Köpfe-Interview mit Murat Mermer: Wie TV- und Streaming-Manager jetzt neue Verwertungsketten aufbauen

 

Corona stellt die TV- und Streaming-Branche auf den Kopf: Murat Mermer, als Gründer von Cinehood vielgefragter Experte für zeitgemäße Bewegtbild-Vermarktung, analysiert, wie sich die Marktkräfte aktuell unter Druck neu sortieren  - und was Manager nun beachten müssen.

kress.de: Herr Mermer, Streaming boomt, die Kinobranche leidet. Sie beobachten und analysieren schon lange die Bewegtbildbranche. Was ist Ihre Einschätzung: Wird es zukünftig eine völlige Neuordnung der üblichen, zeitlich vormals exakt gestaffelten Auswertungsfenster von großen Stoffen geben?

Murat Mermer: Absolut, die aktuelle Entscheidung von WarnerMedia, ihr Line-up für 2021 zeitgleich zum Kinostart direkt ins Streaming zu geben, ist der Startschuss für die Neuordnung. Das es eine Frage der Zeit war, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Und das nicht erst seit der Pandemie. Trotzdem haben sich viele Companies bewusst zurückgehalten, gravierende Veränderungen einzuleiten, um nicht als Buhmann zu gelten und da es nach wie vor noch nicht absehbar ist, wen man als Verleiher auf Seiten der Kinos mittel- und langfristig als Verbündete brauchen wird.

kress.de: Wie wird sich denn nun konkret so die gewohnte Abfolge über Pay-Modelle bis hin zum Free-TV verändern?

Murat Mermer: Diese Frage kann man pauschal nicht beantworten. Bei der Distribution und Vermarktung wird man viel differenzierter und flexibler agieren. Dem Content und den jeweiligen Zielgruppen entsprechend. Das beinhaltet auch, dass die gesamte Branche viel mehr KPI-driven agieren wird.   

"Jetzt zeigt sich ganz genau, welche Marktteilnehmer Akteure sind oder lediglich auf Entwicklungen reagieren."

kress.de: Welche Chancen und welche Gefahren bieten Ihrer Einschätzung nach die neuen Marktbegebenheiten in der Bewegtbildbranche?

Murat Mermer: Das ist in der Tat Fluch und Segen zugleich: Content wird everytime, everywhere on every device verfügbar sein. 5G wird das entsprechend pushen. Die Zukunft beginnt in der Gegenwart. Das bedeutet, dass sich die Teams in den Companies neu aufstellen müssen. Jetzt zeigt sich ganz genau, welche Marktteilnehmer Akteure sind oder lediglich auf Entwicklungen reagieren. Egal ob Produzenten, Verleiher oder die einzelnen Verwertungskanäle: Jetzt wird sich sehr schnell zeigen, wer in den letzten Monaten und Jahren antizipatorisch Vorbereitungen getroffen hat.

"Sehr lehrreich sind die Entwicklungen in der Musik- und Gaming-Branche, aber auch in der ursprünglich traditionellen Automobil-Branche."

kress.de: Wie hätten die Ihrer Meinung nach aussehen müssen?

Murat Mermer: Es ist keine Rocket-Science: Die internen Strukturen der Player müssen den aktuellen und zukünftigen Erfordernissen angepasst werden. Ein Top-Seismograph ist hier zum Beispiel das Recruitment. Hier sieht man auf Anhieb, wer den Markt sauber analysiert und erkenntnisorientiert Entscheidungen trifft. Sehr lehrreich sind hierbei die Entwicklungen in der Musik- und Gaming-Branche, aber auch in der ursprünglich traditionellen Automobil-Branche.

kress.de: Das müssen Sie ausführen.

Murat Mermer: Nehmen wir als Beispiel Mercedes: Hier fand und findet eine permanente mustergültige Transformation vom Auto-Bauer zur digitalen Company für Mobility statt. Je nach Produkt und Service wird es trennscharf nach den Needs der jeweiligen Zielgruppen entsprechend, bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Markenkerns erfolgreich über die verfügbaren Kanäle gespielt.

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kress.de: Sie machen sich schon länger dafür stark, auch unkonventionelle Wege in der Distribution und Vermarktung von Stoffen zu gehen – etwa über Plattformen, die Filmstoffe auf Zuschauerwunsch individuell auf die große Kinoleinwand bringen können, aber auch über Streaming-Tickets, die direkt über die Lichtspielhäuser verkauft werden. Wie ist die Resonanz auf dem deutschen Markt und zu wie vielen Neuansätzen ist die Branche wohl bereit?

