Job-Kolumne: Ewig angestellt - wie verliere ich die Angst vor dem Absprung?

 

Wer schon viele Jahren beim selben Medienhaus angestellt ist, fürchtet oft den Wechsel. Der neue Job könnte sich als Irrtum herausstellen. Oder man könnte schon in der Probezeit scheitern. Mediencoach Attila Albert sagt, wie Medienprofis die Angst vor einem Absprung loswerden.

Eine Nachrichtenredakteurin überlegte schon seit mehr als fünf Jahren, ob sie nicht zurück an ihren Geburtsort ziehen sollte. Ihr Lebenspartner lebte dort, er hatte sie bei dem Umzug damals nicht begleitet. So pendelten beide abwechselnd an den Wochenenden. Sie war zudem seit längerem unzufrieden mit dem Redaktionsklima. Nun hatte ein passendes Job-Angebot. Sie würde zwar nicht aufsteigen, könnte aber ihr Einkommen weitgehend halten. Zudem würde das Pendeln und die Zweitwohnung entfallen. Aber plötzlich zögerte sie: Sollte sie eine neue Probezeit riskieren, war ihr Job nicht eigentlich doch ganz gut?

Der CvD einer Regionalzeitung war seit mehr als 25 Jahren im gleichen Verlag, er hatte sich vom Layouter hochgearbeitet. Seit mehreren Jahren kämpfte er mit klaren Anzeichen eines Burnouts, trank nach Feierabend regelmäßig zu viel, war äußerst unzufrieden und frustriert. Das Arbeitsvolumen hatte durch den digitalen Ausbau – neben Print – ständig zugenommen, gleichzeitig war sein Team kleiner geworden. Vom Chefredakteur fühlte er sich immer mehr in seinen Entscheidungen eingeschränkt. Er überlegte, sich als IT-Berater selbstständig zu machen. "Aber ich habe ehrlich Schiss, mich zu verändern – nach all den Jahren hier!"

Die Angst, einen Fehler zu machen

Die Angst vor dem Absprung grassiert häufig bei Medienprofis, die schon sehr lange beim selben Arbeitgeber sind. Wer sich manchmal seit Jahrzehnten nicht mehr verändert hat, bekommt nicht selten einen Anflug von Panik: Begehe ich gleich den Fehler meines Lebens – freiwillig einen Vertrag aufgeben, den ich so nie wieder bekomme? Was, wenn ich merke, dass der geplante nächste Schritt der falsche war? Ich kann das gut nachvollziehen. Ich habe selbst nach 23-jähriger Tätigkeit bei einem Großverlag (davon 20 Jahre angestellt) einen guten dotierten Altvertrag von mir aus gekündigt. Deshalb heute einige Gedanken dazu.

Zuerst: Diese Überlegungen sind normal und verständlich. In dieser Form führen sie aber dazu, dass Sie sich im Kreis drehen. Wägen Sie nicht immer wieder neu ab, ob Sie bleiben oder gehen sollten. Bei diesem Ansatz ist die Antwort klar: Sie werden sich für risikoärmere Variante entscheiden, also "erst einmal bleiben", auch wenn das schon seit Jahren so geht. Der häufigste Grund: Sie sind für Partner, Kinder oder eine Hypothek verantwortlich und nicht davon überzeugt, dass es woanders entscheidend besser wäre. Gleichzeitig wissen Sie, warum Sie wechseln wollen – schon sind Sie wieder am Anfang Ihrer Überlegungen.

Nicht nur "nachdenken", aktiv werden

Konzentrieren Sie sich besser darauf, über Alternativen nicht nur zu "nachdenken", sondern sie aktiv zu entwickeln. Das heißt: Fortlaufende Bewerbungen (drei bis fünf pro Monat sind ein gutes Maß) oder eine Selbstständigkeit wirklich einmal im Detail planen. Dabei erkennen Sie, ob Sie etwas so sehr begeistert oder interessiert, dass Sie das unbestreitbare Risiko eines Wechsels in Kauf nehmen würden. Dieser Prozess bringt Sie auch überhaupt erst in die Lage, etwas entscheiden zu können. Ansonsten wälzen Sie zwar Ihre Gedanken hin und her, haben jedoch gar keine echte Alternative, z.B. ein konkretes neues Job-Angebot.

Daneben sollten Sie zwischen echten Risiken (z.B. einige Zeit arbeitslos, wenn es schief geht) und überzogenen Befürchtungen (dass Sie z.B. "nie wieder" zum alten Arbeitgeber zurück könnten) unterscheiden und sich dabei fragen, welche Sie tragen könnten. Könnten Sie beispielsweise einige Monate ohne Einkommen oder mit Arbeitslosengeld auskommen, ließe sich beim bisherigen Arbeitgeber eventuell eine Abfindung als Sicherheitspolster aushandeln? Trauen Sie sich dabei ruhig eine gewisse Stärke zu: Aus welchem Grund sollten ausgerechnet Sie nicht schaffen, was anderen auch gelungen ist?

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Rückkehr selten gewünscht

Eine Rückkehr in den alten Job ist möglich, wenn sich der Wechsel (z.B. in die PR) doch als Fehler herausstellen sollte, wie viele Beispiele zeigen. Er bleibt aber die Ausnahme. Es waren fast immer gewichtige Gründe, die jemand einen jahrelangen Arbeitsvertrag kündigen ließen, und der Entscheidung gingen unendliche Abwägungen voraus. Wer den Schritt endlich gewagt hat, sagt sich fast immer: Ein Zurück gibt es nicht mehr. Häufiger probieren Medienprofis nach langer Festanstellung verschiedene Jobs und Ideen aus. Ein neuer Mut zum Wechsel, wenn man nun sowieso schon in dieser Situation ist. Vertrauen Sie in Ihre Fähigkeit, Ihre Pläne bei Bedarf später fortlaufend anzupassen.

Manchmal arbeite ich mit Coaching-Klienten, die ihren Vertrag kündigen wollen, weil sich ihre Stelle inhaltlich oder organisatorisch verschlechtert hat (z.B. nach der Fusion von Redaktionen) oder die Beziehung zum Chef sie belastet. Andere gehen, weil sie bei ihrem bisherigen Arbeitgeber finanziell, inhaltlich oder hierarchisch keine Perspektive sehen. Sie könnten bleiben, aber zu dem Preis, dass sie Jahre verlieren, in denen sie sich woanders entwickeln könnten. Falls Sie mit sich ringen: Verschieben Sie nicht alles auf eine ferne Zukunft, "wenn die Kinder das Abi haben", "wenn das Haus abgezahlt ist", "wenn meine Eltern nicht mehr sind". Wer über 40 ist, hat nicht ewig Zeit für einen Neustart.

Das Geheimnis eines angstfreien Wechsels ist einfach: Ihr Ziel muss attraktiver sein als das, was Sie bisher haben, damit die Risiken aufwiegen. So wird aus einem verzagten "Oh Gott, was kann da alles schief gehen" ein aufgeregtes "Endlich weg hier, Zeit für etwas Neues". Fragen Sie für Ratschläge übrigens nicht diejenigen, die seit Ewigkeiten nicht den Job gewechselt haben (z.B. ängstliche Eltern). Sondern jemanden, der sich getraut hat, etwa ehemalige Kollegen, die jetzt woanders arbeiten oder selbstständig sind. Das wird Sie ermutigen und motivieren, vage Ängste durch pragmatische Pläne zu ersetzen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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