Christian Drosten stellt den Medien ein Halbjahres-Zeugnis aus

18.11.2020
 

Obwohl er sich gerade wieder mit der Bild-Zeitung auf Twitter streitet, sieht Christian Drosten die Medien, was die Berichterstattung über wissenschaftliche Inhalte betrifft, auf gutem Weg. Warum der Virologe jetzt viel positiver über die Medien spricht, als noch vor einem halben Jahr - und wo er Nachholbedarf sieht.  

In der ersten Welle der Corona-Pandemie sei ein Professor zu sehen gewesen, der mit weißem Kittel im Labor sitze und irgendeine blaue Flüssigkeit in irgendwelche Gefäße pipettiere, obwohl er das im Alltag nie mache. Das sei damals das Bild über die Wissenschaft in den Medien gewesen, sagt Christian Drosten im Interview mit Corinna Buschow von epd und Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio, anlässlich des Dialogforums "Formate des Politischen". "Heute ist dieser Professor als Person nicht unbedingt im Interview zu sehen, sondern das wird aufgearbeitet und zusätzlich zu dem Magazin- oder Nachrichtensprecher ist dann da ein Diagramm, das gezeigt wird", so Drosten, Chefvirologe der Berliner Charitè weiter. Das sei tatsächlich die "Annäherung des Journalismus an diese Wissenschaftsinhalte, die wir in einem halben Jahr bekommen haben" - und das sei gut so.

Drosten nennt als Beispiel die Informationsseite von der "heute"-Redaktion vom ZDF. Diese sei voll von von Journalisten aufbereiteten Diagrammen und Wissenschaftsinhalten, "die wirklich im Großen und Ganzen" sehr treffend seien. Da seien gar keine Personen zu sehen, da sehe man Kurven und andere Dinge. "Das ist schon ein Beispiel dafür, wie gerade jetzt auch der Journalismus sich diesen Inhalten annähert. Das hat ja zum Teil auch ein bisschen gedauert, muss man sagen", findet Drosten.

Er stellt den Medien im Deutschlandfunk-Interview ein ausgezeichnetes Zeugnis aus: "Es gibt schon - gerade jetzt auch gut sichtbar im Rahmen dieser Pandemie - eine sehr gute journalistische Befassung mit den Inhalten."

Das war nicht immer so.

Im mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet "Coronavirus-Update" von NDR Info erläutert Christian Drosten seit Monaten Studien und Wissenswertes zur Coronavirus-Pandemie. Gleichzeitig fühlte er sich immer wieder missverstanden oder unzulässig verkürzt dargestellt.

Die knappe Ressource Aufmerksamkeit, der Drang mancher Medien, mit möglichst polarisierenden oder vereinfachenden Überschriften Klicks zu generieren - das alles vertrug sich manchmal sehr wenig mit der sehr komplexen Welt der Virologie, der Epidemiologie und allen daran anknüpfenden Bereichen aus Wissenschaft. Auch dem vorgeblichen "Virologen-Streit" kann Drosten nichts abgewinnen: "Was Alexander Kekule sagt, ist fast immer richtig. Und er sagt das Gleiche wie ich. Aber das ist nicht der Eindruck der Leute, die nur Überschriften lesen", sagt Drosten beim Dialogforum "Formate des Politischen".

Der Unterschied zwischen typischer Wissenschaftskommunikation und der bisweilen hektischen Berichterstattung in Krisenzeiten wird laut Drosten im Kekule-Beispiel besonders deutlich. Wissenschaft lebe vom Streit, von der Auseinandersetzung um Daten und Analysen. In "normalen Zeiten" gebe es wissenschaftliche Experimente, die oft keine eindeutigen Ergebnisse brächten. In einem langwierigen Prozess würden Kontrollexperimente gemacht, wissenschaftliche Gutachter hinzugezogen, weitere Daten erhoben - und am Ende gebe es eine Veröffentlichung, die nur ein Mosaiksteinchen in der Wissenschaftswelt darstelle und keineswegs in Stein gemeißelt sei. "Während der Pandemie wurden viele Studien auf Pre-Print-Servern veröffentlicht, damit möglichst viele Menschen daran weiter forschen konnten - aber diese Studien waren noch viel vorläufiger als alles, was in 'normalen Zeiten' publiziert wurde. Diese vorläufigen Ergebnisse waren keinesfalls gesichertes Wissen. Wissenschaftlern war das klar. Medien und Menschen mussten das erst lernen", erklärt Drosten im Gespräch mit Corinna Buschow und Stephan Detjen.

