Exklusiv: Bei Berichten von Tagesschau, heute-journal und Co. sind Frauen im Krisenjahr noch weniger gefragt als sonst

 

Media Tenor-Chef Roland Schatz hat exklusiv für kress gezählt, wie oft in ausgewählten TV-Nachrichtenformaten von ARD, ZDF, BBC und SRF über Männer und Frauen berichtet wird - Zeitraum: 2012 bis 2020. Das Fazit von Schatz ist für die Intendanten bzw. Chefredaktionen der jeweiligen Sender alarmierend.

Können Frauen keine Krise?

Ausgerechnet im Covid-19 Jahr spielen Frauen in den Hauptnachrichten-Sendungen von ARD und ZDF eine noch geringere Rolle als in den Jahren zuvor. Dabei hatte nun auch die EU Kommission mit Ursula von der Leyen erstmals ihre Führung nicht länger in die Hände eines Mannes gelegt. In Berlin - wie auch in Bern und lange Zeit in London - werden die Geschicke des Landes ebenfalls von einer Frau verantwortet - aber weder bei der BBC noch in den Hauptnachrichten-Sendungen des Schweizerischen Fernsehens macht sich dies bemerkbar: Wer abends in den 133.374 von ZDF heute und heute journal ausgestrahlten Berichten oder den 129.442 Berichten bei  ARD Tagesschau und Tagesthemen bzw den 54.774 Berichten der BBC ten o'clock news sowie den 69.469 Berichte in SRF Tagesschau herausfinden wollte, was sich im Bereich Politik, Wirtschaft, Gesundheit, Bildung, Wissenschaft etc. vom 1.Januar 2015 bis zum 1.11.2020 getan hat, bekam dies unverändert im Verhältnis 8:2 über Männer vermittelt (siehe Grafik).

Dass den Intendanten bzw. Chefredaktionen der jeweiligen Sender dieses massive Ungleichgewicht nicht auffällt, ist eine Sache. Dabei stehen umfangreiche Abteilungen mit üppigen Budgets parat, Daten über die Sende-Inhalte zu vermitteln. Aber offensichtlich schauen auch die Fernseh-Räte bei allen vier öffentlich-rechtlichen Anstalten eher weg, wenn abends "Das Wichtige vom Tag" präsentiert wird - anders ist nicht zu erklären, warum die ranghohen Vertreter der Gesellschaft diesen jahrelangen Verstoss gegen SDG5 hinnehmen. Obwohl sie in diesem hohen Amt eigentlich die Interessen der Gebührenzahlenden vertreten sollten.

Bei den Kollegen des öffentlich-rechtlichen Senders SABC half schon vor Jahren, einmal pro Woche in der Redaktions-Konferenz sich ausweisen zu lassen, ob bei Interview-Anfragen, bei Darstellungen von Sach-Themen kompetente Frauen wie Männer sichtbar waren. Gab es in die eine oder andere Richtung Unwuchtungen, konnte dies entspannt in der Folgewoche ausgeglichen werden. Warum sollte das nicht auch in "Good Old Europe" möglich sein?

Zur Person: Roland Schatz ist Gründer und geschäftsführender Chefredakteur des internationalen Forschungsinstitutes Media Tenor mit Sitz in Zürich.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.