Tijen Onaran exklusiv: Warum nur Medien Erfolg haben, die Diversität endlich ernst nehmen

 

800 Teilnehmerinnen aus 19 Ländern: Aus der Ideenfülle bei dem von ihr organisierten Digital Female Leader Award zieht Tijen Onaran Inspiration, Kraft und - wie sie im kress-Köpfe-Exklusivinterview sagt - die klare Handlungsempfehlung, beim Einsatz für mehr Diversität und Geschlechtergerechtigkeit in Wirtschaft und Medien nicht nachzulassen. 

kress.de: Frau Onaran, die Pandemie-Beschränkungen sollen ja, wie allerorten fast wie aus einem Mund zu hören ist, der Digitalisierung einen kräftigen Schub verschafft haben. In wie weit spiegelt sich dieser nicht ganz freiwillige, aber notwendige Innovationssprung auch in den Arbeiten und Ideen wider, die Ihnen in Ihrem Netzwerk von Digital-Vordenkerinnen zugespielt wurden?

Tijen Onaran: Was ich beobachte ist: Die Akzeptanz und das Verständnis für digitale Lösungen und Ideen ist viel größer als vor der Pandemie. Die digitalen Vordenkerinnen waren sowieso schon digital, da brauchte es keine Pandemie. Nehmen wir das Beispiel Gesundheitssektor: Eine der Gewinnerinnen unseres Digital Female Leader Awards ist Raman Saggu, Gründerin des Unternehmens Burnie Inc. Sie hat eine App entwickelt, die bei Burnout-Erkrankungen von medizinischem Personal eingesetzt werden kann. Vor der Pandemie war das sicher schon ein wichtiges Thema, aber jetzt ist es noch dringlicher! Und das Verständnis eine App bereits für die Prävention einzusetzen ist in Zeiten von Social Distancing wesentlich größer als zuvor. Die Pandemie schult uns im Verständnis fürs Digitale – aber nur allein beim Verständnis darf es nicht bleiben. Jetzt können wir den Grundstein für echte und gelebte Digitalisierung legen!

kress.de: Ohne zynisch klingen zu wollen: Aber wie sehr war die weltweiten Krise mit oft dem Gefühl, vermeintlich handlungsarm in den eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein, für fortschrittliche Ideen und frischen Wind sogar recht zuträglich? 

Tijen Onaran: Ich möchte meine Wände gerne mit dieser Frage tapezieren. Die Wahrheit ist: Als Unternehmerin ist der Krisenmodus nicht neu für mich. Aber die Doppelfunktion aus Innovatorin und Motivatorin ist eine, bei der selbst ich in den letzten Monaten merkte: Das ist tough. Denn das eine ist, von analogen Veranstaltungen auf digitale umzuplanen – das andere die Kooperationspartner zu überzeugen, diesen Weg aktiv mitzugehen. Gemeinsam mit meinem Team hatten wir im Hinblick auf digitale Veranstaltungen jeden Tag neue Ideen, aber wir mussten ja auch die Unternehmen, mit denen wir bisher zusammengearbeitet haben, überzeugen, neue Wege zu gehen. Wie wir alle wissen: Veränderung braucht Zeit. Aber was macht man, wenn man eben diese nicht hat? Was uns geholfen hat ist die offene und transparente Kommunikation mit unseren Partnern, mit all den Unternehmen, mit denen wir diverse Veranstaltungsformate in diesem Jahr geplant hatte. Wir haben Lösungen aufgezeigt und mit unserer Expertise im Community-Building und Storytelling überzeugt.

"Diversität ist der Treiber für Innovation. Meine Prognose: Wer als Unternehmen nicht auf Diversität setzt, wird vom Markt verschwinden."

kress.de: Sie haben den Digital Female Leader Awards ins Leben gerufen: Was kann man Ihrer Meinung nach von tatsächlichen oder vermeintlich spezifisch "weiblichen" Denk- und Lösungsansätzen in angespannten Zeiten lernen?

