Warum G+J Chef Bernd Kundrun wirklich ging

 

Er war elf Jahre im Vorstand von Gruner + Jahr, davon achteinhalb als Vorsitzender. Sein Abgang aus dem Bertelsmann-Universum wirkte abrupt. Im aktuellen kress pro-Interview sagt Bernd Kundrun, warum er 2008 mit gerade mal 51 Jahren komplett von der Medienbildfläche verschwand. 

kress pro: Herr Kundrun, was machen Sie im Moment?

Bernd Kundrun: Meine Tätigkeit besteht im Prinzip aus drei Säulen: Ich nehme verschiedene Aufsichts- und Verwaltungsratsposten wahr – bei RTL, der Neuen Zürcher Zeitung und bei CTS Eventim. Gemeinnützig engagiere ich mich bei der Spendenplattform betterplace.org und als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen. Zu guter Letzt bin ich über meine Venture-Capital-Firma derzeit in neun Startups investiert.

kress pro: Mit dem Ende Ihrer Zeit bei Gruner + Jahr verschwanden Sie komplett von der Bildfläche, mit gerade mal 51 Jahren. Warum? 

Kundrun: Nach elf Jahren im Vorstand, davon achteinhalb als Vorsitzender, habe ich mich gefragt: Was ist mein weiterer Lebensplan? Ein Buch mit vielen Wiederholungskapiteln? Oder fange ich an, ein völlig neues Kapitel aufzuschlagen? Ich hatte den Wunsch, mich neu zu erfinden – und zwar ganz bewusst nicht kommerziell.

kress pro: Ihr Abgang aus dem Bertelsmann-Universum wirkte dennoch abrupt. Hatte es am Ende wirklich nur mit einem Bericht im "Manager Magazin" zu tun, durch den herauskam, dass Sie mit ProSiebenSat.1 Gespräche geführt hatten? 

Kundrun: Die Gespräche in Unterföhring und der besagte Artikel waren Auslöser. Die Gründe lagen viel tiefer. Mir war klar, dass ich in einem sehr printorientierten Geschäft künftig weniger mit Aufbruch als mit Rückbau zu tun haben würde. Das wollte ich nicht. Mein Kontakt zu Bertelsmann ist bis heute aber gut. Sonst wäre ich sicher nicht in den Verwaltungsrat von RTL berufen worden.

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kress pro: Sie haben eine Million Euro aus Ihrem Privatvermögen in die Spendenplattform betterplace.org investiert. Reiner Altruismus oder die Vision eines lohnenden Geschäftsmodells? 

Kundrun: Neben diesem Geld habe ich vor allem viel Zeit und Herzblut investiert. Das Konzept von betterplace.org war und ist, viele kleine Hilfsprojekte zu unterstützen, indem man ihre Kommunikation verbessert – eine Art "Facebook des Guten". Trotzdem standen wir in der Vergangenheit bereits mehrere Male kurz vor dem Exitus. Mittlerweile sind wir über dem Berg, aktuell werden auf dem Portal über 30.000 Projekte vorgestellt. Und wir verdienen, obwohl gemeinnützig, sogar Geld.

kress pro: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Investments aus? 

Kundrun: Ich investiere nicht so gerne in Unternehmen mit Weltanspruch. Stattdessen investiere ich in Konzepte, die in ihrem Segment ein nicht so schnell nachahmbares Knowhow bilden können. In meinem Portfolio ist zum Beispiel ein Pflegeportal, das mit einem tiefgreifenden Markt-Knowhow auf lokaler Ebene funktioniert, so dass es nicht durch einen Algorithmus ersetzt werden kann.

kress pro: Warum gibt es bei uns kaum Startups mit vielversprechenden, inhaltegetriebenen Geschäftsmodellen? 

Kundrun: Ich habe diese Geschäftsmodelle als Privatinvestor bewusst nie gesucht. Es bleibt dabei, dass die Monetarisierung in diesem Segment immer noch schwierig ist. Ausnahmen sind Plattformen wie Youtube und soziale Netzwerke. In diesen Bereichen sind die US-Unternehmen aufgrund ihrer hohen Bewertungen im Vorteil und verdrängen über kurz oder lang jede Konkurrenz.

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Das Interview mit Bernd Kundrun ist in kress pro-Ausgabe 8/2020 erschienen. Darin sagt Verlegerin Isabella Neven DuMont in der Titelgeschichte, warum die DuMont Mediengruppe fast bankrott war, warum sie dem Verkauf der Zeitungen in Berlin, Hamburg und Halle zugestimmt hat und wie das Verhältnis zu ihrem Vater war.

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