Ende März hatte Drosten in einer Folge des Coronavirus-Update-Podcast seiner Wut freien Lauf gelassen. Er sagte, er sehe sich selber als Comicfigur und ihm werde schlecht dabei. Personen würden für ein Bild missbraucht, dass Medien zeichnen wollten, um zu kontrastieren. "Das muss wirklich aufhören", so der Virologe damals (kress.de berichtete).

Im Rückblick sagt Drosten dazu: "Ich wäre erstmal wahrscheinlich vorsichtiger in dem, wie ich das ausdrücken würde. Aber wahrscheinlich war es gar nicht so schlecht, dass ich das damals mal so roh gesagt habe. Da haben, glaube ich, viele drüber nachgedacht, gerade auch in den Medien haben darüber viele reflektiert."

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Im weiteren Verlauf des Interviews im Deutschlandfunk kommt Drosten noch mal auf Wissenschaftskommunikation zu sprechen: Als Wissenschaftler dürfte man auf keinen Fall die Rolle eines Journalisten annehmen. Der Unterschied sei: Der Wissenschaftler referiere nicht über die Arbeit anderer Leute - außer im absoluten fachlichen Nahfeld.  "Ich arbeite mich nicht in Dinge ein, die ich nicht kenne, mit denen ich keine Berührung habe. [...] Und in einer journalistischen Herangehensweise würde man ja sagen, Moment, dieses Nachbarfeld muss ich auch vollkommen durchstiegen haben, sonst bin ich nicht differenziert als Journalist, dann rede ich nur über ein Feld. Und der Journalist soll ja differenziert sein und abwägen können." Der Journalist arbeite sich also in etwas ein, um darüber reden zu können. Der Wissenschaftler rede über etwas, weil er darüber befragt worden sei vom Journalisten. "Und die Pflicht des Wissenschaftlers ist vor allem zu sagen, da ist meine Grenze, da müssen Sie jemanden anderen fragen. In dem Moment, wo er sich über die Grenze hinaus einarbeitet, wird er Journalist", folgert Drosten.

Wo er noch Nachholbedarf bei den Medien sieht: Dass man mehr wissenschaftliche Stimmen aus dem Ausland hört zum selben Thema, dass man sich mehr auch damit befasst, wie eigentlich die wissenschaftliche Wahrnehmung und auch das Verdauen der wissenschaftlichen Kommunikation im Ausland ist. "Aber sonst kann ich nicht sagen, dass das so grob schief gelaufen ist. Ich ärgere mich natürlich persönlich über diese Personifizierung, Personalisierung, das ist klar. Da bin ich einfach davon betroffen. Aber ansonsten machen wir das schon nicht so schlecht in Deutschland", so das Fazit über die Medien von Drosten.

Hintergrund: Der Dauerstreit zwischen Bild und Drosten geht indes weiter: Die Axel-Springer-Zeitung hatte am Dienstag gemeldet: "Kurz vor CDU-Fraktionssitzung - Drosten-Auftritt in letzter Sekunde abgesagt". Daraufhin twitterte Christian Drosten: "Ich habe selbst abgesagt, weil @BILD das Thema meines lange geplanten Auftritts vor der Fraktion schon im Vorfeld falsch darstellte und auf diese Weise hier Hassbotschaften gegen mich provozierte. Das macht wissenschaftliche Information und Diskussion unmöglich."

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