Tijen Onaran: Man kann vor allem eines lernen: Diversität ist der Treiber für Innovation! Meine Prognose: Wer als Unternehmen nicht auf Diversität setzt, wird vom Markt verschwinden. Was viele Unternehmen unterschätzen, ist die Macht von Empowerment. Frauen solidarisieren sich immer mehr, ob im Netz oder auch in analogen Netzwerken. Dabei wird auch darauf geschaut: Welches Unternehmen setzt sich aktiv für – in dem Fall – Gender-Diversity ein. Elf von 30 DAX Unternehmen haben keine einzige Frau im Vorstand! Was ist das für ein trauriges Bild, das hier abgeben wird. "If you can see it, you can be it", lautet mein Motto. Wenn ich keine Frau im Vorstand sehe, werde ich mich als Frau auch nicht angesprochen fühlen, in dem Unternehmen willkommen zu sein. Es braucht keine Bonus-Argumente, warum es Frauen in Teams braucht: Es ist 2020 und endlich Zeit für Diversität auf allen Ebenen!

"Frauen definieren die Spielregeln der Digitalisierung neu."

kress.de: Wie stark haben sich die Resonanz und die Qualität der Einreichungen in diesem besonderen Jahr überrascht und wie deuten Sie diese kreative Vielfalt?

Tijen Onaran: Über 800 Bewerbungen aus 19 Ländern – das ist ziemlich beeindruckend! Mich hat die Qualität der Einreichungen deshalb überrascht, da allen ein Punkt gemein war: unternehmerisches Denken und Handeln. Und zwar unabhängig davon, ob die Bewerberin selbst Gründerin ist oder nicht. Mir ist aufgefallen, dass alle Frauen, die in Digitalrollen unterwegs sind, automatisch auch Leadership übernehmen. Plus: Frauen definieren die Spielregeln der Digitalisierung neu! Ob als Gründerinnen von Tech-Startups oder als digitale Gestalterinnen in Konzernen oder Mittelstand. Die Geschichten der diesjährigen Bewerberinnen zeigen: Das Argument, es gäbe keine digitalen Expertinnen, ist so was von aus der Zeit gefallen! Es gibt sie und sie gestalten aktiv mit. Das Jahr 2020 unseres Awards zeigt: Lange Zeit wurde über Frauen gesprochen, was sie machen können und sollen, um Teil digitaler Transformation in Unternehmen zu sein; jetzt wird darüber gesprochen was Unternehmen tun müssen, um mehr digitale Expertinnen für sich zu gewinnen.

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kress.de: Trotz allem hätte Corona der Auszeichung der besten Ideen ja fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie groß war Ihre Sorge, ob Sie die Digital Femal Leader Awards überhaupt durchziehen können?

Tijen Onaran: Das Jahr 2020 geht für mich in die Geschichte ein als das Jahr der Unplanbarkeit. Ich habe gemeinsam mit meinem Team bereits sehr früh alternative Möglichkeiten zur Umsetzung des Awards erarbeitet, da uns schnell bewusst geworden ist: Eine analoge Preisverleihung wird es nicht geben. Daher arbeiteten wir zunächst an einem Konzept unter dem Motto "Journey to Diversity". Die Idee: Wir reisen zwei Wochen lang mit der Deutschen Bahn durch Deutschland und Schweiz und überbringen den Award den Gewinnerinnen – alles festgehalten per Video und Social Media. Als die Lage sich zuspitzte, war uns klar: Auch dieser Plan wird nicht klappen. Daher erarbeiteten wir eine neue Lösung, die da lautete: Wir gehen dahin, wo unsere Zielgruppe sitzt! So zeigen wir 14 Tage lang wir auf unseren Social-Media-Kanälen, Twitter, Instagram und LinkedIn die Geschichten der Gewinnerinnen, teilen die Laudationen der unserer Jury und Partner und haben Formate wie den virtuellen "Coffee Talk" entwickelt, bei dem Themen rund um bspw. Tech, Leadership, Digitale Transformation oder Nachhaltigkeit im Mittelpunkt stehen. Mehr denn je war unsere Storytelling-Expertise gefragt. Denn nur eine echte Geschichte führt zu echten Emotionen.

