar sein. Hier einige Schritte, falls Sie sich von der aktuellen Situation stark belastet fühlen: Sie helfen Ihnen, sich auch in dieser Phase das Leben wieder leichter zu machen.

1.     Widerstehen Sie der Versuchung, weiterhin nur "erst einmal durchhalten" zu wollen. Vor allem, wenn Sie kräftemäßig oder finanziell jetzt schon "auf Reserve fahren". Werden Sie aktiv, solange Sie die Kraft und Möglichkeiten dazu haben.

2.     Konzentrieren Sie sich, so weit möglich, auf Ihre persönliche Situation. Auch wenn es journalistisch jeden Tag neue dramatische Ereignisse und Wendungen (z.B. zur USA-Wahl) gibt: Privat sollte Ihr eigenes Leben Ihre wichtigste Geschichte sein.

3.     Achten Sie, wenn Sie sich jetzt schon erschöpft fühlen, auf Erholung: Genug Schlaf, Bewegung an der frischen Luft, vor allem aber wenig Social-Media-Streitereien in Ihrer Freizeit. Legen Sie das Handy beiseite, wenn Sie Feierabend haben.

4.     Falls Sie in Kurzarbeit sind oder frei arbeiten: Prüfen Sie Ihre Finanzlage und wie liquide Sie sind, also kommende Rechnungen bezahlen können. Oft hilfreich, wenn Sie keine Übersicht haben: Einmal Ihre Monatsausgaben zusammenstellen.

5.     Wenn Ihnen bisherige Einnahmequellen abhanden kommen (z.B. eine Redaktion, für die Sie arbeiten, kein Budget mehr hat): Machen Sie es zur Priorität, neue Angebote zu entwickeln und Kunden anzusprechen bzw. sich breiter zu bewerben.

6.     Fordern Sie mehr Mithilfe ein, wo es notwendig ist – sei es vom Partner oder von älteren Kindern. Was viele enttäuscht: Großeltern lehnen es heute regelmäßig vehement ab, bei der Kinderbetreuung zu helfen. Sehen Sie, was sich verhandeln lässt.

7.     Gehen Sie davon aus, dass die derzeitige Situation sich mindestens noch ein halbes Jahr so hinzieht, eventuell viel länger. Richten Sie sich ohne allzu große Wut, Verärgerung oder Enttäuschung darauf ein. Planen Sie langfristig!

Manche Medienprofis stellen bei sich selbst fest, dass sie fast eine Obsession in Bezug auf bestimmte Themen entwickelt haben und gar nicht mehr von entsprechenden Blogs, Twitter oder Facebook lassen können. Ihre eigenen Angelegenheiten – vom Partner zu alltäglichen Erledigungen – leiden darunter. Hier hilft eine innere Reflexion: Wie sehr betrifft Sie das Thema tatsächlich, was regt Sie wirklich daran auf? Meditation oder Sport kann Ihnen hier helfen, eventuell aber auch das Gespräch mit einem Coach oder Therapeuten.

Mehr Einblick in eigene Stärken und Werte

Eine Dauerkrise, die sich nicht mit einigen entschlossenen Entscheidungen beenden lässt, ist für manche Medienprofis eine ungewohnte und große Herausforderung. Für andere überhaupt nichts Neues, wenn sie beispielsweise bereits mit einer langen Arbeitslosigkeit, chronischer Krankheit oder einer problematischen Beziehung umgehen mussten. 2020 war für die meisten kein angenehmes, aber ein lehrreiches Jahr. Jeder lernt sich in einer Krise richtig kennen, seine Schwächen, vor allem aber auch seine Werte und Stärken.

Wer finanziell immer sehr knapp dran war, musste auf einmal merken, dass es so nicht mehr weitergeht. Wessen Beruf oder Geschäftsidee nicht besonders krisenfest war, steht eventuell vor einer erzwungenen Neuorientierung. Im privaten Bereich: Wie stabil und belastbar ist die Beziehung (bzw. das Leben allein), wie gut war das Familienleben bisher organisiert, wie zuverlässig sind die Freunde? So kann die Dauerkrise 2020 der letzte Auslöser sein, etwas endlich anders als bisher zu machen, was längst überfällig war.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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