Murat Mermer: Das ist unterschiedlich: In der Branche gibt es Bewahrer, Aufgeschlossene und Erneuerer. Aktuell ist da sehr viel Bewegung drin, und die Bereitschaft nimmt seit dem ersten Lockdown sehr stark zu. Schade ist in dem Fall, dass die Kino-KollegInnen nun leider nicht die besten Voraussetzungen für Verhandlungen haben. Über das Jahr verteilt gab es zwar immer wieder unterschiedliche Ansätze von unterschiedlichen Playern, aber keiner davon derart, dass es sämtliche Beteiligte nachhaltig überzeugen und zufrieden stellen könnte. Und nicht zu vergessen: Da hat die FFA noch mindestens ein Wörtchen mitzureden.

"Die Wertschöpfungskette in ihrer bisherigen traditionellen Art ist gerissen."

kress.de: Vermutlich wird man auch Mischformen erwägen müssen: Welche strategischen Empfehlungen für die deutsche Bewegtbildbranche halten Sie für besonders sinnvoll, um aus den Corona-bedingten Wirren auch nachhaltige Zukunftslösungen zu entwickeln?

Murat Mermer: Wichtig ist, dass man ein nachhaltiges System für die gesamte Filmindustrie schafft. Es gilt den Release, das Marketing und Kinofilmen neu zu definieren. Selbstverständlich unter der Berücksichtigung der Kinobranche. Die Wertschöpfungskette in ihrer bisherigen traditionellen Art ist gerissen. Für die Reparatur benötigt es sowohl erfahrene Film-Branchen-Ex- als auch DigiTech-Perts. Nur so können zukünftig alle Branchen-Beteiligten gemeinsam auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Die Partnerschaften sollten nicht von einseitigen Abhängigkeiten motiviert sein, sondern marktgerecht. Unter Berücksichtigung eines gerechten Share-Konzeptes. Prime Video, Netflix und Co. sind keine  Lösungen, sie sollten jeweils Teil des Konzepts sein. Ich habe bewusst Prime Video zuerst erwähnt. Denn wenn, wie wir alle wissen, läuft sich die Mutter Company Amazon gerade erst warm, hat noch nicht mal Anlauf genommen und ist erst recht nicht beim Sprint angelangt. Auch wenn der Aktienpreis von Netflix in der Pandemie rapide gestiegen ist, hat Amazon über alle Services an Revenue und Profit zugelegt. Und verfügt zudem über einen viel größeren Datenpool.

kress.de: Was ist für Sie eigentlich persönlich der Lieblingsort, Spielfilme oder große Dokumentarstoffe zu sehen?

Murat Mermer: Das hängt davon ab, welches Genre und mit wem ich schaue. Bei Action-und Comic Verfilmungen gibt es keine zwei Meinungen, natürlich am liebsten im Kino. Ansonsten bei mir zuhause in der von meinem Sohn neu errichteten Entertainment- und Gaming-Area.

kress.de: Wenn Sie auf Ihren eigenen Werdegang zurückblicken: Welche Erfahrungen, möglicherweise sogar welche Vorgesetzte oder Mentoren, haben Sie am stärksten geprägt?

Murat Mermer: Ganz besonders hat mich mein Professor Lars Clausen geprägt: Gründer des Katastrophenschutzzentrums und einer der Boten bei der Geldübergabe für die Freilassung von Jan-Phillip Reemtsma nach seiner Entführung. Ein absolutes Universal-Genie. Ganz klar, natürlich auch der Filmemacher Klaus Lemke, ein Querdenker und Rock'n'Roller. Sowie mein ehemaliger Vorgesetzter und Chairman Nick Taylor Harvard, der Ruhepol und Elder Statesman.

kress.de: Corona-Zeiten sind auch für taffe Medienprofis kräftezehrend: Wie schaffen Sie Ihren ganz persönlichen Ausgleich, wo tanken Sie die Batterien wieder auf?

Murat Mermer: Das ist eine Kombination aus HIT-Workout, Yoga und Meditation.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Murat Mermer: Das hängt von der jeweiligen Tagesform ab. Aber generell das Zusammenspiel von An-und Entspannung, zum Beispiel Spaziergänge in Natur sowie Themen- und Branchen-übergreifende Beobachtungen, Gespräche mit Menschen jeden Alters und unterschiedlicher Charaktereigenschaften.

"Netzwerken ist das Kerosin und absolut unerlässlich."

kress.de: Sie gelten als bestens verdrahtet in der Branche und führen natürlich schon länger ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Murat Mermer: Netzwerken ist das Kerosin und absolut unerlässlich. Aber im Endeffekt bin ich der der Überzeugung, dass früher oder später immer Personen zukommen, die gemeinsam neue Impulse für Innovationen liefern.    

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