Unruhe bei der Handelsblatt Media Group

26.11.2020
 

Das Handelsblatt tauscht sein Führungspersonal aus: Chefredakteur Sven Afhüppe und - offenbar auch sein Vize Thomas Tuma - verlassen das Haus. Es soll dabei auch um den Sparkurs der Verlagsleitung um Verleger Dieter von Holtzbrinck gehen. Über die angespannte Lage bei der Handelsblatt Media Group berichtet der Wirtschaftsjournalist.

Er freue sich sehr darüber, "dass mit Sebastian Matthes ein publizistischer Digitalexperte aus der Chefredaktion heraus das Handelsblatt in seiner publizistischen Kraft weiter ausbauen kann und dabei noch konsequenter die Vorteile der Digitalisierung für Leser und User im Einklang mit verstärkten vertrieblichen Aktivitäten nutzt", sagte Handelsblatt-Verleger Dieter von Holtzbrinck am Mittwochnachmittag zum Führungswechsel bei der Wirtschafts- und Finanzzeitung.

Sebastian Matthes (43) übernimmt zum Jahresbeginn 2021 die Chefredaktion des Handelsblatts. Er wirkte seit Jahresbeginn 2018 als Stellvertreter des Chefredakteurs und Head of Digital des Handelsblatts.

Sven Afhüppe (49), seit 2015 Co-Chefredakteur, seit 2016 alleiniger CR des Handelsblatts und seit 2018 assoziiertes Mitglied der Geschäftsführung, verlässt die Handelsblatt Media Group noch im Dezember.

Für den vertriebsoptimierten Weg, den Verleger Dieter von Holzbrinck in seinem Statement vorzeichnet, stand Afhüppe wohl nicht zur Verfügung, spekuliert der Spiegel. Dem Nachrichtenmagazin zufolge steht auch Afhüppes Stellvertreter Thomas Tuma (56) vor dem Absprung. Tuma war lange Ressortleiter Wirtschaft beim Spiegel. Sowohl Tuma als auch Afhüppe gelten als journalistisch-inhaltliche Triebkräfte in der Handelsblatt-Chefredaktion und sehen nach Informationen des Spiegel den Sparkurs der Verlagsleitung um Verleger Holtzbrinck kritisch.

Der Wirtschaftsjournalist, der wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer erscheint, berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, die vor dem Führungswechsel erschien, ausführlich über die angespannte Lage bei der Handelsblatt Media Group.

Wirtschaftsjournalist-Chefredakteur Wolfgang Messner beantwortet dabei folgende Fragen:

Wie ist die Lage bei der HMG?

Die Handelsblatt Media Group hatte im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von etwas mehr als 200 Millionen Euro erzielt. Wie Oliver Finsterwalder von der Holding DvH-Medien GmbH bei einem virtuellen Townhall Meeting am 30. April sagte, erwartet die Gruppe im Corona-Jahr Einbußen beim Umsatz in Höhe von 15 bis 20 Prozent. Das wären bis zu 40 Millionen Euro (Wirtschaftsjournalist 03/2020). Andere Quellen sagen inzwischen, dass am Ende dieses Katastrophenjahres eventuell der Umsatzeinbruch abgemildert werden könnte. Dann könnte da ein zweistelliger Millionenverlust stehen. Das aber nur in dem Fall, wenn es keine Sparmaßnahmen geben wird. Doch die hat die HMG bereits Anfang Oktober angekündigt - bis zu 80 Stellen sollen wegfallen, wie der Wirtschaftsjournalist am 6. Oktober via kress. de (ebenfalls Oberauer-Verlag) exklusiv vermeldete. Zusätzlich fallen noch Restrukturierungskoosten für Abfindungen und den Sozialplan von geschätzt 5 bis 6 Millionen Euro an. Greifen diese Maßnahmen, würde sich den Berechnungen zufolge der zu erwartende Verlust auf in etwa die Hälfte reduzieren.

Wo will die HMG sparen?