"Eine analoge Veranstaltung eins zu eins ins Digitale zu übertragen, ist der größte Fehler, den man machen kann."

kress.de: Schnell wurden ja viele Veranstaltungen und Begegnungen, teilweise im Hauruck-Verfahren und oft ein wenig hemdärmelig "digitalisiert". Wie groß war Ihre Sorge, ob so ein anderer Kanal überhaupt funktionieren kann?

Tijen Onaran: Als Global Digital Women haben wir von Beginn an auf die Kraft digitaler Kommunikation gesetzt – unser Glück, muss man sagen. Denn viele vergessen: Eine analoge Veranstaltung eins zu eins ins Digitale zu übertragen, ist der größte Fehler, den man machen kann! Digitale Veranstaltungen benötigen viel mehr Aufwand und gute, durchdachte Kommunikation. Hier zeigt sich, wer bereits digitales Storytelling versteht und wer nicht. Ich kann nicht einfach sagen: "hier klicken und anmelden." Ich muss immer schmunzeln, wenn Veranstalter*innen denken, dass digitale Veranstaltungen weitaus kostengünstiger als analoge sind. Das ist ein Trugschluss. Nur weil die Raummiete wegfällt, bedeutet das nicht, dass sich all die Kosten in Luft auflösen. Als Veranstalter*in muss ich viel mehr in Geschichten denken als bei einer analogen Veranstaltung. Ich muss von Anfang überlegen: Was ist die Geschichte, die ich mit der Veranstaltung erzähle? Im Grunde ist es doch so: Veranstalter*innen werden zu TV-Produzent*innen.

kress.de: Sie haben sich für eine "Journey to Diversity" entschieden, die digital einer Reise durch die Länder Deutschland, Schweiz und Südafrika nachempfunden ist. Was hat Sie zu dieser Umsetzung inspiriert?

Tijen Onaran: Diversität muss immer global gedacht und lokal gemacht sein. Mit der "Journey to Diversity" wollen wir zeigen, dass Diversität weltweit das wichtigste gesellschaftspolitische Thema der Zeit ist. Häufig begegnet mir in meiner Arbeit immer noch das Statement: "Wir finden keine Frauen" – ob für Jobs, Keynotes oder Berichterstattung. Bei über drei Milliarden Frauen weltweit muss ich immer ein wenig schmunzeln, wenn das Argument kommt. Mit dem Award zeigen wir: Es gibt sie durchaus – die Frauen für die Panels, Jobs und Interviews der Welt. Und in unserem Fall: Es gibt viele digitale Gestalterinnen, ob in der Startup- oder Konzern-Welt!  

"Jetzt zeigt sich, wer die letzten Jahre in eine aktive und treue Community investiert hat."

kress.de: Wie wichtig ist es, sich mit pfiffigem Storytelling in der Flut von Digital-Veranstaltungen und Streaming-Events hervorzuheben?

Tijen Onaran: Das Zauberwort dieser Tage lautet: Community! Jetzt zeigt sich, wer die letzten Jahre in eine aktive und treue Community investiert hat. Ich kann als Veranstalter*in nicht darauf hoffen, dass mein Publikum zu mir kommt. Ich muss dahin, wo mein Publikum ist. Wenn ich weiß, dass meine Zielgruppe auf LinkedIn ist, muss ich LinkedIn Live nutzen. Wenn ich weiß, sie ist auf Instagram, dann Instagram Live. Ich habe seit Februar jede Woche fast jeden Tag eine digitale Veranstaltung moderiert, konzipiert oder auf einer gesprochen. Teilweise habe ich von Zoom-Meetings, Microsoft-Teams-Calls oder LinkedIn-Live-Streamings geträumt – dennoch: All die Learnings konnte ich gemeinsam mit meinem Team in all unsere digitalen Format einbringen und damit auch ein neues Geschäftsmodell für mein Unternehmen schaffen: Beratung und Umsetzung digitaler Formate.

kress.de: Sie setzten als Höhepunkt ja dann doch wieder auf ein sehr "analoges" Event, sogar mit einer Technologie aus dem 19. Jahrhundert: Welche Botschaft soll von den Fahrten Ihrer Diversity-Lokomotive durch Deutschland ausgehen?

