Was Ihr Chef denkt, wenn Sie mehr Geld wollen

 

Der langjährige Chefredakteur Christian Lindner beschreibt in seiner kress pro-Kolumne ein Dilemma in Medienhäusern: Wenn alle mehr Geld wollen. Welche Lösung er anbietet.

Lassen Sie uns über Geld reden. Nicht über Umsatz - in diesem Jahr ist das unerquicklich. Auch nicht über Ihr nächstes Budget - in jedem vierten Quartal ist das ein Stimmungskiller. Nein: Geld wie Gehalt. Geld wie trügerische Verheißung.

Viele von uns haben sie aufgehoben: Unsere erste Gehaltsbescheinigung. Schon damals lernten wir, dass Geld eine flüchtige Fiktion ist: Im ersten Monat faszinierte uns das erste Gehalt noch. Es machte uns zufrieden. Ein paar Monate später hatten wir uns an dieses Geld gewöhnt. Noch ein paar Monate später wollten wir mehr davon - und machten unser Wollen und Leiden an den Zahlen oben und unten auf unserem Gehaltszettel fest.

Als Führungskraft haben Sie mit diesem Phänomen dutzendfach zu tun, nun aus anderer Perspektive. Wie die meisten Medienhäuser hat sich auch Ihr Unternehmen aus dem Tarif gelöst. Wenn Ihre Leute mehr Geld möchten, blicken sie nun nicht mehr auf eine Tabelle, sondern in Ihre Augen. Sie sitzen vor Ihnen und begründen, warum sie mehr verdienen, als sie bekommen. Und Sie sollen das auch so sehen und umsetzen. Möglichst bald und spürbar. Nicht nur brutto bitte.

Für Ihre Leistungsträger finden Sie dann sogar Wege. Trotz aller Sparzwänge und Kostendeckelung. Sie gehen mit Ihrem Geschäftsführer in den Clinch, verteidigen die Aufstockungen in den harten Knetrunden des Budgets, zaubern, ermöglichen das Unmögliche.

Doch wenn Sie Ihr "Ich schau mal, was ich für Sie tun kann"-Versprechen einlösen, setzt schon ab dem Moment der Verkündung das Zerrieseln dieser scheinbaren Glücksverheißung namens Geld ein. Sie teilen Ihrem Mitarbeiter mit, ab wann es wie viel mehr gibt - und Sie werden selbst von Leuten, die sich mit Wirtschaft auskennen, gefragt: "Brutto oder netto?" Oder der Gesichtsausdruck des Beglückten verrät Ihnen seinen Argwohn, womöglich zu wenig gefordert zu haben. Und selbst bei Mitarbeitern, die anfangs glücklich mit der in Zahlen umgemünzten Wertschätzung sind, können Sie sicher sein: Das neue Gehaltsniveau wird rasch Gewohnheit, und es wird nicht lange dauern, bis das Bedürfnis nach Anerkennung erneut mit dem Wunsch nach mehr Geld verknüpft wird.

Tipp: Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen.

Nun wissen Sie als Führungskraft am besten, wie fata-morganisch Gehalt ist. Sie verdienen jetzt ein Vielfaches von dem, was sie als Berufsanfänger bekamen. Sind Sie entsprechend glücklicher? Gewiss nicht. Sie haben jetzt ein Gehalt, mit dem Sie sich mit Anfang 30 Ihre größten Träume hätten erfüllen können. Bleibt heute etwas übrig? Auch ohne Traum-Käufe rätselhaft wenig. Sie kennen leistungsbezogene Sonderzahlungen in der Höhe eines Jahresgehaltes von Berufseinsteigern. Hängen Sie sich etwa deshalb so in Ihren Job rein, wie Sie es tun? Natürlich nicht: Sie rackern aus Leidenschaft, nicht wegen der Gratifikation. Und würden Sie in jedes Haus unserer Branche gehen, wenn nur das Geld stimmt? Für die meisten von uns zählen da ganz andere Kriterien.

Nein, Sie haben gelernt: Bezahlung ist nur eine Komponente für Zufriedenheit im Job - und längst nicht die wichtigste. Viel maßgeblicher ist ein Mix, der deutlich diffuser und letztlich viel schwerer zu managen ist als die Zahlen auf dem Gehaltszettel: Menschen arbeiten gerne, wenn ihre Talente, Bedürfnisse, Werte, Ziele und Persönlichkeit zu ihrer Aufgabe sowie zu Mission und Klima ihrer Firma oder zumindest ihrer Abteilung passen.

Dumm ist nur: Mitarbeiter, die gerne mehr Geld hätten, wissen, dass Sie als Führungskraft deutlich mehr verdienen. Ihre Argumentation, dass mehr Geld auch nicht glücklicher macht, würde Ihre Leistungsträger eher an Ihrer Einfühlungsgabe zweifeln lassen als ruhigstellen.

Ihnen wird nichts anderes übrigbleiben, als immer wieder ein Kunststück fertig zu bringen: Ihre guten Leute besser bezahlen - vor allem aber mit Arbeitsbedingungen segnen, die diese dazu bringen, ihr Gehalt nicht zu wichtig zu nehmen. Schwierig? Ja. Aber wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder.

Ihr Christian Lindner, Christian Lindner Consulting

Medienberater Christian Lindner schreibt in kress pro die Kolumne "Personalfragen". Titelstory der aktuellen kress pro-Ausgabe ist ein Interview mit dem Personalberater Christoph Hartlieb. kress pro präsentiert darin auch "Die 25 wichtigsten Personalberater": Wer die Spitzenjobs im Mediengeschäft vergibt: Headhunter, die Sie kennen sollten. Sie können die aktuelle kress pro- Ausgabe 9/2020 in unserem Shop kaufen.

Dazu: Wie die SZ ihre Digitalabos in nur einem Jahr verdoppelt hat. Wie Georg Kofler jetzt mit Social Media sein Geld verdient. Das neue kress pro gleich in unserem Shop bestellen.

Ein kress pro-Abo können Sie in unserem Shop ebenfalls abschließen. Es bietet Ihnen unlimitierten Zugriff auf mehr als 200 Best-Cases aus Vertrieb, Vermarktung, Personal, Redaktion und Strategie und mehr als 50 Strategie-Gespräche mit den Top-Leadern der Branche. 40 Dossiers sind zudem im Abo inklusive.

Sie sind bereits Abonnent? Dann loggen Sie sich bitte unter Mein kress ein und lesen das aktuelle E-Paper.

kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.