Presserat rügt Bild.de, Rheinische Post und SZ

 

Der Deutsche Presserat unter Geschäftsführer Roman Portack spricht Rügen gegen Bild.de, die Rheinische Post und die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung aus. Auslöser ist jeweils die Berichterstattung der Häuser über die mehrfache Kindstötung in Solingen.

Alle drei Zeitungen hatten Passagen aus einem WhatsApp-Chat zwischen dem einzigen überlebenden elf-jährigen Sohn und dessen zwölf jährigen Freund bzw. einer Freundin veröffentlicht.

Der Presserat sah in den Veröffentlichungen des privaten Chatverlaufs zweier Kinder vor dem Hintergrund eines traumatisierenden Ereignisses eine Verletzung ihrer Menschenwürde nach Ziffer 1 des Pressekodex.

Die Redaktionen verstießen zudem gegen Ziffer 11, Richtlinie 11.1 des Pressekodex, wonach über einen seelisch leidenden Menschen nicht in einer über das öffentliche Interesse hinausgehenden Art und Weise berichtet werden soll. Nach Richtlinie 11.2 hätten die Redaktionen das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam abwägen müssen.

Der Bericht bei Bild.de stand unter der Überschrift "Freund Max telefonierte mit dem Sohn, der überlebte". Er verstieß zudem gegen den Opferschutz nicht nur des überlebenden Jungen, sondern auch dessen Freundes, der den Chat zur Verfügung gestellt hatte. Die Redaktion hatte – mit Zustimmung der Mutter – zudem dessen Foto veröffentlicht. Hier hätte die Redaktion ihrer Eigenverantwortung nachkommen müssen und sich nicht auf die Freigabe durch die Mutter verlassen dürfen, sagt der Deutsche Presserat. Nach Ziffer 8, Richtlinie 8.3 des Pressekodex dürfen Kinder bei der Berichterstattung über Straftaten in der Regel nicht identifizierbar sein.

Bild.de erhielt eine weitere Rüge für Artikel, in denen Fotos zahlreicher äußerer Details vom Tatort-Haus bis hin zur Hausnummer veröffentlicht waren und an denen kein berechtigtes öffentliches Interesse bestand.

Die Süddeutsche Zeitung hatte in ihrem gerügten Online-Artikel die komplette Adresse des Tatorts genannt. Hier überwogen nach Ansicht des Presserats die schutzwürdigen Interessen der mutmaßlichen Täterin und der Opfer.

Alle drei gerügten Redaktionen hatten nachträglich die WhatsApp-Nachrichten aus ihrer Berichterstattung gelöscht. Angesichts der Schwere der Verstöße sah der Beschwerdeausschuss aber nicht von den Rügen ab.

Über die Veröffentlichung des WhatsApp-Chats auf Bild.de hatten sich 171 Leserinnen und Leser beim Presserat beschwert.

Hintergrund: Der Deutsche Presserat ist die Freiweillige Selbstkontrolle der Printmedien und deren Online-Auftritte in Deutschland. Anhand von Beschwerden überprüft er die Einhaltung ethischer Regeln für die tägliche Arbeit von Journalisten, die im Pressekodex festgehalten sind.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.