Tijen Onaran: Diversität bleibt und verschwindet nicht, lautet die Botschaft! Ich bin ein großer Fan davon, das Digitale mit dem Analogen zu verbinden. Wo andere eine Ausschließlichkeit sehen, sehe ich die ideale Verbindung. Daher ist der Höhepunkt unserer Journey die Lok-Enthüllung, die ich gemeinsam mit der Vorständin der Deutschen Bahn und Vorstandsvorsitzenden von DB Cargo, Sigrid Nikutta, vornehmen werde. Eine Lok, die mit "Diversity und Digitalisierung" gebranded ist – wie großartig ist das bitte? Historisch und zugleich so ein immanent wichtiges Zeichen. Diversität geht uns alle an und Diversität soll auch überall gesehen und wahrgenommen werden. What you can see, you can be, heißt es! Wenn eine Lok mit einem Diversity-Schriftzug versehen ist, wird jede*r beim Anblick daran erinnert, dass es ein wichtiges Thema ist. Und das Wichtigste: Es erreicht die Menschen, die außerhalb unserer digitalen Filterblase sind.

"Ich immer wieder erstaunt, dass wir in Deutschland immer noch nicht vollständig erkannt haben, wie Business-relevant Diversität ist."

kress.de: Wie schwer war es eigentlich, die Deutsche Bahn dafür zu gewinnen?

Tijen Onaran: Ehrlich? Gar nicht! Die Deutsche Bahn setzt sich seit Jahren für Diversity und Inclusion ein, sowohl extern als auch intern und hat Diversity-Netzwerke verschiedener Art. Tatsächlich erlebe ich in meiner Arbeit aber häufig das Gegenteil. Dann heißt es erst: "Warum braucht es überhaupt Diversität?" und gar nicht "Wie können wir diverser werden?" Natürlich braucht es das Warum, um zum Wie zu kommen. Dennoch bin ich immer wieder erstaunt, dass wir in Deutschland immer noch nicht vollständig erkannt haben, wie Business-relevant Diversität ist! Ich arbeite aber jeden Tag darauf hin, dass sich das endlich ändert.

kress.de: Letzte Frage: Welche neuen Anregungen, Ideen und nicht zuletzt Netzwerk-Partnerinnen konnten Sie für sich persönlich aus der Zusammenarbeit mit den "Digital Female Leaders" ziehen?

Tijen Onaran: Mich haben die Gewinnerinnen aus (Süd-)Afrika sehr beeindruckt: Leah Molatseli, die mit ihrem Startup virtuelle Rechtsberatung anbietet, oder Sibongile Mongadi. Sie ist Gründerin, die mit ihrer Firma leichte Prothesen produziert und damit vielen Menschen hilft. Ich bin immer dann schwer beeindruckt, wenn Digitalisierung einen wirksamen Beitrag zu mehr Teilhabe ermöglicht. Das ist das, was ich persönlich am meisten von der Zusammenarbeit mit den Digital Female Leadern lerne: Digitalisierung schafft Zugänge – in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Der Award zeigt, dass wir es geschafft haben über Deutschland hinaus Frauen zu erreichen und sichtbar zu machen! Mein Traum: eine analoge Delegationsreise mit Digital Female Leadern, um in verschiedenen Ländern Einblicke in Digitalisierungsprojekte und Vorhaben zu erhalten. Gutes Ziel, oder?

Zur Person: Tijen Onaran ist Unternehmerin, Autorin, Speakerin und Moderatorin. Mit ihrem Unternehmen Global Digital Women berät sie Unternehmen in Diversitätsfragen, vernetzt Frauen aus der Digitalbranche und macht diese sichtbar. Sie gehört laut Manager Magazin zu den top 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft und publiziert regelmäßig in verschiedenen Magazinen Beiträge zu Digitalisierung, Diversität und Personal Branding. Alle Infos zum Wettbewerb Digital Female Leader Award und zur "Journey to Diversity" finden sich hier.

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