Nach Recherchen des Wirtschaftsjournalist sollen beim Handelsblatt 28 Stellen wegfallen und gleichzeitig acht neue geschaffen werden. Bei der Wirtschaftswoche sollen zehn Jobs gestrichen werden und gleichzeitig zwei neue entstehen. HMG-Sprecherin Aylin Menemencioglu bestätigte sowohl den Abbau von "ca. 80 Arbeitsplätzen im ganzen Haus", auch die "Größenordnung in den Redaktionen" stimmten in etwa. Inklusive der Verkäufe des Fachverlags und Ada würde sich die HMG von gut 130 bis 150 Beschäftigten trennen.

Genaueres sollen die Sondierungen mit den Betriebsräten ergeben, die erst vor Kurzem begonnen haben. "Das bedeutet, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen können, in welchen Bereichen die Stellen konkret abgebaut werden", sagt die HMG-Sprecherin. "Dies alles ist Bestandteil der Gespräche, mit denen wir gerade erst begonnen haben. Zudem planen wir nicht nur einen Stellenabbau, sondern auch gleichzeitig den Aufbau einiger Stellen, mit denen wir Zukunftsfelder besetzen wollen", so die Sprecherin weiter.

Welche Jobs sind gefährdet?

In der gesamten HMG sollen nach Wirtschaftsjournalist-Informationen neben knapp 30 Stellen in der Redaktion bis zu 50 Stellen in anderen Unternehmensbereichen verloren gehen. Am Ende sollen bis zu 80 Jobs eingespart werden. In den Redaktionen sollen dabei überwiegend "nicht schreibende" Mitarbeiter betroffen sein. Gemeint sind wohl Sekretariate, Produktion, Grafik, Infografik und Fotoredaktion. Die Lage im Veranstaltungsgeschäft hingegen ist unklar. Da das Eventgeschäft praktisch zum Erliegen gekommen sei, werde die Kurzarbeit für die EuroforumBeschäftigten bis Ende 2021 verlängert, heißt es.

HMG-Sprecherin Menemencioglu bestätigt auch diese Angaben: "Gerade die Veranstaltungsbranche wurde sehr stark von Corona getroffen. Wir gehen allerdings davon aus, dass sich die Lage auch wieder erholt und wir die Kurzarbeit jederzeit wieder beenden und somit unser starkes Event-Team kurzfristig und komplett reaktivieren können", erläutert die HMG-Sprecherin. Erholt sich das Geschäft jedoch nicht oder nicht so schnell wie erhofft, dann seien auch in diesem Bereich Stellenstreichungen unumgänglich, heißt es aus Managementkreisen. Wie viele Arbeitsplätze in diesem Bereich gestrichen werden sollen, sei aber gegenwärtig noch ungewiss.

Wie lautet die Begründung?

Die Corona-Krise zwinge die HMG, genauso wie viele andere Unternehmen und Medienhäuser auch, Sparmaßnahmen zu ergreifen und Einsparpotenziale zu identifizieren, teilt das Unternehmen mit. Weitere Angaben oder Erläuterungen zu den Sparzielen wollte die HMG nicht abgeben. Bis zum 6. November lief ein Programm für den freiwilligen Ausstieg. Danach durften die Mitarbeiter pro Kopf ein halbes Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr und 20.000 Euro mitnehmen. Alles weitere wird über einen Sozialplan geregelt. Die Maßnahmen sollen bis zum Ende des Jahres umgesetzt werden, "damit alle Seiten möglichst schnell Klarheit haben" und man wieder nach vorne schauen könne. Grundsätzlich könne es aber auch in so schwierigen Zeiten wie den gegenwärtigen "nicht darum gehen, bloß hinterherzusparen". "Vielmehr ist unser Ziel, uns kraftvoll für die Zukunft zu positionieren, uns konsequent und klug für die digitale Transformation aufzustellen und somit die Krise als Chance zu verstehen", so die Sprecherin weiter.

Wie finanziert sich die Handelsblatt Media Group? Warum tauscht die HMG in dieser schweren Zeit ihre Hausbank gegen einen schwedischen Finanzinvestoren aus? Wer steht auf der Brücke? Wie gut ist Andrea Wasmuth? Was wird aus Ada?

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Der Wirtschaftsjournalist erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Wolfgang Messner.

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